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"Haus im Friesenstil zu verkaufen" liest man oft im
Anzeigenteil der in Nordfriesland erscheinenden Zeitungen. Was da angeboten
wird, sind überwiegend Häuser, die mit den friesischen nur das Reet gedeckte
Dach gemeinsam haben. Aber auch bei alten "Friesenhäusern" ist zu bedenken, dass
nicht die Friesen diesen Typus geschaffen haben; Friesen setzten sich erst nach
der Völkerwanderungszeit auf den heutigen Badeinseln fest. Der Haustyp aber
existiert, wie man durch Ausgrabungen — vor allem in Archsum auf Sylt — weiß,
bereits seit rund 2000 Jahren. Der Forscher spricht lieber vom "uthländischen"
(außerhalb des Festlandes gelegenen) Haus, wir aber bleiben bei der nun einmal
bekannten Bezeichnung Friesenhaus.
Die meisten der über 1000 noch erhaltenen Friesenhäuser
findet man — abgesehen von den inzwischen mit dem Festland zusammengewachsenen
Gebieten — auf den Inseln
Sylt und
Föhr. Und die Föhringer können stolz darauf
sein, mit dem Haus Diesen aus Alkersum (angeblich 1617 erbaut, jetzt in Wyk als
Museum) das urtümlichste zu besitzen. Was aber heißt "urtümlich"? Möglichst dem
frühgeschichtlichen Vorgänger ähnlich. Da ist zunächst das Reetdach, das
allerdings irgendwann im Mittelalter den Vollwalm zugunsten des Krüppelwalms
eingebüßt hat. Dadurch wurden Außenluken für den Heuboden möglich. Weiter ist
hervorzuheben: Das Dach ruhte mit seiner Hauptlast auf Ständern, und zwar auf
Innenständern, etwa einen halben bis anderthalb Meter von der Außenwand
entfernt. Den Zwischenraum von einem Ständer zum anderen bezeichnet man in
Nordfriesland als „Fach”, ein Ausdruck, der auch bei der Preisberechnung eines
Neubaus und bei Brandversicherungen eine Rolle spielte. Ein Fach hatte eine
Größe von anderthalb bis zweieinhalb Metern. Die einfachen, in der Regel
giebellosen Häuser begnügten sich mit neun bis zwölf Fach, die durch Anbau
erweiterten und meist einen stolzen Giebel tragenden erreichten bis zu 50 Fach
oder mehr. Die im Raum störenden Ständer überbrückte man seit dem Mittelalter
durch einen verstärkten Rähmbalken, und nur dort, wo eine Zimmerwand eine
natürliche Verkleidung abgab, ließ man sie stehen. Auf den ersten Blick scheint
das eine sehr umständliche Konstruktion zu sein, und doch ist sie sehr
durchdacht und zweckmäßig. Die Außenwände, die bis in das späte Mittelalter
hinein nur aus wenig tragfähigem Material errichtet wurden, konnten bei Bedarf
ohne weiteres ausgewechselt werden. Nicht zuletzt auch wegen der schlechten
Wärmedämm-Eigenschaften der Wände zog man das ausgezeichnet isolierende Reetdach
so tief wie möglich herunter. Übrigens ist der oft genannte Grund, es handele
sich um einen Schutz gegen Windbeschädigungen, nicht stichhaltig, denn sehr oft
stellte man gerade den Walm mit seiner hohen Wand gegen Westen.
Außer den Ständern fällt als weiteres Merkmal die Zweiteilung
in einen Wohn- und Wirtschaftsteil mit der trennenden Querdiele auf. Der
zunächst undifferenzierte Wohnteil wurde — wohl erst im ausgehenden Mittelalter
— in vier Räume aufgeteilt: Küche, Kammer (zuweilen mit einem Zugang zum
Keller), Stube (Dörnsk) und gute Stube (Pesel). Diese Raumaufteilung ist nahezu
in allen alten Häusern anzutreffen. Aufenthaltsraum war die von der Küche aus
mit Hilfe eines Beilegers (Kastenofen) beheizbare Stube, deren massive Außen-
und Küchenwand im 17. Jahrhundert und später mit holländischen Wandfliesen
belegt waren. In die beiden anderen — mit Holz verkleideten Wände — waren
Schränkchen eingearbeitet zur Aufbewahrung von Mitbringseln aus fremden Ländern
(Porzellanteller und -figuren oder Messing- und Kupfersachen). Größere
Schranktüren deuteten ein Einbaubett (Alkoven) an, dessen Türen nicht selten
verschließbar waren.
Den Wirtschaftsteil des Hauses durchzog in ganzer Länge eine
kopfsteingepflasterte Jaucherinne, denn er diente — abgesehen von der
Dreschtenne neben der Diele — als Stall.
Die Vorräte lagerten auf dem Dachboden, der durch Luken in
den Schmalseiten des Hauses von außen beschickt werden konnte. Eine zusätzliche
Luke erhielten die Häuser, die mit Giebeln an den Längsseiten versehen waren.
Zum Giebel ist einiges zu sagen, da er heute oft als das
Merkmal des Friesenhauses angesehen wird. Er tritt erst im ausgehenden 17. und
im 18. Jahrhundert häufiger auf. Damals gelangten die auf Handels- und
Walfangschiffen dienenden Seeleute der Inseln zu bescheidenem Wohlstand. Auf
Sylt hat sich noch vielfach der ältere Spitz- oder Zwerchgiebel erhalten, der
auf Föhr fast völlig dem aufwendigeren, mehr Mauerwerk erfordernden Backen- oder
Wangengiebel gewichen ist. Mit dem Giebel wird erstmals das strenge
Zweckmäßigkeitsprinzip durchbrochen, welches das alte friesische Haus
auszeichnete, wird erstmals Wohlstand durch architektonische Repräsentation nach
außen sichtbar. Der Giebel ist vorwiegend Zierde des Hauses; die zusätzliche
Dachluke hätte den Aufwand nicht gerechtfertigt, und das meist hinter einem
Backengiebel übliche Zimmer war ebenfalls eher Luxus als Notwendigkeit. Dass der
Giebel bei einem Brand vor herabrutschendem Reet schützt, ist zweifelhaft.
Feuerwehrleute und Eingeweihte wissen, dass die Bewohner sich notfalls durch das
nächste Fenster retten, denn der Giebel stürzt bei einem Brand leicht ein, da er
die Stützung durch das Dachholz verliert.
Von der Mitte des 18. Jahrhunderts an wagte man es, die
Dachbalken direkt auf die Mauern zu legen und auf die Ständer zu verzichten,
eine Veränderung der Konstruktion, die von außen kaum sichtbar ist, die aber
zusammen mit der Errichtung von Giebeln und Anbauten die Abkehr vom Baugedanken
des alten uthländischen Hauses bedeutet.
Die alten Ständerbauten
erkennt man an dem besonders tief heruntergezogenen Dach und
an den etwa buchdeckelgroßen Enden der Ständer getragenen Rähmbalken, die an der
Schmalseite des Hauses in über zwei Meter Höhe direkt unter dem Reet sichtbar
werden (meist grün gestrichen), sofern sie nicht mit einem Verblendungsbrett
kaschiert sind. Wer Glück hat, stößt in Westerland oder
Kampen oder sonst wo auf einen der bescheidenen giebellosen Bauten, die letzten
Zeugen des alten uthländischen Hauses.
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