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Dartmoor - letzte Wildnis Englands

 

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Das Dartmoor wird die letzte Wildnis Englands genannt. In weichen, bräunlichen Wellen erstreckt sich das Hochmoor bis an den Horizont, eine grünbraune Sahara. Die endlose Heidelandschaft unter dunklen Wolkentürmen ist das melancholische Gegenstück zur heiteren englischen Countryside. Wohl ausgerüstet – festes Schuhwerk, Regenzeug, warme Kleidung, Proviant und Wanderkarten – brachen wir vom Hotel Two Bridges auf, bei dem sich die beiden Straßen kreuzen, die das Dartmoor durchqueren. Der schmale Wanderweg läuft eine Weile am West Dar' River entlang nach Norden, dann verliert er sich in zahllose Pfade. Am Hang liegt Wistman's Wood, ein Wald aus jahrhundertealten, knorrigen Eichen, die zwischen Granitblöcken und Geröll hoch wuchsen und so geschützt blieben vor dem Verbiss durch die Schafe und die berühmten Dartmoor-Ponys, die hier in freier Wildbahn leben. Steine und Pflanzen haben sich im Lauf der Zeiten einander angepasst – der zersplitterte Granit ist genauso mit einem Teppich aus Moosen und Flechten bedeckt wie die Baumstämme dieses Waldes. Das verwunschene Gehölz wurde zur „Landschaft von besonderem wissenschaftlichen Interesse” erklärt – und soll nicht mehr betreten werden.

Die Felsgruppen von Longaford Tor tauchen auf und der Untergrund wird sumpfiger. Wir müssen unsere Füße sorgfältig setzen. Dann ein letzter Markierungspunkt in der endlosen Einsamkeit des nördlichen Dartmoors: Beardown Man, ein schlanker Menhir aus der Megalithzeit. In der Ferne erhebt sich Fur Tor, mit fast 600 Metern einer der höchsten Berge des Moores. Plötzlich steht, mitten in der weiten unwegsamen Urlandschaft, ein verwitterter Briefkasten. Das Letterboxing ist ein wahrer Kult der Langstreckenwanderer. Es gilt, einen der übers Land verstreuten Briefkästen aufzuspüren und ein Zeichen zurückzulassen oder weiter zutragen, als Beweis dafür, dass hier jemand im Herzen der Wildnis war. Wir spielen das Spiel mit, werfen einen Kartengruß an einen Freund im fernen London ein und nehmen zwei Briefe mit, deren vergilbtes, feuchtes Papier darauf hindeutet, dass sie schon seit einer ganzen Weile auf ihre Weiterbeförderung warten. Bei der Rückkehr in die Zivilisation werden wir sie in einen der roten Kästen der Royal Mail einwerfen.

Immer tiefer geht es ins Hochmoor hinein. Einzige Orientierungspunkte sind die tors, die dramatisch aufragenden Granitformationen auf den Hügeln des Moores. Feierlich sehen sie aus unter einem konturenlosen Himmel, dessen hohe graue Wolkendecke das Sonnenlicht nicht durchlassen will, drohend im sturmgepeitschten Wetter, geheimnisvoll im wallenden Nebel. Im Sonnenlicht aber laden sie zur Rast, bieten Schutz gegen den scharfen Wind, der über die Höhen fegt. Wir packen unseren Proviant aus, trinken Tee und beobachten eine Gruppe von Ponys, die sich nicht weiter stören lassen, aber doch in sicherer Distanz bleiben. Mit frischen Kräften machen wir uns daran, Fur Tor zu besteigen und genießen den freien, weiten Blick.

Schon immer waren die tors ein Quell mythischer Inspiration. Ihr Name bedeutet Turm oder Kastell. In grauer Vorzeit wurde Lava aus dem Erdinnern hoch gepresst und erstarrte in gewaltigen Granitbergen. Die monumentale Landschaftskunst der tors, die wir heute in Südengland bewundern, ist das Ergebnis der Erosionskräfte im Laufe von Millionen von Jahren.

Eindringlich vermittelt das Dartmoor, dass Natur- und Menschheitsgeschichte untrennbar miteinander verknüpft sind. Während der Eiszeit lag der Meeresspiegel um mehr als 200 Meter über dem heutigen Niveau. Das Dartmoor war eine Insel. In der Megalith- und der Bronzezeit herrschte hier ein viel freundlicheres Klima als heute. Hügel und Hochmoore waren mit Eichen-, Birken- und Eschenwäldern überzogen, nur die höchsten Kuppen blieben kahl. Über zwei Jahrtausende hinweg, zwischen 2800 und 800 vor Christus, war die Region relativ dicht besiedelt. In den Tälern bauten die Menschen ihre Unterkünfte, auf den Höhen errichteten sie unzählige Monumente. Deshalb gleicht das Dartmoor heute einem gewaltigen archäologischen Freiluftmuseum.

Immer wieder stoßen wir auf schweigsame Zeugnisse prähistorischer Zeit: Steinkreise und Menhire, Hünengräber und Steinwälle. Steinreihen durchziehen Heide und Moor in einfacher, doppelter oder gar dreifacher Anordnung. Die längste Steinreihe der Welt liegt im südlichen Dartmoor. Sie führt kilometerlang von Green Hill über felsiges Terrain, Sümpfe und durch das Tal des River Erme bis auf die Höhen des Stall Moor. Die Archäologen rätseln bis heute, ob es Kultstätten, Prozessionswege oder astronomische Zeichen sind.

Dem zivilisationsmüden Zeitgenossen bietet diese schöne Wildnis Einsamkeit, Poesie und Stille – hier ist man wirklich fernab des lärmenden Gewimmels der Metropolen. Der Prince of Wales, dem nahezu ein Drittel der fast 1000 Quadratkilometer dieses Nationalparks gehört, braucht zur Meditation nicht in die Kalahari-Wüste des südlichen Afrika oder in die schottischen Hochlande aufzubrechen. Seine „Duchy of Cornwall” bietet auch heute noch genug Fluchtpunkte.

Eben noch hatte die Sonne Heidekraut, Schilf und Gras in rötlichen Glanz getaucht, da ziehen unvermittelt Schwaden von Nebel auf und hüllen die Landschaft in grauweiße Schleier. Der Augenblick, den jeder Wanderer im Dartmoor fürchtet, insgeheim vielleicht auch herbeisehnt. Der schöne Schauder, ein Gefühl unendlicher Abgeschiedenheit stellt sich ein. Kein Laut ist mehr zu vernehmen. Die Lerchen, die vor ein paar Minuten noch jubilierend in den Himmel emporstiegen, sind verstummt. Die Grenzen zwischen Himmel und Erde verschwimmen.

Jeder unserer Schritte erzeugt ein verdächtig glucksendes Geräusch – ausgerechnet jetzt sind wir in einen Morast hineingetappt. Nur saures Gras, ein paar Heidebüschel. Kleine Inseln gaukeln dem Fuß des Wanderers trügerische Sicherheit vor. In regenreichen Zeiten sind sie voll gesogen wie Schwämme, nasse Inseln auf gurgelndem Untergrund.

In dieser Nebellandschaft blühen die Spukgeschichten. Da ist der Geist des toten Edelmanns, der nicht zur Ruhe kommt. Begleitet von wilden Hunden zieht er rastlos nächtens durchs Moor. Oder der Jäger, der den Weg verliert und im Morast versinkt. Wer weiß – vielleicht handelt es sich bei dem Sumpf, der uns umgibt, um den imaginären Grimpenmire aus Arthur Conan Doyles Sherlock-Holmes-Roman. Im Grimpenmire, wir erinnern uns, liegt der Körper des rachsüchtigen Bösewichts, Stapleton, der das Geschlecht der Baskervilles mit tödlichem Hass verfolgte und am Ende im übel riechenden Schlamm des unendlichen Moores sein ewiges Grab fand.

Die Zeit drängt, bald wird die Dunkelheit hereinbrechen. Die Vorstellung, womöglich im Moor übernachten zu müssen, lässt uns frösteln. Mit Hilfe von Kompass und Wanderkarte versuchen wir, uns zu orientieren. Der Gedanke ist ganz klar: Die bogs speisen kleine Rinnsale, die Rinnsale verwandeln sich in rauschende Wildbäche, die Bäche fließen in die Flüsse – wer sich verirrt, muss also dem Wasserlauf folgen. Irgendwann wird er den Wanderer in eines der lieblichen Täler geleiten.

Mehr als zwei Stunden lang stolpern wir an Bächen entlang. Manches Mal zwingt uns morastiges Gelände dazu, weite Bögen über die Heideflächen zu schlagen, dann bewahrt uns nur das Rauschen des Wassers davor, in die Irre zu gehen. Es ist schon fast dunkel, als wir mit müden Beinen eine Straße erreichen. Gerade noch kann man in der Dämmerung Wiesenblumen, eine alte Steinbrücke, Hecken und ein malerisches Gehöft erkennen. Im Kamin des Pubs brennt ein Holzfeuer.


 

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