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Der Vergleich des Kampfstiers zum zahmen Stier verhält sich
so wie der Wolf zum Hund. Ein zahmer Stier kann jähzornig und bösartig sein, so
wie ein Hund böse und gefährlich sein kann, aber er wird ebenso wenig das Tempo,
die Sorte Muskeln und Sehnen und die charakteristische Gestalt des Kampfstiers
haben wie ein Hund die Sehnen eines Wolfs oder seine Arglist und den Umfang
seines Rachens haben wird. Die Stiere für die
Arena sind halbwilde Tiere. Sie
werden aus einer Rasse gezüchtet, die in direkter Linie von den wilden Stieren
abstammt, die auf der spanischen Halbinsel umherstreiften, und sie werden auf Ranches gezüchtet, die Tausende von Morgen groß sind, wo sie als frei
umherschweifende Tiere leben. Die Begegnungen zwischen Stieren, die in der Arena
auftreten sollen, und Menschen werden auf ein absolutes Minimum beschränkt.
Auf den Weiden der Familie Guardiola erreichen gegenwärtig
pro Jahr an die hundert Kampfstiere die Arena-Reife und werden zu einem
Stückpreis von durchschnittlich 20.000 Euro an die Veranstalter von Corridas
verkauft. Nur hier in Andalusien, wo der Stier die idealen Lebensbedingungen
vorfindet und wo man das Wesen des Stieres versteht, blieb er, was er sein soll:
ein wild lebendes Herdentier von edlem Charakter. Derlei Weltsicht zur
persönlichen Lebensform zu machen, ist zuvörderst ein Privileg andalusischer
Latifundisten, denen es zum Ruhm gereicht, Stiere zu züchten, die dann in der
Arena tapfer, zäh und beweglich agieren, die entschlossen und geradlinig
angreifen, die durch archaische Schönheit ihres gewaltigen Körpers bestechen.
Die idealen Stierweiden, auf denen der Kraft spendende
Blutklee und das Armajo dulce wachsen, das den Tieren die Bravura, den
Kampfwillen, verleihen soll, befinden sich in hügeligem Gelände und nicht zu
nahe an den Wasserstellen. Die Jungstiere sollen sich bewegen müssen, um eine
kräftige Beinmuskulatur und Ausdauer zu gewinnen. Die Beengtheit von Ställen, in
denen anderswo Nutzrinder gehalten werden, wird dem Kampfstier nicht zugemutet.
Ihm gönnt man ein luxuriöses Leben vor dem Tod am Nachmittag.
Seine erste Prüfung hat der angehende Kampfstier mit zwei
Jahren in der ihm gewohnten Umgebung der Weide zu bestehen. Er wird von zwei
berittenen Vaqueros, den andalusischen Cowboys, von der Herde abgesondert, im
gestreckten Galopp über die Wiese getrieben und mit Lanzenstößen gegen die
Kruppe zu Fall gebracht. Wenn er sich überschlagen und wieder aufgerappelt hat,
sieht sich der Jungstier dem berittenen Tentador, dem Prüfer, gegenüber, der ihn
mit Zurufen zu sich lockt, um dem Tier – wie später der Picador in der Arena –
die Metallspitze einer Lanze, der Pica, in den Nackenmuskel zu stoßen. Von der
nun gezeigten Angriffsfreude und Tapferkeit hängt es ab, ob der Jungstier für
die Kastration und ein späteres Ende im Schlachthaus vorgemerkt oder für den
rituellen Tod bei der Corrida aufgezogen wird. Besonders viel versprechende
Jungstiere, die noch dazu über einen erstklassigen Stammbaum verfügen, werden
ein Jahr später nochmals auf ihre Tauglichkeit als Deckstiere getestet.
Die meisten Guardiola-Stiere kommen erst im vierten
Lebensjahr, wenn sie als ausgewachsene Kampfstiere gelten, oder als Dreijährige,
wenn sie wegen geringfügiger Fehler (etwas zu tief nach unten und innen
gekrümmter Hörner beispielsweise) nicht für eine Corrida de Toros, sondern nur
für eine Novillada geeignet sind, bei der angehende Matadores – Novilleros –
gegen Jungstiere kämpfen. Die Finca El Toruno ist gewissermaßen die
Verkaufsboutique dieses Zuchtbetriebs – geleitet vom Mayoral, dem Chef der
Stallknechte, der Luis Saavedra heißt. Ein Mann, der mit den Stieren sprechen
kann und die Geduld besitzt, die Freundschaft seiner Stiere zu erringen.
Aber nicht nur der Publikumsgeschmack gibt den Ausschlag,
welche Stiere aus welcher Zucht für welche Corrida gekauft werden. Die führenden
Matadores haben ein Wort mitzureden. Etliche von ihnen haben sich auf die Stiere
von maximal fünf, sechs Züchtern spezialisiert, die ihrerseits bei der Zucht den
besonderen Kampfstil, die Stärken und Schwächen dieser Matadores
berücksichtigen. Diese maßgerechten Tiere greifen zuverlässig und ohne Mätzchen
an und ermöglichen es dem Torero, eine publikumswirksame Vorstellung zu liefern:
ganz langsam und dicht am Stier zu arbeiten. In Spanien finden pro Jahr an die
sechshundert Corridas statt, bei denen jeweils sechs Stiere getötet werden –
doch pro Jahr werden an die achttausend potentielle Kampfstiere geboren. Nur
wenige Züchter – die Guardiola zählen zu ihnen – können behaupten, bei ihnen sei
die Nachfrage größer als das Angebot.
Vor dem Salon besteigt ein Picador ein mit einem gepolsterten
Schutzpanzer bemänteltes Pferd und reitet zur Arena, wo ein Dutzend
Halbwüchsiger mit Capas und Muletas, den Pelerinen und den roten Tüchern,
wartet. Sie alle wollen Toreros werden und hoffen auf die Gelegenheit, sich hier
vor einem Tier erproben und bestätigen zu dürfen.
Bei dieser Tienta werden zweijährige Kühe auf ihre Eignung
für die Zucht von Kampfstieren getestet. Es gilt die Faustregel, ein solches
Tier erbe seine Statur vom Vater, das Herz von der Mutter. Ein Stier, so sagt
man in Spanien, lerne in zwanzig Minuten mehr als ein Mensch in seinem ganzen
Leben. Daher wird bei den Tientas der Jungstiere ohne Capa und Muleta gearbeitet
– das Tier würde sonst auf der Plaza zu schnell begreifen, was es mit diesen
Tüchern auf sich hat und dass das lohnendere Ziel in Gestalt des Toreros gleich
daneben steht. Bei weiblichen Tieren, die nie in eine Corrida geschickt werden,
ist das anders: Mit ihnen trainieren Toreros, an ihnen kann sich der
Torero-Nachwuchs auf El Torufio realitätsnah und wirkungsvoll erproben.
Die Falltür zum Pferch wird geöffnet, die erste Jungkuh
stürmt in die Arena. Nach einigem Zögern folgt sie den Lockrufen des Tentador –
die Tiere sehen schlecht, hören aber gut – und stürmt auf das Pferd los. Vom
Sattel aus wird ihm die Lanze in den Höcker gebohrt, Blut fließt über die
schwarzen Flanken der Kuh. Einer der Halbwüchsigen lockt das Rind mit seiner
Capa vom Pferd weg und verschwindet gleich wieder hinter den Planken. Die Prüfer
wollen sehen, ob die Kuh trotz der ersten schmerzlichen Erfahrung erneut auf das
Pferd losstürmt, dessen Reiter ihr jedes Mal die Lanze in den Nackenmuskel und
mitunter auch energisch in die empfindliche Rippengegend rammt.
Erst nach dieser Prüfung darf einer der Jungen mit der Muleta
in die Arena und eine Faena – die letzte Phase eines Stierkampfs – mit
simulierter Estocada, dem Todesstoß, vorführen. Einige der Kühe können sich in
diesem Stadium kaum noch auf den Beinen halten. Zum Abschluss wird die Jungkuh
von den jungen Männern zu Boden geworfen, und die Vaqueros kappen ihr mit einer
Brechzange die Hornspitzen. Das sei nötig, damit sich die Kühe auf der Weide
nicht gegenseitig verletzten. Die den Tieren bei der Tienta zugefügten Wunden
werden anschließend selbstverständlich gesund gepflegt. |