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Als der Forscher und Bergsteiger, Henry Hodgson, im Purvachalgebirge von Myanmar
in einem Schneesturm umkam, war seine einzige
Tochter, Eleanor, gerade zwanzig geworden. Er hinterließ ihr eine ganze Menge
ungewöhnlicher Erfahrungen, die er in fernen Erdteilen gesammelt hatte, aber
sonst sehr wenig. Wegen der substantielleren Lebensnotwendigkeiten musste sie
sich an ihren Onkel Marvin halten, der in der Lage war, sie in
verschwenderischster Weise damit zu versehen. Marvin Hodgson hatte sich mit
seinen Forschungen auf die Quadratmeile Erdoberfläche östlich von "Temple Bar"
(,Temple Bar' war im 17. Jahrhundert das westliche Stadttor zur alten City
Londons) beschränkt und sie äußerst ertragreich gefunden.
Eleanor war ein schlankes, zerbrechliches Geschöpf, mit
klugen Augen, einem energischen Kinn und einem kleinen Mund, der sich nur
öffnete, wenn es sich absolut nicht vermeiden ließ zu reden. Sie gab ihrem Onkel
und ihrer Tante keinerlei Anlass zu Klagen, ließ sich stillschweigend die derben
Späße von deren großen, athletisch gebauten Kindern, Matthew und Lucy, gefallen,
was diese für Humor hielten, und machte sich im übrigen ihre eigenen Gedanken
darüber. In diesem fröhlichen, geräuschvollen Haushalt merkte man sie kaum.
Im darauf folgenden Winter kam Lucy Hodgson auf einer
Treibjagd durch einen Sturz vom Pferd ums Leben. Sechs Monate später spielte
Matthew mit Eleanor ganz albern Bockspringen auf dem Sprungbrett im Schwimmbad
seiner Eltern. Er rutschte aus, wurde gegen eine Seite des Bassins geschleudert
und brach sich das Genick. Marvin und seine Frau hatten ihre Kinder in
kritikloser Bewunderung vergöttert. Der doppelte Schicksalsschlag raubte ihnen
jede Lebensfreude, und als kurz darauf eine Grippeepidemie ausbrach, fielen sie
ihr ohne jeden Widerstand zum Opfer.
Sogar angesichts der augenblicklichen Höhe der
Erbschaftssteuern war Eleanor eine beachtenswerte Erbin. Mit der ruhigen
Überlegung, die sie schon immer gekennzeichnet hatte, machte sie sich auf die
Suche nach einem Mann, der ihrer gesellschaftlichen Stellung entsprach. Nachdem
sie die vielen Kandidaten, die in Frage kamen, eingehend geprüft hatte, wählte
sie schließlich Ronald Fitzhugh. Es war eine in jeder Beziehung ausgezeichnete
Wahl. Ronald war wohlhabend, hatte vornehme, einflussreiche Verwandte, sah sehr
gut aus und war kein Dummkopf. Ihre Brautzeit war nicht aufregend, aber
zufrieden stellend, die Verlobung wurde bekannt gemacht, und an einem
strahlenden Frühlingsmorgen fuhren sie zusammen in die Bond Street, um einen
Ring auszusuchen.
Ronald ging mit ihr zu Shipleys, den Aristokraten unter den
Juwelieren, und der berühmte Mr. Shipley empfing sie persönlich in seinem
Privatzimmer hinter dem Geschäft. Eleanor prüfte die Steine, die er ihr mit
vornehmer Bereitwilligkeit zeigte, und beurteilte sie mit einer Sachkenntnis,
die Ronald in demselben Maße erstaunte, wie sie Mr. Shipley entzückte. Ihr
Besuch endete mit der Wahl eines Diamanten, der den restlichen Steinen an
Qualität so überlegen war wie vorher Ronald seinen Rivalen, und sie
verabschiedeten sich.
In der Zwischenzeit waren auch draußen im Geschäft Kunden.
Kurz nachdem sich die Tür zu Mr. Shipleys Zimmer hinter Ronald und seiner Braut
geschlossen hatte, waren zwei untersetzte Männer hereingekommen und hatten den
Geschäftsführer hinter dem Verkaufstisch gebeten, ihnen einige Brillantarmbänder
zur Auswahl vorzulegen. Es stellte sich heraus, dass sie fast ebenso schwer
zufrieden zustellen waren wie Eleanor, ohne jedoch deren Sachkenntnis für
Edelsteine zu entfalten. Es dauerte gar nicht lange, bis sich auf dem
Verkaufstisch Brillanten im Werte von mehreren tausend Pfund angesammelt hatten.
Dem geplagten Geschäftsführer kam es langsam so vor, als
würden sie sich nie entscheiden können. Dann aber, gerade als Mr. Shipley sich
vor Eleanor und Ronald verbeugte und sie zum Ausgang geleitete, überstürzten
sich die Ereignisse. Eine große Limousine draußen verlangsamte ihr Tempo und
blieb mit laufendem Motor vor dem Geschäft stehen. Im selben Augenblick hatte
auch schon der eine der beiden Männer mit blitzartiger Geschwindigkeit ein
halbes Dutzend Armbänder an sich gerissen und rannte damit auf die Tür zu,
während sein Begleiter den Türhüter mit einem Solarplexus zu Boden schlug.
Ronald, der stehen geblieben war, um noch ein paar Worte mit
Mr. Shipley zu wechseln, drehte sich um und sah zu seinem Entsetzen, dass
Eleanor ganz allein mitten im Eingang und dem Mann direkt im Wege stand. Sie
machte auch keinen Versuch, ihm auszuweichen, als er auf sie losging. Ronald
dachte im Moment, sie sei vor lauter Angst so gelähmt, dass sie sich nicht
bewegen konnte. Verzweifelt rannte er auf sie zu, als der Mann sie mit seiner
riesigen Faust ins Gesicht schlug.
Aber der Schlag erreichte sein Ziel gar nicht. Mit einem
überlegenen Lächeln verlagerte Eleanor in der letzten Sekunde ihr Gewicht nur
ganz wenig, und eine Sekunde später sauste der Angreifer durch die Luft, um
unter einem Regen von Glas Kopf voran im Schaufenster zu landen. Die ganze
Angelegenheit hatte nur ein paar Sekunden gedauert.
"Du hast mir nie erzählt, Eleanor, das du Jiu-Jitsu kannst",
sagte Ronald, als sie schließlich das Geschäft verließen.
"Judo", korrigierte sie ihn. "Das hat mir mein Vater mal durch einen Fachmann
beibringen lassen. Manchmal kann man das sehr gut gebrauchen, wie du gesehen
hast. Jetzt bin ich allerdings etwas aus der Übung."
"Das sehe ich", sagte Ronald. "Mir scheint, es gibt da überhaupt eine ganze
Menge Dinge bei dir, von denen ich nichts weiß, Eleanor."
Sie trennten sich. Eleanor war bei ihrem Friseur angesagt,
und Ronald schlenderte langsam durch den Park. Dann nahm er ein Taxi und fuhr
zur Fleet Street, dem Zeitungsviertel Londons, wo er den Nachmittag damit
zubrachte, die letzten Jahrgänge verschiedener Zeitungen durchzublättern.
Abends trafen sie sich wieder zum Essen. Ronald hielt sich
nicht lange bei der Vorrede auf. "Ich habe die Zeitungsberichte über die
gerichtliche Untersuchung beim Tode deines Vetters Matthew durchgelesen", sagte
er.
"So?" sagte Eleanor mit höflichem Interesse.
"Es war sehr merkwürdig, auf welche Weise er vom Sprungbrett abgerutscht und
gegen die Kante des Bassins geschleudert worden ist. Wie ist das eigentlich
passiert?"
"Das habe ich dem Gerichtsarzt damals genau erklärt. Ich habe im kritischen
Moment zufällig eine Bewegung gemacht, und da ist er über mich hinweg
geschossen."
"Schlimm für Matthew." — "Sehr."
"Schlimm für den Burschen, heute morgen, dass du gerade im kritischen Augenblick
zufällig eine Bewegung machen musstest. Du wirst dem Gerichtsarzt wohl kaum
gesagt haben, dass du in Judo ausgebildet bist, schätze ich."
"Natürlich nicht." — "Schlimm auch für Lucy, dass sie auf der Jagd stürzen
musste." "Das", sagte Eleanor lakonisch, "war ein reiner Unfall. Ich habe ihr
gleich gesagt, sie sei nicht imstande, das Pferd zu bändigen."
Ronald seufzte: "Ich will dir das ausnahmsweise glauben. Aber unsere Verlobung
musst du leider als gelöst betrachten."
Eleanor betrachtete den Diamanten an ihrem Finger und presste
ihre Hand zu einer kleinen harten Faust zusammen.
"Ich kann dich nicht davon
zurückhalten, unsere Verlobung zu lösen, Ronald", sagte sie. "Aber du bist dir
wohl darüber im Klaren, dass es dich sehr teuer zu stehen kommen wird." Er war
sich darüber im Klaren. Wirklich sehr teuer. Aber er fand, die Ausgabe hatte
sich gelohnt. Wie gesagt: Ronald war kein Dummkopf.
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