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Wir stehen vor dem Luru-Fluss,
voller Staunen über seine Schönheit. Das kristallklare Wasser strömt ruhig und
gleichmäßig über glatt polierten Kies. Vom Wind verwehte Blätter, Tannennadeln
und Fichtenzweige schweben auf der durchsichtigen Flut. Eine lange Reihe heller
Birkenstämme auf unserer Seite, dunkler Tannenwald auf der anderen. Darüber
blassblauer Himmel mit hellen Wolken. Von Osten kommend zieht der Fluss nach
Westen, nicht in gerader Linie, sondern mit vielen Bögen, wie sie das hügelige
Gelände verursacht. Weil man nicht weiter als wenige hundert Meter sieht, wirkt
sein Lauf geheimnisvoll. Wie gerne würde ich den Luru in einem Boot hinab
gleiten. Was könnte man dabei nicht alles erleben und entdecken!
"Wir müssen hinüber", meint
Arvid, "Ihr werdet sehen, es ist ganz einfach." Annika hält die Hand ins Wasser
und schätzt die Temperatur auf mindestens drei Grad unter Null. So kalt kann es
nicht sein, aber sicher viel zu kalt, um mit nassen Kleidern wieder
herauszukommen. Beim Durchwaten des Luru würde uns das Wasser bis über den
Gürtel reichen, vielleicht auch bis zum Hals.
Arvid bittet mich ihm zu
helfen. Er hat im Ufergestrüpp einen Kahn gefunden, mit dem Kiel nach oben. Es
ist nicht leicht, ihn umzudrehen. "Wem gehört der Kahn?" möchte ich wissen.
"Jedem, der ihn braucht. Ich glaube, er liegt schon hundert Jahre hier, mal auf
der einen und mal auf der anderen Seite. Irgendjemand hat ihn voriges Jahr
frisch gestrichen und ein Leck geflickt." Ruder gibt es nicht, nur zwei Stangen.
Arvid bittet einzusteigen, schiebt das Boot in die Strömung, springt hinterher
und greift zur Stange. Drüben angekommen ziehen wir den alten Kahn auf sicheren
Boden, drehen ihn wieder kieloben und schieben die Stangen darunter.
Wie kann man nur sagen, dass
unser altes Europa übervölkert sei! Abseits der großen Straßen, abseits der
allzu viel besuchten Zentren des Tourismus gibt es auch in unserem Erdteil noch
Menschenleere und völlige Einsamkeit. Hier stört keine Spur der fernen
Zivilisation das natürliche Leben. Keine Motorsäge schrillt durch den Wald, kein
Draht zerteilt das Gelände, niemand hat die reine Natur mit dem geringsten
Abfall beschmutzt. Ein Wanderer, der nicht alles genau betrachtet, könnte
glauben, dass niemals Menschen in diese Gegend kommen. Aber gewisse Anzeichen
verraten, dass hin und wieder Fischer und gewiss auch Rentierhalter die
Landschaft durchziehen. Wenn es auch keine durch häufigen Gebrauch erkennbaren
Pfade gibt und erst recht keine gebahnten Wege, so folgen diese Leute doch
bestimmten Leitlinien. Ein anderes Wort dafür, von der Waidmannssprache
abgeleitet, wäre "Menschenwechsel". Das heißt, die Wanderer der Wildnis streben
ihrem Ziel, was es auch sein mag, auf dem bestmöglichen Weg entgegen. Sie
umgehen steile Hügel, zeitraubende Sümpfe, allzu dichten Wald und locker
liegendes Geröll. Sie folgen dem Weg des geringsten Widerstandes, ebenso wie es
frei lebende Tiere tun. Flüsse werden dort durchquert, wo die Vorläufer eine
natürliche Furt entdeckten, oder wo in stark strömenden Bächen ein paar
Trittsteine aus dem Strudel ragen. Neben den Erdhütten der Lappen, den so
genannten Kota, ist Feuerholz aufgeschichtet, das jeder Verbraucher vor seinem
Weitermarsch erneuern muss. Führt der "Menschenwechsel" durch einen Fluss, den
man nicht durchwaten kann, ist meist ein umgedrehter Kahn vorhanden. Allerdings
nur auf einer Seite, aber Glück muss man haben, und meist haben wir es auch. Ich
nehme an, dass die Waldläufer für gewöhnlich auf dem gleichen Weg zurückkehren
und deshalb den Kahn wieder dorthin bringen, wo sie ihn gefunden haben.
"Hast du so was schon mal
gesehen?" fragt Annika, und ich folge ihrem Blick. Da ist ein niederes, aber
langes Gebäude, mit einem Tannenwäldchen auf dem Dach. Aus starkem Rundholz hat
man es gebaut, wahrscheinlich ohne Nägel und mit der Axt als einzigem Werkzeug.
Für hundert Jahre und noch viel mehr scheint der Bau geschaffen, aber schon sehr
lange hat ihn niemand mehr benutzt.
"Fjølbu Seter nennen wir den
Platz", erklärt Arvid, "war früher mal ein armer Hof, dann ein Stall für
Weidevieh, aber jetzt ist er gar nichts mehr ... "
Nur Tür und Fenster fehlen,
sonst hat die Vernachlässigung keinen größeren Schaden angerichtet. Wie jedes
Blockhaus im alten Norwegen hat man seinerzeit auch hier das solide Holzdach mit
Grasplaggen bedeckt. Sie wachsen fest zusammen und werden im Frühjahr zu einer
blühenden Wiese. Wenn sich niemand darum kümmert, entstehen aus herbei gewehten
Samen auch Bäumchen auf dem Dach. Hier hat sie so lange Zeit hindurch niemand
gestört, dass ihre Höhe nun zwei bis drei Meter beträgt. Mit den leeren
Fensterhöhlen darunter fürwahr ein seltsamer Anblick.
Warum denn keine Leute mehr
hier seien, fragt Annika. Man könne doch gar nicht schöner wohnen als in dieser
idyllischen Gegend. Für Vieh gäbe es doch genügend Weide, und Holz für die
Kachelöfen und Fische im Fluss und überhaupt die himmlische Ruhe.
"Mit viel Mühe haben sich mal
Leute dieses dauerhafte Blockhaus gebaut. Weshalb will's denn keiner mehr in
Ordnung bringen?"
Arvid erklärt, dass eine
Landflucht großen Ausmaßes die nördlichen Regionen Skandinaviens entvölkert.
Die Städte wachsen, aber das Hinterland wird menschenleerer von Jahr zu Jahr.
Woran das liegt, ist unschwer zu begreifen. Wo schnelle Verbindungen fehlen,
kann der moderne Mensch nicht am Segen oder Unsegen der Zivilisation teilhaben.
Er war früher mit den einfachsten Dingen des Lebens zufrieden, mit der
notwendigen Kleidung, der täglichen Nahrung, mit einem Dach über dem Kopf und
einer warmen Behausung. Das alles konnten fleißige Leute mit ihrer Hände Arbeit
der nordischen Landschaft abringen. Sie könnten es auch heute noch, aber eben
nicht viel mehr. Die alten und harten Zeiten sind endgültig vorbei. Man lebt in
größeren Ortschaften, an der Bahnlinie und der Autostraße sehr viel bequemer.
Ein kurzer Schulweg für die Kinder, alle Einkaufsquellen in erreichbarer Nähe,
auch die Kirche, das Kino, die Kneipe, das Cafe und der Klub für die
Stammtischbrüder. Post, Hospital, Apotheke, Rathaus, Restaurants, Nachbarn,
Freunde und Bekannte sind mühelos zu erreichen. Die Arbeitswoche hat nur vierzig
Stunden oder weniger, danach genießt man das erholsame Wochenende. Welche
Vorteile die Stadt den jungen Leuten bietet, braucht man nicht erst zu sagen.
Wer will auf all das verzichten, um noch weiter an seiner Scholle im Hinterland
zu kleben? Die langen Winter, der tiefe Schnee, die dunklen Tage, die schwere
Arbeit von früh bis spät, ohne jemals wirklich freie Zeit zu haben. Wer darauf
angewiesen ist, den Unterhalt für sich und seine Familie der rauen Natur
abzugewinnen, weiß ihre herbe Schönheit nicht zu schätzen. Sie gibt so manches,
aber sie versagt auch viel. Stürme, Hagel und Wolkenbrüche können die Ernte
eines Jahres vernichten. Verdorrte Weiden gefährden das Vieh, Blitzschlag lässt
die Wälder in Flammen aufgehen. Raubtiere brechen in den Hühnerstall ein, und
niemand ist in der Nähe, um notfalls rasch zu helfen. Würden wir das hinnehmen,
wenn wir in weit besseren Verhältnissen leben könnten?
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