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Die Sonnenstube der Schweiz - Locarno und Lugano

 

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Zwischen schützenden Bergen und Wärme spiegelnden Seen liegen Locarno und Lugano. Die "Sonnenstube der Schweiz" genießt einer besonderen Gunst – mehr Sonne (und mehr Regen) als die nördlichen Täler – und lohnt mit märchenhafter mediterraner Üppigkeit. Unübersehbar das verwirrende Mosaik der Gärten, in denen Palmen, Zypressen, Lorbeer, Oleander, Magnolien, Kamelien, Glyzinien, Rosen, Efeu und Rhododendren wuchern. Ein Frühjahrsspaziergang durch die mauergesäumten, steinbesetzten, Moos- und Gras durchwachsenen Gässchen und Treppen der alten Villenquartiere berauscht durch Düfte und Farben.

Zwei Fremdenverkehrsmetropolen an zwei Seen, zu Füßen zweier Monti Bre. Haben hier Natur und Politik Zwillinge hervorgebracht? Wir lassen uns mit der Seilbahn auf den Locarneser Bre tragen. Uns gegenüber nun, noch schneebedeckt, der Monte Tamaro und die bewaldeten Flanken des Gatnbarogno. Blau und silbrig der Lago Maggiore oder Langensee, im Osten die agroindustriell genutzten Felder der Magadinoebene. Unter uns, vom Grün durchsetzt, Locarno und seine beiden politisch eigenständigen Villenvororte Muralto und Minusio. Doch erst bei genauem Hinschauen entdecken wir landeinwärts, als Verdichtung von Ziegelrot, die Altstadt von Locarno.

Auf der Südseite des mächtigen Deltas Ascona, das sich vom einfachen Fischerdorf über einen Tummelplatz der Boheme zum mehr oder weniger intimen Treffpunkt gesellschaftlich aufgestieger Kreise entwickelt hat. Doch trotz mondäner Boutiquen, Apartmenthäusern, Fitnesszentren und Campingplätzen liegt etwas Irrationales in der Luft.

Klein und verwunschen leuchten die Brissagoinseln aus dem sich südwärts windenden Lago Maggiore. Der prächtige botanische Garten der Isola Grande hat eine lange Vorgeschichte. Wir steigen hinunter zur berühmten Wallfahrtskirche Madonna del Sasso. Auf diesem Fels soll einem Franziskanermönch 1480 die Muttergottes erschienen sein. Die reich ausgestattete Kirche stammt aus dem Anfang des 17. Jahrhunderts. Der malerische Kreuzweg durch den Wald führt uns (wie die Drahtseilbahn) an den Rand der Altstadt.

Groß ist sie nicht – seit es Statistiken gibt, zählte Locarno immer nur halb so viele Einwohner wie Lugano. Zentrum ist die Piazza Grande – nicht das Herz eines weltbekannten Kurorts, sondern ein Marktplatz, auf dem die Bauern der Umgebung noch heute ihr Obst und Gemüse feilbieten. Sein grobes Kopfsteinpflaster ist nichts für Stöckelschuhe. Markt ist seit alters die Hauptfunktion dieser Stadt am Ausgang der vier Talschaften Centovalli, Onsernone, Maggia und Verzasca – vor und nach der unseligen Ausweisung der Reformierten im 16. Jahrhundert, mit denen der einträgliche Seidenhandel in die protestantischen Städte Zürich und Basel abwanderte.

Die architektonischen Kostbarkeiten säumen den Westrand der Altstadt. Die Viscontifestung, welche die Hans-Arp-Sammlung beherbergt, erinnert allein noch an die Herrschaft der Mailänder Herzöge im 14. Jahrhundert. Stille und ein Gefühl der Vergänglichkeit vermittelt die Klosterkirche San Francesco.

Wer es barock mag, wird sich an den üppigen Stukkaturen der Chiesa Nuova erfreuen. Die ehrwürdigste Kirche der Region steht in der Nähe des Bahnhofs, bereits auf dem Boden Muraltos. San Vittore, ein romanisches Kleinod, das bis 1816 als Pfarrkirche Locarnos diente. Unter den lombardischen Arkaden an der Piazza Grande, wo die Fremden flanieren und die Schüler sich treffen, beim Capuccino oder Merlot, ahnt man etwas von der Unbeschwertheit, die so viele Künstler für kurz oder lang in ihren Bann zog.

Mitten in einem Netz von Talsenken und Wasserarmen liegt Lugano, prädestiniert zum Verkehrsknoten, Umschlag- und Handelsplatz an der kürzesten Verbindung von Norden nach Varese, Como, Mailand. Eine Stadt der Geschäfte und des Geschäfts, ungeachtet der atemberaubenden Szenerie ganz rational. Straßen, Hotels, Kongresshaus, Messehallen — das Alte muss dem Neuen, Zweckmäßigen weichen.

Mittelpunkt Luganos ist die Piazza della Riforma. Banken und Cafes in stattlichen Häusern des 19. Jahrhunderts. Vom revolutionären Geist jener Zeit, als hier die italienischen Freiheitskämpfer Cattaneo und Mazzini verkehrten, künden noch markige republikanische Bekenntnisse am Municipio und der sich von Fesseln befreiende Spartakus im Norddurchgang. Der Markt sorgt zweimal wöchentlich für Landluft.

In der Altstadt haben dem Fortschritt nur wenige verstreute Paläste, Kirchen, Bürgerhäuser standgehalten. Nostalgische Kulisse für teure Einkäufe ist die Via Pessina mit Kopfsteinpflaster, plattenbelegten Fahrspuren, Verengungen, Lauben und schönen Toren. Hier findet man einheimische Weine, Bergkäse aus der Leventina oder dem Maggiatal, frisch gemachte Teigwaren, verführerische Salami, Luganighe, Salsiccia. Die Gasse setzt sich in der mondänen, arkadengesäumten Via Nassa fort.

Schon außerhalb der ehemaligen Stadtmauern stand das Minoritenkloster Santa Maria degli Angioli, dessen Kirche als kunsthistorische Kostbarkeit ein monumentales Passionsfresko des Bernardino Luini von 1529 birgt. San Lorenzo, seit 1888 Kathedrale, wirkt wohltuend maßvoll. War der Platz schon römisches, keltisches Heiligtum? Eine Kirchengründung wird jedenfalls schon für das Frühmittelalter angenommen. Das Gotteshaus, mehr als ein halbes Jahrtausend Baugeschichte widerspiegelnd, lädt mit den schattigen Parkanlagen und der Aussichtsterrasse zum Verweilen ein.

Schönste Perle der Seepromenade ist der Parco Civico mit ehrwürdigen alten Bäumen, üppigem Blumenschmuck und der spätklassizistischen Villa Ciani. In ihrer Gemäldesammlung zwei, drei Ansichten Luganos vor dem "Goldrausch".

Auf dem Friedhof von Gentilino ruht Hermann Hesse. Er schrieb 1928: "Die Ankunft in Lugano war allerdings nicht entzückend. Die Übervölkerung der Erde hat mir seit langem nicht mehr so übel entgegen geschrieen wie hier, wo um die Zeit der Ostern sich die Fremden zusammenscharen wie Heuschrecken. Sie photographieren und bewundern die in längst verschollene Tessiner Trachten gekleideten Kellnerinnen der Weinlokale und versuchen italienisch mit ihnen zu reden, sie finden alles reizend und entzückend und merken gar nicht, wie sie da, Jahr um Jahr mehr, eine der wenigen im mittleren Europa noch vorhandenen Paradiesgegenden eiligst in eine Vorstadt von Berlin verwandeln".

Locarno und Lugano, die Logenplätze an den Seen, erscheinen heute tatsächlich wie Vorstädte von Berlin, Frankfurt oder Zürich. Unsere Sprechversuche werden längst auf deutsch quittiert. Unübersehbar italienisch ist "Privato" und "Pizzeria". Im Kiosk liegt der Mailänder "Corriere della Sera" neben der "Welt" und der "Neuen Zürcher Zeitung". Die Elite des Tessins hat in Italien, der deutschen oder der welschen Schweiz studiert. Der Anteil der Italianitå sinkt stetig.


 
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