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"Die deutsche Demokratie ist in den Niederlanden schon seit Jahren bedroht. Recht und links, schlau und dumm, arm und reich, jung und alt: wir lassen uns noch lieber das Nikolausfest abnehmen als den Gedanken, dass die deutsche Demokratie in Gefahr ist." Ironisierend kritisierte Redakteur Karel Poil vom liberalen NRC Handelsblad 1978 die niederländischen Reaktionen auf die innenpolitischen Turbulenzen der siebziger Jahre, als durch den Radikalenerlass und die Antiterrormaßnahmen das liberale politische Klima in der Bundesrepublik unter Druck geraten war. Fünfzehn Jahre später, im Frühsommer 1993, beteiligten sich mehr als 1 Million Niederländer an einer Postkartenaktion, in der sie nach dem ausländerfeindlichen Brandanschlag in Solingen Bundeskanzler Helmut Kohl wissen ließen, über die Attentate auf Ausländer "wütend" zu sein.

Wenn es derartige Ansichten und Empfindlichkeiten so lange nach Kriegsende noch gab, dann wundert es nicht, dass man für die fünfziger Jahre nicht lange nach negativen Pauschalurteilen über die Deutschen und ihre politische Kultur zu suchen braucht. "Deutschland, das sind die Deutschen ... Sie sind noch genau so selbstsicher wie damals. Sie werden noch immer von allen Anderen schlecht behandelt. Sie haben es noch immer nicht gewusst. Und noch immer tragen nicht sie, sondern die anderen die Schuld. Kurz: Es sind noch immer richtige Deutsche", so die protestantische Tageszeitung Trouw im März 1950. "Härte zeigen und weitermachen", hieß es 1952 in der katholischen Volkskrant über die deutsche Geisteshaltung und das, so wurde weiter ausgeführt, sei "eine Geisteshaltung, die unangetastet von Krieg und Niederlage jetzt wieder öffentlich und schamlos zum Ausdruck komme". Der niederländische Botschafter in Bonn, A.Th. Lamping, sah 1954 in Deutschland eine mangelnde Bereitschaft zum Kompromiss, ein mangelndes Verständnis für Minderheiten, einen persönlichen Hass zwischen politischen Gegnern und einen fehlenden Blick für Proportionen.

In den Begriffen Wachsamkeit und Sensibilität, nicht selten mit einer unangebrachten moralischen Überlegenheit ausgetragen, wäre die niederländische Haltung gegenüber den Deutschen und ihrer politischen Kultur oberflächlich gesehen zusammenzufassen. Diese Aufzählung ließe sich denn auch beliebig fortführen, und es wäre einfach, auf Grund solcher Beobachtungen die Schlussfolgerung zu ziehen, dass die Deutschen im Urteil der Niederländer ein egozentrisches, larmoyantes und hinsichtlich ihrer politischen Kultur kaum lernfähiges Volk gewesen seien. An dieser Stelle soll jedoch nicht das Bild bestätigt werden, dass das niederländische Wahrnehmungsmuster von den Deutschen und der deutschen Demokratie seit 1945 so eindimensional und von Stereotypen gekennzeichnet gewesen ist, wie es in den Niederlanden und in Deutschland selbst oft dargestellt wird. Hier wird zu zeigen sein, dass bei genauerem Hinschauen der niederländische Blick über die östliche Landesgrenze viel differenzierter und nuancierter gewesen ist, als es die Schlagzeilen immer wieder anzudeuten scheinen. Das hat zunächst eine Reihe von Umfrageergebnissen aus der gesamten Nachkriegszeit präsentiert, die bereits zu einer ersten Relativierung der vereinfachten Sichtweise führte.

In den Jahrzehnten nach 1945 war zwar immer eine gewisse Ambivalenz zur deutschen Einheit festzustellen, dass jedoch im Zuge der Adenauerschen Politik der Westintegration das Vertrauen in die westlich orientierte Bundesrepublik bereits schnell wuchs und dass vor diesem Hintergrund die Vereinigung von 1990 durchaus positiv beurteilt wurde. Diese Haltung zur deutschen Einheit ist nur im breiteren Rahmen der Perzeption der Entwicklung der deutschen politischen Kultur zu erklären. Nur weil die Bundesrepublik allmählich als normale westliche Demokratie perzipiert wurde, konnte das vereinigte Deutschland 1990 von den meisten Beobachtern als verlässlicher Partner begrüßt werden. Es gab im Zuge der Vereinigung auch Kritik und Unbehagen, aber die Schlussfolgerung ist gerechtfertigt, dass die Bundesrepublik Ende der achtziger Jahre schon längst nicht mehr mit den Augen von gestern betrachtet wurde. Es hat sicherlich lange gedauert, bis in den Niederlanden die (west)deutsche Demokratie als stabil und gefestigt galt.  


 
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