Delos und die antiken Stätten der Ägäis
Das
Ägäische Meer bildet mit seinen unzähligen, an Gestalt und Größe
variierenden Inseln, die verstreut zwischen den Küsten Nordgriechenlands und
Kretas, zwischen dem westlichen Europa und dem Orient liegen, in gewissem Sinne
das Rückgrat der Geschichte und Kultur Griechenlands.
Besonders in der frühgriechischen Zeit,
bevor Athen, Sparta und Makedonien die Führung Griechenlands an sich nehmen,
verhelfen in erster Linie die Küsten- und Inselstädte, indem sie die ihnen durch
die Nähe des Meeres gegebenen Möglichkeiten geschickt ausnutzen, zu dem
erstaunlichen Aufschwung, der Griechenlands unvergleichliche Kulturblüte
vorbereitete. Jedoch bleibt auch später die Ägäis immer ein Zentrum der
Geschichte Griechenlands.
Allerdings lässt sich keine der Inseln
weder im Hinblick auf ihre antike Blütezeit noch vom Gesichtspunkt ihrer
heutigen archäologischen Bedeutung der anderen gleichstellen. Was das letztere
anbetrifft, so hat auch das Schicksal dabei eine gewisse Rolle gespielt. Aber
auch auf der kleinsten, unbedeutendsten Insel begegnet man immer einigen Ruinen,
andere werden noch entdeckt, Ruinen von manchmal ungewöhnlichem Interesse, immer
aber von rührender Schlichtheit. Einigen Inseln kommt eine erstrangige Bedeutung
im griechischen Kunstschaffen zu. So wissen wir, dass die Entwicklung der
Monumentalplastik hauptsächlich den an Marmor reichen Kykladen zu danken ist,
die mit ihren Marmor-Idolen schon im dritten Jahrtausend v. Chr. einen ersten
einzigartigen Beitrag zur griechischen Kunst leisteten. Naxos und Paros
beliefern während der archaischen Zeit die großen Heiligtümer Griechenlands mit
Statuen. Samos und Chios gehören zu den führenden Zentren der Entwicklung
griechischer Kunst. Athen mit seiner dem Schaffen der Inselwelt verwandten
Kunstauffassung öffnet seine Tore, um vor allem die Schöpfungen dieser Inseln
einzulassen. Bei den Koren auf der Akropolis zum Beispiel ist die Unterscheidung
zwischen den Elementen Athener Bildhauer und denen der Inselwelt nicht immer
leicht.
Wenn wir im Norden beginnen wollen, müssen
wir dem Reisenden als archäologische Zentren größeren Interesses auf jeden Fall
die folgenden Inseln nennen: Ganz im Norden
Thasos, an dessen Kolonisierung von Paros aus als Kämpfer und Dichter
Archilochos, der erste lyrische Dichter Europas, teilgenommen hat. Weiter im
Osten Samothrake, ein hoch
aufsteigender (1600 m) steiler Berg über dem Meer, der noch das von den
Ptolemäern besonders ausgeschmückte Heiligtum der Kabiren bewahrt, der
Beschützer der Seefahrer, geheimnisvoller Gottheiten, die mit
vorgeschichtlichen Auffassungen in Verbindung gebracht werden, wie sie noch
lebendiger auf dem weiter nördlich gelegenen Lemnos erhalten sind. Die Kunst von Lemnos weist enge
Verwandtschaft zu der von Kleinasien und noch mehr zu der
Etruriens auf. Näher bei Kleinasien
bewahrten die großen Inseln Lesbos und
Chios wertvolle, jedoch im Vergleich zu
ihrem ehemaligen hohen Kulturstand geringfügige Überreste aus der Antike. Die
große Zeit der Insel Samos fällt unter
die Tyrannis des Polykrates (etwa
538-522), der sich durch seine "Werke", mit denen er die Insel ausschmückte,
einen Namen machte. Nehmen wir zum Beispiel die berühmte Wasserleitung des
Architekten Eupalinos, für die ein Tunnel durch einen Berg gebohrt werden
musste. Hier auf Samos war das in Ruinen erhaltene große Heiligtum der Hera mit
einem riesigen Dipteros-Tempel berühmt. Die Funde dieses Heiligtums im Museum
gewähren ein vollständiges glänzendes Bild von dem einzigartigen Kunstschaffen
der Insel.
Von den Inseln des Dodekanes zeigen Rhodos
mit den zauberhaften Ruinen der antiken Städte Jalysos, Kamiros, Lindos und
Rhodos und dem überaus reichhaltigen Museum sowie Kos mit dem in übereinander
aufsteigenden Terrassen angelegten, architektonisch schön gestalteten
Asklepieion und der antiken Stadt Kos aus der griechisch-römischen Zeit daneben
in ihren Ritterbauten auch noch ein Bild des europäischen Mittelalters im
Orient.
Diese Inseln der östlichen Ägäis verbinden
sich nach Westen zu mit den Kykladen, die am Saronischen Golf vor den Küsten
Attikas beginnen, während sie im Süden die Entfernung nach Kreta abkürzen.
Santorin und Milos, die südlichsten Kykladeninseln, liegen auf halber Strecke
zwischen Kreta und dem Piräus. Auf der Insel Santorin (Thira) findet man in der
kleinen Stadt hoch oben auf einem Berge, der fast senkrecht zum Meer hin
abfällt, die Erinnerung an die furchtbare Katastrophe des Vulkans lebendig, die
nicht nur die ganze Insel umgestaltete, sondern auch bis hin nach Kreta in einer
tragischen Weise spürbar wurde. Auf Milos begegnen wir außer der größten
erhaltenen vorhistorischen Stadt Phylakope, die in engem Zusammenhang mit dem
minoischen Kreta steht, der einzigen Stelle in Griechenland, an der nennenswerte
christliche Katakomben erhalten sind.
Eine führende Stellung nehmen unter den
Kykladen die Inseln Paros und Naxos ein, deren meist vereinzelt auftretende
Denkmäler sich auf die Zeit der Vorgeschichte bis hin zu der des byzantinischen
Kaiserreiches verteilen. In den reichhaltigen Marmorbrüchen von Naxos liegen im
Schutze der Natur noch Statuen von übernatürlicher Größe, so wie der Bildhauer
sie dort einst geschaffen hatte. Das Museum von Tinos enthält eine umfangreiche
Sammlung großer Vasen mit Reliefdarstellungen aus den Gebieten der antiken
Religion und des Mythos.
Delos hatte nichts zu verlieren
Den Namen Kykladen leitet man von dem
griechischen Wort "kyklos" her. Diese Inselgruppe bildet einen Kreis um das
Zentrum Delos, die Geburtsstätte Apollons. Immer werden die Götter an
unbedeutenden, verachteten Orten geboren. So war es auch bei Delos. Die geringe
Ausdehnung der Insel und ihre Unfruchtbarkeit bilden einen Kontrast zu ihrer
einzigartigen kulturellen Entfaltung, der ungeklärt bleiben müsste, wäre nicht
jenes Wunder, dass Apollon, der Gott, hier geboren wurde. Dieses Ereignis wird
in der antiken Mythologie zu einer unvergleichlich schönen Erzählung. Leto, die
viel geplagte Göttin, gelangt während ihrer Irrfahrt an ein kleines,
unbedeutendes Eiland, das nicht einmal einen festen Platz im Meer einnimmt,
sondern von den Wogen ständig hin und her getrieben und nur von Seehunden und
Polypen bewohnt wird. Nirgendwo findet Leto ein Asyl, wo sie Apollon, den sie
von Zeus empfangen hat, das Leben schenken könnte. Es ist Heras Befehl, der
überall die Tore vor ihr schließt. Das arme Delos aber hat nichts zu verlieren
und vertraut dem feierlichen Schwur der Leto, der neue Gott werde Schutzherr der
Insel. Und wirklich hat Apollon die Insel niemals im Stich gelassen.
Einige charakteristische Punkte bestimmen
das Erscheinungsbild von Delos, wo sich sogar noch, allerdings bescheidene,
Spuren einer vorgeschichtlichen Kultur finden lassen: So der "Kynthos", der
"Berg" von Delos, eine sonderbar geformte felsige Hügelkette, die zum Meer hin
steil abfällt und ihre höchste Erhebung in einer 112 Meter hohen Spitze
erreicht.
Am Hafen von Delos wurde das Heiligtum
gegründet. Eine einsame Palme und ein Ölbaum ließen den Glauben aufkommen, dass
an diesem Orte ein geheimnisvolles verborgenes Leben blühe. Mit dem
Zur Erinnerung für den Kunstfreund: Die
drei griechischen Säulenordnungen – dorisch, ionisch, korinthisch
Kynthos, der Palme, dem Flüsschen Inapos,
der Ebene um den Hafen und dem Sumpfland, das in seiner Nähe entstanden war, dem
"Heiligen See" von Delos, in dem sich die singenden Schwäne Apollons aufhielten,
sind die charakteristischen Symbole von Delos gegeben, mit denen man die Geburt
des Gottes in Zusammenhang brachte. Aber schon früher, in der vorgeschichtlichen
Zeit, waren sie Symbole eines Kultes gewesen, der während des mykenischen
Zeitalters, als die Insel Delos ihre erste Blüte erlebte, die große Göttin der
Natur verherrlicht. Mit Apollon beginnt die rein griechische Periode. Die alte
Göttin wird zur Artemis, und auch Leto, die Mutter, erhält einen eigenen Tempel.
Die beherrschende Gestalt dieser göttlichen Dreiheit aber ist Apollon.
Der Homer zugeschriebene antike Hymnos, der
uns die Geburt Apollons schildert, schenkt uns auch ein eindrucksvolles Bild des
großen Festes, das die Ionier im 7. Jahrhundert v. Chr. hier mit Tänzen, Liedern
und Wettkämpfen von unvorstellbarer Pracht feierlich begingen. Sicherlich war es
zu jener Zeit das großartigste Fest in Griechenland überhaupt. Den Glanz einer
Gedenkstätte, den das Heiligtum Apollons damals anzunehmen beginnt, verleihen
ihm die Städte, die an den Feierlichkeiten teilnehmen. Hauptsächlich handelt es
sich dabei um Inselstädte. Von ihnen stammen: die Mole, das Haus und die
Verkaufshalle der Stadt Naxos, die Schatzhäuser der verschiedenen Städte, auch
eine umfangreiche Sammlung von antiken Statuen. Einzigartig sind die Fragmente
der Kolossalstatue des Apollon von Naxos und die lange Reihe von Löwen. Die
Athener erscheinen unter Pisistratos (6. Jahrhundert) zum ersten mal auf Delos,
werden aber schon sehr bald die eigentlichen Herren der Insel. Nach ihrem Sieg
über die Perser (479) bringen sie auf Delos Sitz und Kasse des gegen die
Barbaren gerichteten griechischen Seebundes unter. Dieser Bund gerät schnell
unter athenische Vorherrschaft, und Perikles lässt dann schließlich die
Schatzkasse in die attische Hauptstadt bringen. Die Teilnahme der übrigen
ionischen Städte an dem Fest lässt immer mehr nach, bis es endlich eine rein
Athener Angelegenheit wird.
Erst während der hellenistischen Epoche,
nach dem Niedergang der Macht Athens, wird Delos eine unabhängige Stadt (315—166
v. Chr.). Die Könige der hellenistischen Staaten Makedonien, Ägypten, Syrien und
Pergamon versuchen sich mit der Errichtung von Prachtgebäuden und den Stiftungen
von zahlreichen Festspielen gegenseitig zu überbieten. Das Heiligtum, das jetzt
seine endgültige Form gewinnt, wird das vielleicht größte ganz Griechenlands.
Der Umstand, dass dem Kulte der
Götter-Dreiheit auf Delos jeglicher Fanatismus fern lag, begünstigte neben der
religiösen Entwicklung auch das Aufkommen eines äußerst regen
handelswirtschaftlichen Lebens.
Die wirtschaftliche Prosperität der Insel
erreichte ihren Höhepunkt während der folgenden Jahre, als die Römer, die
inzwischen die Herren über das Schicksal der Griechen geworden waren, Delos an
seine ehemaligen Herren, die Athener, abtraten. Ein Ereignis von schicksalhafter
Bedeutung. Die Athener verdrängten die Delier und siedelten Athener Kolonisten
an. Das Schicksal hatte Delos für die Fremden vorherbestimmt. Mit ihrem Hafen und
ihrer Lage überhaupt gewährte die Insel dem Handelsverkehr zu günstige
Voraussetzungen, als dass sie im Besitz ihrer wenigen Einwohner hätte bleiben
können. Als Fremde hatte ja auch Leto sich hier niedergelassen, bald aber waren
ihr andere Götter gefolgt — und nicht nur die Griechenlands: An den Abhängen des
Kynthos fand man ausgedehnte Kultstätten für die Gottheiten Ägyptens und des
Orients, während höher am Berg schon in sehr viel älterer Zeit ein Tempel der
Hera stand und am Gipfel Zeus und Athena verehrt wurden.
Kaianlagen neben dem Heiligtum
So wie wir Delos heute zu sehen bekommen,
repräsentiert es seine höchste Blütezeit des zweiten und beginnenden ersten
vorchristlichen Jahrhunderts. Mindestens 40.000 Menschen bewohnten damals dieses
Handelszentrum, das seine Bedeutung nunmehr weniger dem Gott Apollon als
vielmehr dem Hafen verdankt, den die Römer zum "freien Hafen" erklärt hatten. Delos wird zu einem internationalen Marktplatz, dem im Anschluss an das
Heiligtum Kaianlagen von einem Kilometer Länge, größere und kleinere
Marktplätze, Verkaufshallen und Klubhäuser zur Verfügung stehen, in denen sich
die fremden Reeder, Kaufleute und Handelsagenten, zu Landsmannschaften
vereinigt, versammeln. Der Satz "Kaufmann, fahre nach Delos und lasse nur
unbesorgt deine Ware löschen! Der Absatz ist ihr dort immer sicher", galt
sprichwörtlich.
Nirgendwo sonst in Griechenland lassen sich
so gut erhaltene Privathäuser finden, die oft sehr groß sind und prächtige
Ornamente haben. Die Mosaikfußböden repräsentieren eine höchste Blüte dieser
Kunstform. Eng schließt sich in den ausgegrabenen Straßen ein Haus an das andere
an. Weiter entfernt vom Zentrum der Stadt liegen mit größerem Luxus
ausgestattete Villen. Die Ausgrabungen in diesen Stadtvierteln charakterisieren
vielleicht noch unmittelbarer als die vorher erwähnten Heiligtümer das
pulsierende Leben der Stadt, der gerade während dieser Zeit ein Schlag versetzt
wurde, den sie nicht überleben sollte. Die Krieger des Mithridates eroberten die
Insel im Jahre 88 v. Chr., ermordeten, wie es heißt, 20.000 Menschen und
plünderten und brandschatzten die Stadt. Das Zerstörungswerk vollendeten später
(69 v. Chr.) die Seeräuber.
Vergeblich bemühte man sich in der
folgenden Zeit, der Stadt neues Leben zu verleihen. Im 6. Jahrhundert n. Chr.,
als auch die antike Religion ausgestorben war, wurde Delos wieder, was es
gewesen, bevor dort Leto Apollon gebar.
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