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Urlauber, die zum
ersten Mal über einen ostfriesischen Deich schauen, sind meistens überrascht:
Mal ist das Wasser da, mal nicht. Es ist das Spiel der Gezeiten – von Ebbe und
Flut.
Früher glaubten
die Menschen, dass Ebbe und Flut das Atmen der Erde wäre. Sie wussten nicht, wie
die Gezeiten zustande kamen. Heute weiß man, dass die Anziehungskräfte der
Sonne, vor allem aber des Mondes daran schuld sind. Die Gravitationskraft von
Mond und Erde sowie die Fliehkraft (Zentrifugalkraft) der Erde bewegen das
Meerwasser und sind dementsprechend Auslöser der Gezeiten. Auf der mondnahen
Seite der Erde ist die Anziehungskraft des Mondes stärker als die Fliehkraft der
Erde. Dadurch wird das Meerwasser zum Mond hingezogen und es entsteht ein
Flutberg.
Die Bewegung der beiden Gestirne erfolgt um einen gemeinsamen
Schwerpunkt. Demzufolge ist auf der abgekehrten Seite die Fliehkraft der Erde,
die besonders in einem Karussell deutlich wird (die Fahrgäste werden durch die
Drehbewegung nach außen gedrückt), größer als die Anziehungskraft des Mondes,
sodass ein zweiter Wasserberg entsteht. Ebbe herrscht dann in jenen Zonen, die
jeweils zwischen den genannten Flutbergen liegen.
Die Unterschiede
des Wasserstandes zwischen aufeinander folgenden Hoch- und Tiefenwassern werden
als Tidenhub bezeichnet. An den meisten Küsten der Welt lassen sich täglich zwei
Gezeitenphasen während eines Mondtages beobachten. Ein Mondtag bezeichnet den
Zeitraum, den der Mond benötigt, um zu einem festen Punkt auf seiner Umlaufbahn
um die Erde zurückzukehren. Somit dauert dieser 24 Stunden und 50 Minuten. Da
die Flut der Bahn des Mondes folgt, braucht sie ungefähr sechs Stunden, um ihren
Höchststand zu erreichen. Über einen ebenso langen Zeitraum sinkt der
Wasserstand dann wieder ab.
Die Schwerkraft
der Sonne trägt ebenfalls zu den irdischen Gezeiten bei. Stehen Erde, Mond und
Sonne in einer Linie (also bei Neu- und Vollmond), summieren sich die
Anziehungskräfte und es entstehen so genannte Springtiden oder Springfluten,
wobei die Flut ihren höchsten beziehungsweise die Ebbe ihren niedrigsten Stand
erreicht. Je höher der natürliche Tidenhub eines Gebietes ausfällt desto größer
ist das Gefahrenpotential während einer Springflut. Kommt zu einer Springflut
noch starker Wind hinzu, baut sich eine Sturmflut mit verheerenden Auswirkungen
auf. So verursachten derartige Wellen in den Jahren 1953, 1962 und 1976 an
großen Teilen der niederländischen und deutschen Nordseeküste weitläufige
Überschwemmungen, die wiederum katastrophale Verwüstungen zur Folge hatten.
Die Flut fällt
dagegen geringer aus, wenn Sonne, Mond und Erde in einem rechten Winkel
zueinander stehen. Bedingt durch diese Stellung wirken die Anziehungskräfte von
Sonne und Mond in unterschiedliche Richtungen, sodass die Nippflut
beziehungsweise Nipptide entsteht. Jeder 28-Tage-Mond-Zyklus löst somit zwei
Spring- und zwei Nipptiden aus.
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