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Norwegens Norden ist amphibisch: Der Autowanderer, der
Hammerfest und dem Nordkap zustrebt, steht immer wieder vor Fähren, die in
verhältnismäßig kurzen Abständen Kolonne nach Kolonne übersetzen. Oder er
umkreist auf gewundenen Uferstraßen tief eingeschnittene Fjorde, die in der
Ferne den Blick in die offene See freigeben. In diesem Wechselspiel zwischen
Fels und Meer liegt der Zauber dieser unendlich weiten Landschaften: Für ihre
Bewohner wurde er nicht selten zum Schicksal.
Wenn wir von Süden kamen, machten wir in Trondheim halt, dem
Einfallstor ins große Reich des Nordlichts. In der Erinnerung sind es drei
Begriffe, die der Stadt Farbe und Glanz verleihen: Getreide, Blut und Christus.
Hier lagen den Fjord entlang die mächtigen Höfe mit ihren festen Wohnhäusern aus
Baumstämmen, die schweißnasse Männer aus den Wäldern herangeführt hatten,
Ackerknechte mit ihren Träumen von einem Land, das von Korn überquillt. Und hier
in der Stadt war Blut geflossen: Blut von Helden und Schurken. Und hier war
Christus.
Der Nidarosdom sieht am imposantesten aus, wenn sich über
Stadt und Fjord Gewitterwolken zusammenbrauen. Blauschwarze, gefährliche Wolken
mit wild gezackten Blitzen. Und darunter der Dom, zerstört und wieder aufgebaut,
trotzig und kühn im Aufschwung und doch merkwürdig erdnah. Die Trönder sind
alles andere, nur nicht bescheiden — nicht nur den Dom sehen sie als ihr eigen
an; auch den Herrn der Kirche betrachten sie im tiefsten Inneren als
ihresgleichen und nur für sie zuständig.
Jedes Mal, wenn ich früh am Morgen in Trondheim aus dem Zug
steige, die Salzluft rieche und die barbarische Sprache höre, die auch für den
Landsmann voller Geheimnisse ist, freue ich mich an ihrer Kunst blitzschnellen
Wortwechsels, die eine groteske Form von Humor vermittelt; und mich überkommt
ein reines Glücksgefühl, wieder in der einstigen Hauptstadt Norwegens zu sein.
Es ist nicht einfach, Bilder eines Landesteiles zu zeichnen,
größer als alle übrigen zusammen, und zu sagen: Da habt Ihr Nordland, Troms und
Finnmark. Man muss im eigenen Erleben an bestimmten Orten Station machen und
versuchen, das Einst und Heute nebeneinander zustellen.
Zuerst in Bodo: Es war einmal eine alte Frau, die in Oslo
gewesen war, um operiert zu werden. Als sie abfuhr, war Bodo noch die kleine
Stadt mit ihren ärmlichen Holzhäusern am Strand. Dann kam der 9. April 1940, der
deutsche Angriff auf Norwegen, Ende Mai gaben die Briten Bodo auf – sie lag noch
im Krankenhaus; wiederhergestellt, wenn auch noch schwach, machte sie sich auf
die Reise nach Norden. Und eines Abends, im merkwürdigen, wunderbaren Licht
Nordnorwegens, begann sie ihre Wanderung durch die Straßen – jetzt gesäumt von
verbrannten, zerbombten Häusern, Ruinen, unter denen, wie sie wusste, so manche
noch lagen, auch einige der Ihren.
Der Vestfjord hat manches Menschenleben gefordert. Eines
Nachts fuhr ich auf der Hurtigroute, die unter Opfern die lange Küste erobert
und kleine Dörfer und größere Orte miteinander verknüpft hat. Damals war Sturm:
schwärzer als die Hölle, das einzige Weiß war die Gischt, die über Deck
zusammenschlug; dass sich jemand ins Freie wagte, war Verrücktheit.
Doch da sind zwei junge Matrosen an Bord, der eine hat sich
gelbes Ölzeug über die Uniform gezogen. Beide meinen die See zu kennen, und sie
müssen sich wohl gegenseitig ihren großen Mut beweisen. Das Schiff rollt schwer
in der See.
Der Kapitän gibt es auf, sich den Kurs hinüber nach Svolvxr
zu ertrotzen. Wir drehen ab und sind bald im sicheren Fjord Richtung Narvik. Nur
noch gute zwei Stunden. Da geht der eine der beiden über Bord, der Junge im
gelben Ölzeug — er wollte sich hervortun und stand allein hinten auf der Schanz.
Eine See kam und spülte ihn weg.
Wir hören den Schrei: „Mann über Bord!” Und dann fängt das
schwere Schiff an, in den Wogen zu kreisen. Scheinwerfer leuchten auf. Sie
fliegen wie gelbe Speere über die See. Aus dem Dunkel kommt Woge auf Woge, mit
weißem, verfluchtem Schaum, steigt auf, um das Schiff zu zerschmettern – doch
das Schiff hebt sich und schwimmt. So geht es eine Stunde lang, das zerrt an den
Nerven.
Da sehen wir ihn. Später sagten die Männer, im Ölzeug müssten
sich Luftkissen gebildet haben, auf denen er schwamm. Er sah aus, als stünde er
in der See. Wer weiß, ob er noch lebte. Doch genau in dem Augenblick, in dem wir
seiner gewahr wurden, versank er – in Schaum und dunkler See, unter einem
Himmel, den wir nur ahnten, während die Scheinwerfer über die See blitzten. Und
wir liefen Narvik an.
Vielleicht wäre es in jener Nacht besser gewesen, auf dem
Landweg nach Norden weiterzufahren. Da wären wir nach Hamarey gekommen, wie
einst Siedler aus dem Haupttal Südnorwegens, dem Gudbrandstal. Dort war kein
Platz mehr für neue Äcker gewesen, deshalb fingen einige an, nach Amerika
auszuwandern. Andere nahmen Kurs gen Norden. Die meisten kamen bis Målsbu,
einige wenige ließen sich auf Hamarey nieder. Auf den Hof Kråkmo, der vor
Jahrzehnten schon einmal aufgegeben worden war, kamen eine Frau mit kleinen
Kindern, ein Mann, der eine Kuh hinter sich herzog, und zwei Alte, die keine
andere Wahl hatten. Sie blieben für eine Nacht, auf altem Grund. Als es Tag
wurde, prüften sie die Erde und sogen den Duft ein. Sie sahen die Fische im
Wildbach springen. Und wussten, dass es in den Bergen Wild gab. Und sie blieben.
Kråkmo war ursprünglich ein Rastplatz der Samen. Das
Nomadenvolk, dem alle Berge hier im Norden gehörten, das am Strand seine Feuer
entzündete und seine Schlafzelte aufstellte, wurde verdrängt — eine vitalere
Kultur zwang es langsam zurück. Noch gibt es Samen in den Bergen. Noch treiben
sie ihre Rentierherden dem Horizont zu. Und noch brennen ihre Feuer.
Wir waren lange gewandert. Drei von uns gehörten zur
„überlegenen” Kultur, einer zu den Verlierern aus dem Nomadenvolk. Wir waren
über Berge gestiegen und hatten Bäche durchwatet, wir waren müde und brauchten
heißen Kaffee. Aber wer konnte Feuer machen, wo doch alles Holz nass war und der
Wind jedes Streichholz sogleich ausblies?
Bei uns spricht man vom „Feuerbauen”. Er konnte ein Feuer
bauen. Er fand die trockenen Zweige, die keiner sah, und brachte sie zum
Brennen. Und das Kaffeewasser zum Kochen. Wie er da saß, über die Glut gebeugt,
das eingetrocknete Gesicht über dem Rauch, mit brennender Pfeife und mit
Fingern, die grau waren von Kälte und Wind – da brannte er sich für immer in
mein Gedächtnis.
Eines Tages flogen wir übers Nordkap; der Wind stand vom
Eismeer landeinwärts, unten lag ein endlos langer Strand, an dem nicht eine
Menschenseele auszumachen war. Doch dann — wie Vogelnester an einen Felsabsturz
geklebt — entdeckten wir zwischen Strand und Berg ein paar Anwesen. Von dort
lief ein Boot aus.
Sie leben vom Meer. Doch das Meer schenkt seinen Segen nicht
her. Man muss ihm seine Nahrung abtrotzen — auch der Mann in jenem kleinen Boot,
das da unten auf den Wellen schaukelte. In der Rechten hielt er eine Zigarette.
Ab und zu leuchtete etwas Glut auf; wir konnten es von unserem hohen
Aussichtspunkt aus erkennen.
Ich weiß nur zu gut, dass sein kleines Fahrzeug bald der
Konkurrenz größerer Fischereifahrzeuge erliegen wird. Was eines Mannes Arbeit
war, wird zur Industrie für die vielen. Und trotzdem — dieser eine allein in
seinem Boot, er bleibt für mich der Überlegene.
Das Tal des Pasvikely ist Endstation, will man auf
norwegischem Boden bleiben. Die Grenze an seinem Lauf ist Scheidelinie zwischen
einer Supermacht und einem kleinen Land. Sie zu überqueren ist nicht ratsam.
Hier irisiert im Winter das Nordlicht, das dem Süden fehlt,
hier dunkelt Kiefernwald, wie er sonst nur im Süden wächst, hier führen einsame
Wege zu kleinen Höfen, hier trotten noch Bären durch die Tundra. Bei
Schneetreiben und starker Kälte können die vielen Kilometer von dem Industrie-
und Erzgrubenort Kirkenes lang und hart werden. In diesem Tal wohnten früher die
Skoltsamen. Sie sind fortgezogen.
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