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Hand
aufs Herz, was wissen wir schon über die Niederlande? Wenn wir mal ganz ehrlich
sind, bleibt bei den meisten von uns nur wenig mehr übrig als eine Sammlung
Klischees, die unser westliches Nachbarland und seine Bewohner in einige wenige
Schubladen steckt. Damit Sie nicht in Holland in Not geraten, soll Ihnen hier
ein kurzer Blick hinter die Hollandbilder und Klischees gegönnt werden. Ein
kleiner Leitfaden soll Sie um die wichtigsten "Fettnäpfchen" herumführen.
Wenn
wir "Holland" hören, denken wir zuerst einmal an Nordseestrand, Windmühlen,
Tomaten und Frau Antje. Das sind Klischees, die uns seit langem begleiten und
die uns von der Hollandwerbung teilweise auch bewusst eingeredet und in
Deutschland aufrechterhalten werden. Doch einige dieser positiven Klischees
bekommen in Deutschland mittlerweile einen zusätzlichen negativen Stempel
aufgedrückt. Die Strände sind überfüllt, deutsche Touristen werden abgezockt,
die holländischen Tomaten schmecken nur nach Wasser, sogar an Frau Antje
vergreift sich die "schamlose Journaille". Mit verklärtem Blick beschwören
einige noch die Freiheit, Lockerheit und Liberalität bei den westlichen
Nachbarn. Wir sehen dann fröhliche junge Leute im Amsterdamer Vondelpark, deren
Drogenkonsum von der Obrigkeit geduldet wird. Angesichts der Schwierigkeiten,
die Einwanderer und Flüchtlinge in Deutschland haben, bewundern wir das
multikulturelle Zusammenleben im Nachbarland.
Aber
es fängt schon beim Namen an: Holland ist mehr als nur Holland. Das ist nicht
nur so, weil es zwei davon gibt, nämlich Nordholland und Südholland, sondern
weil auch das nur zwei von sechzehn Provinzen des Königreichs der Niederlande
sind. Zwischen diesen Provinzen gibt es zwei große, aber fließende
Kulturgrenzen: Der Norden unterscheidet sich genauso wesentlich vom Süden der
Niederlande wie der Osten vom Westen.
Die
holländischen Provinzen sind aber seit jeher die wichtigsten. Sie bilden das
Kernland der Niederlande. Die meisten Menschen leben und arbeiten in Städten und
Dörfern rund um das Dreieck Amsterdam, Utrecht und Rotterdam, in der so
genannten "Randstad". Da spielt die Musik, meinen jedenfalls die Holländer.
Die
Bewohner der anderen Provinzen sehen das ganz anders. Sie fühlen sich (wie ich
meine zu Recht) von den arroganten Hollandzentristen und allen voran den
Amsterdamern "untergebuttert" und diskriminiert. Dabei geht es um
Ungerechtigkeiten auf kulturellem Gebiet, aber auch um regionale
Wirtschaftsförderung.
Besonders auffallend ist der Unterschied bei den kulturellen Mentalitäten. Die
großen Flüsse sind dabei die bedeutendste Grenze. Südlich von Maas, Waal, Lek
und Rhein leben die Menschen, von Norden aus gesehen, "burgundisch". Das heißt,
die Leute genießen das Leben, essen gerne und gut, feiern ausschweifende Feste,
ja sogar Karneval, schlagen über die Stränge, sind hauptsächlich katholisch und
schon deshalb - wie man meint - sowieso nicht vertrauenswürdig.
Das
wird dadurch unterstrichen, dass die Grenze, die die beiden Sprechweisen der
niederländischen Sprache trennt, mit dieser Mentalitätsgrenze zusammenfällt.
Die südliche Aussprache ist, ähnlich wie die Flämische, weicher und schwingender
im Gegensatz zum harten nordniederländischen Tonfall.
Am
weitesten entfernt ist für die Nordlichter die Provinz Limburg, deren Hauptstadt
Maastricht als südlichste Stadt der Niederlande von französischem Flair,
belgischer Gastlichkeit und rheinisch-maasländischer Fröhlichkeit geprägt ist.
In diesem Landstrich wird in den Dialekten des ehemaligen limburgischen
Kohlenreviers mehr rheinisch als niederländisch gesprochen. Das ist für den
Norden alles so südlich und fremd, dass die Region mit dem Begriff "Limbabwe"
abgestempelt wird. Umgekehrt einen Limburger als Holländer zu bezeichnen ist,
wie Sie jetzt verstehen werden, eine üble Verunglimpfung.
Mit
dem Osten ist es aber kaum anders. Er wird, vom Westen aus betrachtet - und in
Holland ist das die bedeutendste Perspektive -, mit Osteuropa assoziiert. Für
den arroganten Holländer fängt schließlich schon hinter Utrecht mit dem
Heidegebiet "Hoge Veluwe" die sibirische Steppe an. Die Region Twente nahe der
deutschen Grenze heißt dann auch "die hinterste Ecke" (het achterhoek). Weil die
Menschen aus dieser Gegend in Amsterdam die "Tukker" genannt werden, heißt die
Region im Jugendjargon auch "Tukkistan".
In
der regionalen Kultur und Sprache (regionale Dialekte) ist die Grenze zum
benachbarten Münsterland fließend. Das gilt für die ganze
deutsch-niederländische Grenze, im Norden zwischen Groningen und dem Emsland
ebenso wie im Süden zwischen Limburg und dem Rheinland. Der Gedanke, der hinter
der Euregio steht, trägt diesem Phänomen Rechnung. Die politische Grenze der
Nationalstaaten, die ja auch noch die Grenze der Politik, Währungen,
Wirtschafts- und Rechtssysteme, insbesondere aber der Hochsprachen,
Kulturgeschichte und Zeitgeschichte ist, bleibt dabei eine feste Größe.
Es
bestehen aber nicht nur große Unterschiede zwischen Ost und West, Nord und Süd,
sondern es gibt in den Niederlanden auch eine ethnische Minderheit, ein Volk,
das seit Urzeiten an der Nordsee lebt: die Friesen. Die zweisprachige
(friesisch-niederländisch) Provinz Friesland liegt östlich des Ijsselmeers,
aber darüber hinaus finden sich viele friesisch-niederländische Dörfer und
Städte in der Provinz Nordholland. Die Friesen haben eigene Medien und in
Leeuwarden sogar eine eigene Universität. Weltweite Berühmtheit
haben die
friesischen Städte mit der einzigartigen Elf-Städte-Tour (Elfstedentocht), dem
längsten und schwierigsten Eisschnelllaufrennen der Welt gewonnen. Seitdem ist
wohl auch die friesische Flagge weltbekannt: die weißgestreifte Fahne mit roten
Seerosenblättern.
Die
Bibellinie
Eine
weitere Besonderheit stellt eine Region dar, die den Norden vom Süden trennt. Es
ist die so genannte Bibellinie (bijbelbelt), die sich von Zeeland über die Inseln
zwischen Maas und Waal und über die Veluwe bis hoch nach Drente erstreckt. Sie
ist eine Art Limes des calvinistischen Fundamentalismus. Nördlich davon leben
die strenggläubigen Calvinisten, von denen die Fundamentalisten am Sonntag nicht
Auto fahren und demonstrativ über die Straße zur Kirche gehen. Sie hören am
Feiertag auch kein Radio oder sehen gar fern. Eis essen oder Fahrrad fahren gibt
es am Sonntag natürlich auch nicht. Bei diesen ganz besonders Strenggläubigen
werden weder Kinder noch Erwachsene geimpft, auch nicht gegen schwere
Krankheiten wie etwa Polio. Man schließt auch keine Versicherungen ab. Es gibt
diese frommen Gruppierungen in sehr unterschiedlichen Ausrichtungen, mehr oder
weniger streng, aber fast immer mit völliger Lustfeindlichkeit als wesentliches
kulturelles Element. Diese Fundamentalisten sind als "Randgruppe" immerhin stark
genug, um mit der dazugehörigen Partei (SGP) im Parlament vertreten zu sein.
Vieles in den manchmal außerordentlich freizügigen Kulturen der großen Städte
lässt sich als Reaktion gegen die kulturgeschichtlich gewachsene
Lustfeindlichkeit der nördlichen Provinzen verstehen.
Bei
den großen Gegensätzen, die es innerhalb der niederländischen Regionen und
Provinzen gibt, spielt der Unterschied zwischen Land und Stadt eine bedeutende
Rolle. Es gibt in den Niederlanden nur zwei wirklich große Städte. Das sind die
Hauptstadt Amsterdam und die ökonomische Hauptstadt Rotterdam. Aber auch die
Provinzhauptstädte haben teilweise Metropolen-Charakter. Das gilt vor allem für
Städte wie Utrecht, Groningen, Breda und Maastricht als kulturelle Mittelpunkte
ihrer Region und für Enschede, Arnhem, Eindhoven und Nijmegen als wichtige
Wirtschaftszentren. Den Haag gewinnt in den letzten Jahren zunehmend an
Bedeutung im Bereich Dienstleistung. Schließlich ist die Stadt nicht nur
Regierungssitz, sondern auch Hauptstadt, allerdings nur der Provinz Südholland.
"Gott schuf die Erde, wir schufen Holland", sagen die Niederländer. Und das
stimmt auch, große Teile der heutigen Niederlande wurden buchstäblich aus dem
Meer gezogen. Fast der gesamte Nordwesten des Landes liegt unter dem
Meeresspiegel. Die Wasserwirtschaft, die nach einem unglaublich komplizierten
und ausgeklügelten System das Land weitgehend trocken hält, ist eine bedeutende
Ingenieurleistung. Besonders beeindruckend sind die Deltawerke, eine
Sturmflutwehrung, die die Inseln im Rheindelta vor einer Hochwasserkatastrophe
schützen soll. Sie gilt als ein Weltwunder der Neuzeit. Im Ijsselmeer ist auf
riesigen Poldern eine ganz neue Provinz entstanden. Ein typisches Klischee in
Deutschland über Holland ist, dass es keine Natur gibt. Landwirtschaftliche
Großbetriebe produzieren hier unter idealen wirtschaftlichen Bedingungen
Massenware. Die industrielle Milchproduktion z. B. ist in ihrer Qualität und
Effizienz einzigartig in der Welt. Aber es gibt neben dem endlosen Ackerland,
den kilometerlangen Treibhäusern auch Naturlandschaften, die einmalig in Europa
sind. Das Wattenmeer mit den friesischen Inseln ist ein Paradies für alle
Vogelkundler. Die Dünenlandschaften an der holländischen Küste und die
Heidelandschaften von der Veluwe bis nach Drente sind die wichtigsten
Naherholungsgebiete in den Niederlanden.
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