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Die deutsch-niederländische Grenze

 

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Wer von den Niederlanden aus über die Grenze nach Osten reist und in den ersten deutschen Ort gelangt, bemerkt sofort einen Unterschied. Ist das nur Suggestion, weil er es weiß und folglich bereit ist, ja sich verpflichtet fühlt, es auf Schritt und Tritt zu merken? Würde er es auch so empfinden, wenn man ihn mit verbundenen Augen etwa auf den Marktplatz von Emmerich transportierte und die Binde löste? Ich denke, er würde - selbst ohne die dort vorhandenen deutschen Aufschriften. Die Schilder sind anders gefärbt, die Ampeln springen von rot auf gelb statt gleich auf grün, die Fenster gehen nach innen auf, das Brot, die Brötchen schmecken anders und die Zahl der Torten überwältigt noch immer - trotz der löblichen Ausdehnung des Repertoires beim niederländischen Konditorwesen in den letzten Jahrzehnten.

Und damit sind wir bei unserem eigentlichen Thema, der deutsch-niederländischen Grenze. Diese Grenze deckt sich nirgendwo mit einer natürlichen - abgesehen vielleicht von der Dollardbucht, ganz im äußersten Norden. Überall ist die Landschaft beiderseits der Grenze vollkommen die gleiche. Die niedersächsischen Dialekte im ostfriesischen, westfälischen und niederrheinischen Raum ähneln dem ebenfalls niedersächsischen in den östlichen Teilen der heutigen Niederlande. Zwischen dem Limburger und dem rheinischen Dialekt ist manche Gemeinsamkeit. Limburg wurde erst in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts vollständig in die Niederlande aufgenommen, und die Spuren dieser verhältnismäßig jungen Integration sind heute noch keineswegs bei der katholischen Bevölkerung Limburgs verschwunden. Die Atmosphäre in Maastricht zum Beispiel ist weit mehr belgisch - sogar mit wallonischem Einschlag, was die französischen Namen anbelangt ­ als holländisch. Mit dem Rheinland als Ganzem ist es ähnlich: Es fiel erst nach der Napoleonischen Epoche an Preußen.

Obschon die Niederlande seit dem frühen 17. Jahrhundert faktisch ein unabhängiger, souveräner Staat waren - gut 250 Jahre eher als das geeinte Deutschland - war die alte Republik eine Föderation.

Die Unterschiede in ökonomischer sowie sozialpolitischer Struktur namentlich zwischen den mächtigen Seeprovinzen und den östlichen Landprovinzen wurden durch die weitgehende Autonomie der Mitglieder unterstrichen. Wenn in jedem Schulbuch zu lesen ist, dass Holland eine ausgesprochen patrizisch-bürgerliche Kultur besaß und ein Kolonial- und Handelsstaat war, so gilt das eben für "Holland" und die Küstenprovinzen, aber weit weniger etwa für Overijssel, Drenthe und Gelderland - jenen Namenserben des mittelalterlichen Herzogtums, dessen ursprünglicher Kern Geldern längst außerhalb der Provinz lag. Hier dominierte nicht nur die Landwirtschaft, sondern auch der Landadel und eine entsprechende Mentalität, die ein Zusammenwachsen mit Gebieten wie Kleve, Jülich, Berg und dem Bistum Münster bis ins 15. oder 16. Jahrhundert noch genauso möglich erscheinen ließen wie die Mitgliedschaft in der Föderation der Niederlande. Diese war schließlich eine Folge der kriegerischen Ereignisse nach dem Aufstand gegen Spanien. Zwischen Groningen und Ostfriesland waren die sprachlichen und kulturellen Unterschiede geringer als zwischen Groningen und Holland. Dasselbe gilt für Gelderland im Hinblick auf Jülich. Die Gegensätze innerhalb der Niederlande und ein gewisses Ressentiment der Landprovinzen gegen die Dominanz Hollands blieben lange spürbar. Noch zu Ende des 18. Jahrhunderts klagte der Dichter Staring, dass sein geliebtes Gelderland viel besser selbständiger Teil des Reiches hätte sein können als Mitglied der niederländischen Republik. Noch länger und stärker galt das für die Bevölkerung südlich der großen Flüsse, im katholischen Brabant, das nicht einmal als Mitglied in die Generalstaaten aufgenommen war, sondern als quasi-koloniales Territorium verwaltet wurde und sich mit Flandern verwandt fühlte.

Wie wenig sich im 16. und 17. jahrhundert ein eindeutig nationalniederländisches Bewusstsein in den östlichen und südlichen Gebieten durchgesetzt hatte, zeigt die Sprache. Noch mancherorts wurde in jenen Bezirken im niederdeutschen Dialekt gepredigt. Das Wort "Niederduytsch" figurierte lange Zeit neben dem Wort "Nederlandsch", u. a. als offizieller Titel der "Niederduytsch Hervormde Kerk". Merkwürdigerweise kam es sogar erst im späten 17. Jahrhundert auf, z. B. bei Übersetzungen aus dem Französischen ins Niederländische, die "Verdeutschungen" genannt wurden. Dies wird so erklärt, dass die Niederländer damals ihre Sprache als die erste ausgebildete Schrift- und Kultursprache des Niederdeutschen dem Hochdeutschen entgegenhalten wollten. Die noch lange und hartnäckig in Deutschland kursierende Meinung, es handele sich beim Niederländischen um einen deutschen Dialekt, eine Abzweigung, beruht auf dem gleichen Irrtum wie die These von ihrem Abfall vom Reich: Während sich aus den hochdeutschen Dialekten eine allgemeine deutsche Schrift- und Kultursprache entwickelte, kam es innerhalb der Republik zu einer niederländischen, die sich vornehmlich aus dem Niedersächsischen bildete. In beiden Fällen wurde die Bevölkerung des Grenzgebietes hüben und drüben jedoch erst später in ihrer Sprache davon abhängig. Erst im späten 18. und dann im 19. Jahrhundert setzte mit der Emanzipation der Mittelschichten auch die energische Nationalisierung durch die Kultursprache und den Unterricht ein. Das führte dazu, dass nach der Auflösung der alten republikanischen Konföderation und der Errichtung eines zentralisierten Einheitsstaates unter dem Druck der französischen Revolutionsheere die östlichen Landprovinzen nun immer stärker vom Westen, von Holland aus, in den Staat integriert wurden. Für die deutschen Grenzgebiete Rheinland, Westfalen und Niedersachsen galt Ähnliches, aber nach 1813, 1866 bzw. 1871 nun in östlicher Richtung nach Preußen hin.

Hier muss jedoch noch eine wesentliche Einschränkung gemacht werden: Die Nationalisierung war in erster Instanz Sache der Mittelschichten und der Städte, so wie die gesamte Modernisierung es war. Die Landbevölkerung, die Bauern und Bewohner der Dörfer, hielten bekanntlich noch viel länger am Alten fest: an ihrer heimischen Sprache und an ihrem ganzen althergebrachten Lebensstil, folglich auch an Kontakten herüber und hinüber. Die staatlich-nationale Grenze, unentbehrliches Symbol sowie praktisches Mittel der Nationenbildung, war für diese Bewohner noch weniger hoch und markant.

Nach diesem Zusatz müssen wir allerdings auch feststellen, dass im Laufe des 19. Jahrhunderts für eine wachsende Zahl der Einwohner durch die Nationalisierung, das Anwachsen der Staatsmacht und deren Durchdringung des individuellen Lebens die staatlichen Grenzen bedeutsamer wurden. Der Einzelne wurde aufgesogen in die nationale politische Tradition seines Staates. Und da hatten sich im Laufe der letzten Jahrhunderte zwei schließlich sehr unterschiedliche Kulturen herausgebildet, die die Normen, den Umgang und die gesellschaftliche Organisation bestimmten. Erst jetzt wurden alle, die von Geburt an innerhalb des staatlichen Territoriums sesshaft waren, hundertprozentig Niederländer oder Deutsche.


 

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