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Der kleine Wintersportort
Savognin, im Herzen des
Schweizer Kantons
Graubünden, wird gleich von mehreren Dreitausendern, wie dem Piz Grisch und dem
Piz Platta, eingerahmt und bietet feine Pisten und gespurte Loipen für
Skisportler. Besonders beliebt ist die Gegend bei Mountainbikern und
Schneeschuhläufern. Kein Wunder bei über 100 Kilometer Mountainbike und diversen
beschilderten Schneeschuhtouren.
Heute können wir allerdings die Beschilderung vergessen. Die
Sicht ist gleich Null. Tief hängen graue Wolken im Tal. Es nieselt. Alles ist
feucht und klamm. „Hopp, hopp”, tönt Aarons Bassstimme hinter mir, „rin in d'
Schüh und ab geijt's.” Klick-klack. Das Bindungssystem funktioniert ähnlich wie
die Softbindungen heim Snowboard. Ein Kinderspiel. Außerdem sind die Aludinger
federleicht. Übermütig sprinte ich sofort los und lande voll auf der Nase im
nassen Schnee. Ich bin über meine eigenen Füße gestolpert. Jetzt weiß ich auch,
was Aaron vorhin mit unpraktischen Bratpfannen meinte. Die Aluschuhe sind zwar
schmal, aber immer noch doppelt so breit wie normale Schuhe. Gesegnet, wer
0-Beine hat. Langsam rappele ich mich wieder auf und stapfe steif und
breitbeinig los. Von wegen cooler Trapper in der Wildnis! Der watschelnde
Entengang macht mich eher zur totalen Lachnummer.
Mein Guide ist schon ein ganzes Stück voraus. Irgendetwas
mache ich wohl falsch! Während ich hochkonzentriert vorwärts schwanke, trabt er
leichtfüßig vornweg. So ähnlich wie er muss sich wohl ein echter Yeti im
Himalaya bewegen. Die Schneeschuhe hinterlassen imposante Spuren. Zum Glück
sinkt man selbst als watschelnder Enterich nicht im Schnee ein.
Es dauert zwar eine Weile, aber irgendwann verwandle auch ich
mich in einen „Yeti”. Jetzt kann ich problemlos mithalten und endlich ein wenig
die unberührte Winterlandschaft genießen. Wir laufen gerade über eine kleine
Lichtung eine steile Bergflanke hinauf. Alles ist tief eingeschneit. Ohne unsere
Schneeschuhe würden wir hüfttief im Schnee versinken. Um uns herum herrscht fast
absolute Stille. Nur das leise Rieseln des Nieselregens auf den Bäumen ist zu
hören. Ab und zu laufen wir an Fuchs- und Rehspuren vorbei. Wir sind zwar nicht
allzu weit von Savognin weg, aber in diese Wälder verirrt sich im Winter
normalerweise kein Mensch.
Nach zwei Stunden kommen wir bei einer Almhütte heraus und
werden vom Almöhi höchstpersönlich empfangen. Der Almöhi heißt Karl, hat einen
langen grauen Bart, redet ein für mich unverständliches Schwyzerdütsch und
begrüßt uns mit einem 81er selbst Gebrannten. Von Nässe ist nach dem ersten
Schluck nichts mehr zu spüren. Wahrscheinlich verdampft jetzt der Regen, bevor
er sich auf meine Kleidung legen kann. Das Zeug ist stark. Sehr stark. Nach dem
Zwischenstopp läuft es sich übrigens besser. Die Laufbewegungen sind jetzt noch
koordinierter! Und so wird der Rückweg zu einer Mischung aus gemütlichem
Spaziergang und sportlichem Dauerlauf.
Aber noch ist der Tag lange nicht herum. Nach einer kurzen
Dusche werde ich von Piotr zum Abendessen erwartet. Es wird ins Alphaus „Piz
Platta” geladen. Bevor wir uns mit Graubündner Pizokel, einer Art Riesenspätzle,
den Bauch voll schlagen können, steht uns erst eine anstrengende
Schneeschuh-Nachtwanderung bevor. Vom Dörfchen Sur auf 1.600 Meter geht es auf
fast 2.000 Meter auf das Bergplateau Alp Flix hinauf. Zum Glück habe ich
inzwischen schon ein wenig Übung.
Die Berge um uns herum erstrahlen in einem unwirklichen
Tiefblau. In der Ferne erkennt man die Scheinwerfer einer einsamen Schneeraupe
und weit unten im Tal leuchten die Lichter des Dorfs. Ansonsten wird alles vom
Mondlicht erhellt. Vergeblich warte ich auf das Heulen eines Wolfs. In Gedanken
trage ich jetzt Biberfellkappe und Bowiemesser.
Unvermittelt werde ich vom Hupen eines herannahenden
Schneemobils aus meinen Träumen gerissen. Blinzelnd blicke ich auf meine
knallroten Aluschneeschuhe. Aaron hatte Recht. Mit den Dingern läuft es sich
sicherlich viel bequemer als mit nostalgischer Trapperausrüstung. Wer sich im
Winter abseits der Wege durch den Schnee kämpfen will, sollte sich unbedingt ein
paar Schneeschuhe unterschnallen. Die Dinger sind wirklich perfekt für lange
Spaziergänge und sportliche Dauerläufe durch natürliche Landschaften
konstruiert.
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