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Stockholm am Sonntag

 

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Acht Monate im Jahr ist man in die Stadt gebannt, denn Herbst und Winter führen in dieser Zeit ein strenges Regime. Die wenigen Sommermonate gilt es auszunützen. So fährt denn alles im Sommer hinaus aus der Stadt. Unzählige Extrazüge, Autobusse und Schiffe bringen die Erholungssuchenden teilweise schon am Samstagabend hinaus aus der Stadt nach dem riesigen Inselmeer, den Schären, an den Mälarsee, in die herrlichen Wälder, die die Stadt umgeben.

Stockholm selbst ist auf Felsen gebaut, ab und zu hört man die Sprengschüsse, die notwendig sind, um das Fundament neuer Häuser auszuschachten oder Gebäude zu unterkellern. Aber ringsherum grünt und blüht es, wenige Kilometer vor der Stadt gibt es noch echten Urwald, streifen noch die Elche, liegt ein riesiges Gebiet, in dem es noch so manchen Quadratkilometer gibt, auf dem man keiner Menschenseele begegnet.

Da draußen vor der Stadt haben viele ihrer Bewohner ihr kleines Sommerhäuschen mit Garten, dorthin ziehen sie, den Rucksack voll bepackt, am Sonntag. Nur hinaus! Wir aber bleiben in der Stadt. Auf den leicht gekräuselten Wellen schaukeln die Schiffe, wie alle Tage kreischen die Möwen darüber hin, eine Wildente jagt hastig einem rundlichen Gegenstand im Wasser nach, den sie dann enttäuscht nach der Eroberung wieder fahren lässt. Am Ufer sitzen einige Jungens und Männer und fischen mit einer gefassten Ruhe, die wohl in allen Ländern zum Fischen gehört. Ab und zu fangen sie auch etwas, und schon um acht Uhr sieht man einige nach Hause gehen, ihr Mittagessen für diesen Tag ist besorgt.

Auf der Insel, die verschiedene Gebäude der Kriegsmarine beherbergt und an der man einige alte Kriegsschiffe ankern sieht, blinzelt die Matrosenwache in die Sonne und schaut gleichgültig den jungen Mädchen nach, die allein spazieren gehen. Von einer Bank aus hat man den herrlichen Blick auf das gegenüberliegende Schloss mit seinen schönen, großen Linien. Überall dort, wo man in Stockholm nach dem eigenen Gefühl gebaut hat, entstand diese mächtig wirkende Architektur. Auch die Baugeschichte Stockholms hat ihre barbarische Periode, sie hinterließ die protzig aufgedonnerten Turmhelme über mächtigen Häuserblocks, und ihre schlimmsten Denkmäler erinnern an die Zeit zwischen 1880 und 1910, wo der aufstrebende Industriekapitalismus einen Stilsalat aus allen Ländern und Zeitepochen zusammengerührt hat.

Innerhalb der Stadt ist der Verkehr gering. Nur die Straßenbahnen machen etwas Lärm, die Autos hupen hier nur im äußersten Notfall. Man sieht nicht so viele Radfahrer wie in Kopenhagen, es gibt hier ziemliche Steigungen, und in der inneren Stadt sind die Straßen so eng, und es gibt so viele Übergänge und Kurven, dass das Radfahren ein zweifelhaftes Vergnügen geworden ist.

Man ist hier darauf eingestellt, das Leben möglichst von seiner leichteren Seite zu nehmen, viel Problematik und Theorie ist nicht beliebt. Und doch basiert das gesamte Kulturleben auf einer sehr alten Tradition und gleichzeitig auf dem Willen, alles Neue und Brauchbare aufzunehmen und zu verarbeiten. In gewissem Sinne sind die Schweden die „Amerikaner des Nordens". Jede technische Neuerung wird sofort unvoreingenommen geprüft, an eigenen Erfindungen rauscht ein ununterbrochener Segen über das Land — der in sozialer Hinsicht nicht immer ein Segen ist, wie die Auswirkungen der Rationalisierung in einigen wichtigen Industrien zeigen. Doch das ist ein allgemeiner Zug unseres Zeitalters.

Der Sonntag in Stockholm ist unendlich lange und bietet keine bemerkenswerten Sensationen. Am Abend gerät man in den Strom der zurückkehrenden Ausflügler. Sie haben Luft und Sonne für eine ganze Woche in sich aufgenommen, jetzt streben die meisten sofort ihrer Wohnung zu. In den Redaktionen, die mit "beschränktem Personal" arbeiten, ist besonders in den Zimmern der Sportredaktionen Hochbetrieb, denn am Montag früh um sechs oder sieben Uhr will der Stockholmer wissen, welche neuen Weltrekorde geschlagen wurden und welche Fußballmannschaft die Palme errungen hat.


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