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Die Vulkaninsel Surtsey

 

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Niemand ahnte, was an diesem Tag vor der Küste von Island geschehen würde. Kein Vorzeichen hatte darauf hingedeutet und die Fischkutter gewarnt. Der 14. November 1963 begann wie jeder andere Tag in dieser Jahreszeit. Trübes Wetter, leichter Ostwind, relativ ruhige See, in der Luft und im Wasser die normale Temperatur von 7 und 8 Grad Celsius. Die Männer der "Isleifur II" hatten vier Seemeilen westlich von Geirfuglasker, einer kleinen Felseninsel der Westmännergruppe, ihre Fischleinen ausgelegt. Gegen 6.30 Uhr saßen sie bei dampfendem Kaffee in der Kombüse ihres Kutters.

Kurz vor 7 Uhr stieg der Maschinist Ami Gudmundsson an Deck, um nach dem Wetter zu sehen. Er bemerkte einen brenzligen Geruch und glaubte, die öligen Rückstände des Dieselmotors hätten sich entzündet. Aber die Inspektion der Maschinenanlage zeigte, dass alles in Ordnung war. Gudmundsson legte sich in seiner Koje zum Schlaf nieder. Dafür stieg nun Kapitän Gudmar Tomasson die Gangway hinauf. Ihm wehte leichter Schwefelgeruch in die Nase. Aber es störte ihn weiter nicht, denn oft zieht schwefliger Duft aus Islands Vulkanen weiter über das Meer. So begab sich auch der Käpten in seine Koje, um ein Stündchen zu ruhen.

Aber schon um 7.30 Uhr wurde er von dem Schiffskoch wachgerüttelt. "Käpten, da braut sich was zusammen ... ich werd aber nicht klug daraus." Jetzt sind gleich alle Mann an Deck. Sie sehen im Südosten eine dunkle, auf dem Wasser liegende Wolke. Bei nahezu windstillem Wetter und steigendem Barometer ist das eine merkwürdige Sache. Ein brennendes Schiff könnte es sein. Tomasson meldet seine Beobachtung durch Sprechfunk der Radiostation auf Vestmannaeyjar. Aber man sagt ihm, dass kein SOS gehört wurde. Vermutlich hat sich der Käpten durch eine gewöhnliche Wolke täuschen lassen.

Aber die Männer auf der "Isleifur II" erkennen im Fernglas, dass Asche aus der Wolke wirbelt. Tomasson will das näher untersuchen, lässt die Maschine anwerfen und steuert in den Rauch hinein. Dort ist die See bewegt und die Wassertemperatur auf 11 Grad Celsius gestiegen. Der Schwefelgeruch macht sich noch deutlicher bemerkbar. Die Aschensäule steigt 60 Meter hoch und schleudert Steine in die Luft. Nun sieht man auch glühende Flecke in dem dunklen Gebrodel.

Der Käpten meldet gegen 8.30 Uhr durch Sprechfunk eine Eruption des Meeresbodens auf 63,18 Grad nördlicher Breite und 20,36 Grad westlicher Länge. Nach seiner Seekarte beträgt die Wassertiefe hier 130 Meter. Die Radiostation auf den Westmännerinseln alarmiert die Behörden in Reykjavik. Von dort steigt ein Flugzeug auf, um festzustellen, was die Rauchwolke bedeutet.

Sie steigt binnen wenigen Stunden auf 2000, auf 3000 und bis 11 Uhr vormittags sogar auf 4000 Meter Höhe. Man kann sie auch in Reykjavik deutlich erkennen. Die Fischer auf der "Isleifur II" sehen noch mehr. Im Abstand von etwa einer halben Minute werden leuchtende Steine 100 bis 150 Meter hoch aus dem Meer geschleudert. Das sonst türkisblaue Wasser hat sich braun gefärbt. Der Wellenschlag nimmt zu, die Temperatur steigt weiter, und der nun aufkommende Nordwind weht einen dunklen Vorhang nach Süden. Heiße Asche regnet aufs Deck der "Isleifur", faustdicke Steine klatschen daneben ins Wasser. Tomasson verlässt mit voller Kraft die Gefahrenzone. über Radio werden alle Schiffe davor gewarnt, sich der Eruption zu nähern. Wie es scheint, ist unter der Meeresfläche ein Vulkan ausgebrochen. Es kann noch viel gefährlicher werden. Auch an der Küste muss man mit Eruptionen rechnen. In Reykjavik heulen die Sirenen.

Um 3 Uhr nachmittags hat die Wolke 6000 Meter Höhe erreicht. Ein Flugzeug der Fischereiaufsicht versucht den Ausbruch zu filmen, aber Wasserdampf verhüllt die entscheidenden Stellen. Zehn Meilen weit über See ist nun das Gerumpel der Eruption zu hören. Blitze schlagen durch schwarze Wolken, Feuerstöße flammen empor. Von dem Ausbruch rollen meterhohe Wellen nach allen Seiten.

Während der Nacht vom 14. zum 15. November wurde eine neue Insel geboren. Sie erhielt den Namen "Surtsey", zu Ehren des Riesen Surtur, von dem eine alte germanische Sage berichtet, er habe den Menschen das Feuer gebracht. Von gewaltigen Explosionen und Lavaströmen wurde die Insel noch lange beherrscht. Ihre Größe, ihre Form und Farbe veränderte sich in Tagen, manchmal auch in wenigen Stunden. Insgesamt beförderte die Eruption etwa eine Milliarde Kubikmeter glühende Lava und lockeres Gestein aus dem Innern der Erde bis 170 Meter über den Meeresspiegel.

Am 28. Mai 1965 tauchte 600 Meter östlich von Surtsey noch eine Insel auf. Das war Syrtlingur, der "kleine Surtur", maximal 20 Meter hoch und 200 Meter breit. Sie verschwand am nächsten Tag, kam für einige Wochen wieder hoch, versank aufs Neue, zeigte sich viermal an der gleichen Stelle, wurde aber seit Ende Oktober des gleichen Jahres nicht mehr gesehen. Ein ähnliches Spiel des Auftauchens und Versinkens bestaunte man bei der "Weihnachtsinsel", die unter Feuer speiendem Gepolter am 25. Dezember aus dem Meer emporstieg, aber nach kurzem, wechselvollem Leben wieder unterging. Nur Surtsey hat bis heute Bestand, und man glaubt, dass die Insel bleiben wird. Die stürmische See um Surtsey erodiert die Insel und lässt sie pro Jahr etwa einen Hektar kleiner werden. Man schätzt, dass die Insel im Jahr 2010 ihr gesamtes loses Oberflächenmaterial verloren haben wird und nur der harte Kern aus Palagonit mit einer Fläche von etwa 0,4 km² der Erosion länger widerstehen kann.

Heute ist Surtsey friedlich geworden und hat die Rolle der südwestlichsten der Westmännerinseln übernommen. Wer sie klein nennt, sollte bedenken, dass Surtsey doppelt so groß ist wie Monako. Aber es lebt kein Mensch auf den 1,4 Quadratkilometern.

Surtsey steht unter Naturschutz, nur Wissenschaftler dürfen mit Sondergenehmigung der isländischen Regierung den Strand und die  Forschungsstation auf der Insel betreten. Denn hier ist zur Zeit die einzige Stelle auf Erden, wo man genau beobachten kann, wie sich auf neuem Land neues Leben entwickelt. Jedes von Menschen eingeschleppte Samenkorn oder Fliegenei könnte den natürlichen Vorgang verwirren. Schon im ersten Jahr nach der Inselgeburt haben sieben Arten von Zugvögeln auf Surtsey ihre Reise unterbrochen. Als ständige Bewohner erschien nach 18 Monaten zuerst ein Rabenpaar. Im dritten Jahr zählte man 30 Paare der Dreizehenmöwen, die auf ihren Gelegen saßen und Nestlinge aufzogen. 1999 waren es bereits 300 Paare und 2004 entdeckte man auch nistende Papageitaucher. Samenkapseln trieben an den Strand oder wurden von den Vögeln mitgebracht. Strandhafer und Angelica waren die ersten Sorten. Nun bedeckt schon Pflanzengrün einige Stellen der sonst graubraunen Insel. Kegelrobben und Seehunde wissen die Sicherheit von Surtsey zu schätzen. Die Vulkaninsel Surtsey wurde 2008 in die Weltnaturerbeliste der UNESCO aufgenommen.

 
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