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Am frühen Mittag sind wir mit
der lcelandair von Frankfurt abgeflogen, am späten Nachmittag in Keflavik
gelandet. Am Flughafen standen schon 3 Geländewagen bereit, die uns weit ab der
Zivilisation ins Hinterland Islands bringen sollen. Solche Ausflüge und sogar
die Durchquerung von ganz Island werden für zahlungskräftige und schüttelfeste
Touristen organisiert. Für eine dieser Fahrten braucht man zehn Tage, schläft im
Zelt, speist an Klapptischen und erlebt eine der eindruckvollsten Landschaften
unserer Erde. Rauchende Vulkane, weite Lavafelder, dampfende Teiche und tiefe
Krater. Selten eine grüne Insel, aber Schneeflächen noch im Juni und
schäumendes, gurgelndes Wasser alle paar Kilometer. Es fahren mehrere Wagen
zusammen, damit in häufig vorkommenden Fällen einer dem anderen helfen kann.
Wir steigen in die Fahrzeuge
und fahren durch breite Täler mit grauen Bächen und grünen Wiesen. Hier und dort sehen
wir ein Farmhaus mit Nebengebäuden. Rostrot sind fast alle Dächer und weiß
gestrichen die Wände. Jedes Gehöft hat seinen Maschinenpark und Geländewagen für
den Winter. Die Farmen liegen weit auseinander. Zwanzig Kilometer bis zum
nächsten Nachbarn, das gilt noch nicht als einsame Lage. Wir haben das dunkle
Massiv des Hekla zur Rechten. Auf den Weideflächen am Weg mischt sich das karge
Gras mit krümeliger Asche. Bald ist von der ohnehin sparsamen Vegetation nichts
mehr zu sehen.
Der Geländewagen biegt von der
Straße ab und folgt nun Fahrspuren im weichen, fast völlig schwarzen Gelände.
Man erkennt an den Reifenrinnen, dass die Räder eine Handbreit tief in die Asche
sinken. Stellenweise ist es aber dem Gras geglückt, ein paar Halme ans
Tageslicht zu schieben. Es geht vorbei an Wasserfällen und tief gespaltenen
Felsen. Wir hören die Räder knirschen. Der hochbeinige Wagen schwankt über
Lavakies. Wir steigen am Hang des Hekla eine halbe Stunde hinauf, um ihn in
seiner ganzen Breite und Weite zu überschauen.
Es führt keine Straße durch
Island hindurch, sondern nur außen herum. Nirgendwo ist eine isländische Straße
weiter als etwa 70 Kilometer von der Meeresbrandung entfernt. Nur mit
Geländewagen und Vierradantrieb ist es möglich, auf ungebahnten Wegen durch das
Innere der Insel zu rollen. Das raue Geröll nimmt kein Ende.
Unser Geländewagen hatte Räder
von einem Meter Höhe, um ohne weiteres durch Wildbäche zu fahren. Natürlich
besaß er auch Vierradantrieb, einen Motor von 250 PS und einen Benzintank, der
500 Liter fasst. Er war mit Sprechfunk ausgerüstet, mit einem tragbaren
Küchenherd und allen Notwendigkeiten für das Camping von mehreren Personen. Eine
Woche lang hätte die Verpflegung gereicht, aber wir wollten schon nach fünf
Tagen zurück sein. Unsere Gesellschaft bestand zu zwei Dritteln aus isländischen
Bergsteigern und zu einem Drittel aus fremden Besuchern. Das Touristenbüro in
Reykjavik hatte unsere Gruppe für diese besondere Fahrt zusammengestellt. Wir
wollten so weit wie möglich in das lange, wilde und viel gewundene Bergtal von
Thórsmoerk hineinfahren, am Endpunkt das Lager aufschlagen und von dort aus
Wanderungen unternehmen.
Wie schon der Name "Thor"
besagt, hatten die alten Isländer geglaubt, das tiefe Tal sei der bevorzugte
Aufenthalt des hoch verehrten und gefürchteten Gottes. Von unseren heidnischen
Vorfahren wurde er Donar genannt, woran jeder Donnerstag noch heute erinnert.
Der Sage nach hatte Thor diese Schlucht mit Hammer und Blitz in die Felsenberge
geschlagen. Das Tal von Thórsmoerk sah danach aus.
Kaum hatten wir - etwa zwei
Stunden nach der Abfahrt von Reykjavik - die Straße verlassen, begann schon eine
völlig andere Welt. Zu beiden Seiten zerklüftete Berghänge und dazwischen eine
breite Fläche von Kiesgeröll. Sie war durchfurcht von zahllosen großen und
kleinen Bächen. Diese führten das Schmelzwasser der Gletscher ins Tiefland und
hatten deshalb eine grautrübe Farbe. Um uns herum rieselten Wasserfäden oder
rauschten Wasserfälle an den dunklen Wänden herab. Die Luft war feucht und kühl.
Gerne hätte ich meine ganze
Aufmerksamkeit der Landschaft gewidmet, aber das war wegen der heftigen Stöße
des Wagens nicht möglich. Er ratterte über das Geröll, die Räder mahlten durch
feinkörnigen Kies und tauchten in Bäche. Nirgendwo ein Haus oder eine Hütte,
auch sonst kein Werk von Menschenhand. Das Tempo betrug keine zwanzig Kilometer
in der Stunde.
Es war Mittag geworden, als der
hochbeinige Geländewagen vor einem rauschenden Gewässer halt machte. Da konnte
er nicht hinüber, das sah ich auf den ersten Blick. Der Fluss war etwa zwanzig
Meter breit und sicher sehr tief. Die starke Strömung hätte auch einen
Zehntonnenwagen mitgerissen.
So glaubte ich, aber der Fahrer
wusste es besser. Er stieg aus, zog hüfthohe Gummistiefel an und ergriff eine
lange Stange. Damit stieg er in die brausende Flut, während wir Fremden in der
Gruppe um sein Leben bangten. Indessen reichte dem Fahrer das Wasser bis nahe zum Gürtel. Er stützte sich
der Strömung entgegen auf seinen Stab, wagte einen Schritt nach dem anderen und
war schon über die Mitte des wilden Flusses hinausgekommen, als er den Rückweg
antrat. "Kein Problem", sagte er, "das schaffen wir leicht. Bitte einsteigen,
der Wagen fährt ab."
Die beiden Damen aus Düsseldorf
schlossen die Augen. Ehrlich gesagt war mir auch nicht ganz geheuer bei dem
bevorstehenden Unternehmen. Aber der Mann am Steuer wusste, wie man den Gefahren
der Strömung nicht nur entgeht, sondern sie als Schubkraft benützt. Statt
geradewegs das gegenüberliegende Ufer anzupeilen, steuerte er den Wagen so schräg
in das gurgelnde Wasser, als wollte er dem Flusslauf folgen. So hatten wir die
Strömung von hinten, und sie half dem Motor bei der Fortbewegung.
Ich dachte, wir würden nie mehr
herauskommen, weil schon Wasser unten an den Türen eindrang. Es musste auch in
den Vergaser strömen, den heißen Motorblock sprengen und den Auspuff verstopfen.
Aber nichts dergleichen. Man hatte entsprechende Vorsorge getroffen. Ein
Isoliermantel schützte den Motor. Ein Aufsatz über dem Luftfilter und der bis
zur halben Wagenhöhe verlängerte Auspuff ließen keinen Wassertropfen eindringen.
Der Wagen schwankte, rumpelte und schnaufte mit dem Strom und durch den Strom.
Was mir als eine Ewigkeit erschien, waren gewiss nur wenige Minuten. Der Wagen
hob sich aus der Flut und kletterte drüben ans Ufer. Der Fahrer lachte, und wir
klatschten Beifall.
Das Thortal wurde enger, die
Bergwände immer höher, und alle Bäche strömten in einem Fluss zusammen.
Siebenmal mussten wir auf die gleiche Art hindurch wie beim ersten Mal. Oft sah
das noch gefährlicher aus, aber nie blieben wir stecken. Doch gegen acht Uhr
abends versperrten haushohe Felsblöcke den weiteren Weg. "Das wär's für heute",
sagte der Fahrer, "dort drüben ist ein guter Platz für Camping."
Er selbst bezog die hinterste
Sitzbank im Wagen. Die Leitung des Unternehmens wurde vom Anführer der
isländischen Bergsteigergruppe übernommen. Er war noch jung an Jahren, aber
sicher reich an Erfahrung. Ich bekam ein Zelt für mich allein und entdeckte
beim Aufbauen, dass mein Minizelt keinen Boden hatte. Da es an Luftmatratzen
fehlte, lag mein Schlafsack unmittelbar auf der isländischen Erde. Im Thórsmoerktal besteht sie überwiegend aus hartem Gestein. Aber sonst war der
Platz gut gewählt und wild romantisch. Ein Bach plätscherte über bemooste
Felsen, und der seltene Anblick eines Birkenwäldchens war uns vergönnt. Hoch
droben sah man den rauen Glanz von Gletschern.
Sigurdur kochte
Kaffee auf dem Primusofen, teilte Tassen aus und reichte jedem zwei
belegte Brote. "Wie wär's mit einem kleinen Abendbummel", schlug er vor,
dessen Sache es war, das Programm der Fußmärsche zu gestalten. Ich nehme an,
dass er noch an diesem Abend den sportlichen Geist der Ausländer prüfen wollte.
Nur die Damen aus Düsseldorf blieben im Lager, alle übrigen waren gerne zu dem
Abendbummel bereit. Der Führer ging voran und im Gänsemarsch folgten wir nach.
Niemand hatte im Tal des Thor einen Weg erwartet, und es gab auch keinen. Wegen
des steilen Geländes bewegten wir uns in Serpentinen am Hang hinauf. Weil Sigurdur ein sehr flottes Tempo anschlug, keuchte bald die ganze Kolonne. Aber
der Rücken, dem wir zustrebten, war nicht allzu hoch. Dort war gewiss der
abendliche Spaziergang zu Ende.
Diese Hoffnung erfüllte sich
nicht. Kaum waren wir oben, begannen ein neuer Anstieg und darauf der nächste.
Wenn jemand sagte, er wollte hier die Rückkehr der Gruppe abwarten, gab Sigurdur
zur Antwort, das könne nicht sein, weil man auf ganz anderer Route ins Lager
zurückkehre. Zwar versank die Sonne hinter den Bergen, aber es wurde deshalb
nicht dunkel. Gegen Mitternacht war endlich der höchste Punkt erreicht, und ich
muss sagen, dass sich die Mühe gelohnt hatte. Ein grandioser Rundblick lag vor
uns ausgebreitet. Schimmernde Eisfelder auf den Höhen, klaffende Schluchten vor
unseren Füßen und silberne Wasserfälle an den grauschwarzen Wänden.
Erst um zwei Uhr morgens konnte
ich zur dringend benötigten Ruhe den Schlafsack beziehen. Mit schmerzenden
Gliedern kroch ich nach kaum vier Stunden wieder heraus, weil unruhige Geister
mehrere Topfdeckel gegeneinander schlugen. Wer nicht gleich sein Frühstück
holte, bekam nichts mehr. Rühreier mit Speck und ein Liter Kaffee für jeden.
"Wir überqueren den Gletscher",
sagte mir Sigurdur, "eine Wanderung von etwa zehn Stunden. Ich meine, Sie können
das sehr gut mitmachen. Für die anderen Ausländer hab ich nur eine ganz bequeme
Tour vorgesehen ... wegen der Rücksichtnahme auf die lahmen Enten. Bjørn
wird sie führen, weil er sich nach seinem Unfall mit dem Auto noch schonen muss.
Es ist eine langweilige Damentour, also bestimmt nichts für Sie." Ich dankte für
sein Kompliment, meinte aber, sie sei gerade richtig für mich.
Die Isländer beluden sich mit
ihren prall gefüllten Rucksäcken, zeigten die entschlossene Haltung von
Hochtouristen und waren bald unseren Blicken entschwunden. Ein belgischer
Studienrat, ein österreichischer Buchhändler und die beiden Chefsekretärinnen aus
Düsseldorf, dazu noch ich selbst, wurden von Bjørn ins Schlepptau
genommen. Er ging zunächst sehr langsam und zog dabei den linken Fuß etwas nach.
Wir wollten es uns gemütlich machen, war sein fester Vorsatz. Das sagte er
mehrere Male, wobei er seine Schritte jedes Mal etwas beschleunigte. Schon als
Schulbub hatte er die Gegend mit seinem Vater wochenlang durchwandert. Er trug
einen roten, stellenweise schon graumelierten Spitzbart, eine Baskenmütze auf
dem Kopf und einen Knotenstock in der Hand. Wir hatten keine Verpflegung
mitgenommen, weil Bjørn schon gegen Mittag zurück sein wollte.
Ohne Mühe gelangten wir auf
eine schneefreie Höhe mit wunderbarer Weitsicht, stiegen hinab in ein grünes Tal
und wieder hinauf bis zum Rand der Gletscher. Diese Strecke liege abseits aller
üblichen Touren, sagte Bjørn, vermutlich sei überhaupt noch niemand in dieser
Region gewesen. Die Mittagsstunde war längst vorüber, als ich mir die Frage
erlaubte, ob unserem Führer noch bekannt sei, wo wir waren. Bjørn blieb
stehen, und sein Gesicht zeigte einen tief bekümmerten Ausdruck. Doch als
ehrlicher Mann zögerte er nicht länger mit der Wahrheit. "Entschuldigen Sie
bitte, ich habe ... habe mich verirrt."
Wo man das Lager finden konnte,
ließ sich am Stand der Sonne vermuten. Auch hatten wir eine Kette der höchsten
Gipfel als Leitlinie zur Orientierung. So schlimm konnte es also nicht sein. "Es
ist doch recht schlimm", meinte der schuldbewusste Mann, "es klaffen ja überall
so tiefe Schluchten."
Ich will es kurz machen, obwohl
dieser Tag einer der längsten war. Schritt für Schritt ging es hinunter, durch
himmelhohe Engpässe sind wir geklettert und zogen die müden Knochen mit Hilfe
der Hände an scharfkantigem Geröll hinauf. Wir entdeckten idyllische Talsenken
mit blauen Blumen und Birkenwäldchen. Murmelnde Quellen, dunkle Höhlen,
tropfende Eiszapfen, tiefgrünes Moos und alter Schnee in schattigen Lagen. Die
Damen bedurften der Stütze, und Bjørn trug die Ältere auf seinem Rücken durch
Wildbäche. Die Vorsehung führte uns gegen acht Uhr abends ins Tal des Thor. Aber
wir hatten keinen Wagen, um viele Male den Fluss zu durchqueren. Seine Kälte war
atemberaubend, die Strömung riss uns fast die Beine weg. Alle Achtung vor den
Frauen, die wir hinter uns herschleiften.
Es waren Fanfarenstöße der
Geländewagen im Lager, die unsere erschöpften Kräfte aufs neue belebten. Die
Kameraden hatten sich Sorgen gemacht, durchaus mit Recht, und ließen zur
Wegweisung die akustischen Signale erklingen. Es war auch an diesem Abend schon
lange nach Mitternacht, als wir die Zelte erreichten.
Wo er mit
uns gewesen sei, wurde der entkräftete Bjørn gefragt. "Wenn ich's nur
wüsste", seufzte der Rotbart, "aber ich kann es nicht sagen." Die Trolle hätten
wohl seinen Geist verwirrt, lachte der baumlange Sigurdur. |