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Mythische Zeit. Zeus sucht nach
einem Wurfgeschoß, um die fliehenden Titanen zu vernichten. Da liegt Santorin
vor ihm, und er reißt ein Stück aus der Insel und schleudert es bis ins
Tyrrhenische Meer. So entstand Stromboli. Dort aber, wo der Göttervater das
Eiland in der Ägäis packte, erkennt man noch heute die Spur seiner gewaltigen
Faust: die vier Einbuchtungen der Innenseite von Santorin und die Nikolaosbucht.
Soweit die Sage.
Santorin war schon vor mehr als
4000 Jahren bewohnt, damals noch als eine einzige, zusammenhängende Insel. Die
Menschen dieser Frühzeit lebten als Fischer und Hirten, bauten Brotgetreide an,
pflanzten den Ölbaum und formten minoische Gefäße auf der Drehscheibe. Sie
bauten Häuser aus Haustein, deren Ruinen gefunden wurden. Ihr Werkzeug bestand
aus Stein, doch kannten sie das Gold. Die steinzeitliche Kultur Santorins wurde
im Laufe des 2. Jahrtausends v. Chr. durch Vulkanausbrüche unter einer bis zu 60
Metern mächtigen Bimssteindecke begraben.
Die Katastrophe begann mit wohl
monatelangem ruhigem Bimssteinregen, wie es die Geschichte des
Krakatau-Ausbruchs 1883 zeigt, eine bis in Einzelheiten gehende Wiederholung des
Schicksals von Santorin. Trotzdem mag diese Einleitungsphase einen furchtbaren
Schrecken unter den Menschen verursacht haben. Die Ausbruchswolke des Krakatau
erhob sich bis zu 11.000 Meter Höhe, und Bims-steinregen fiel im Umkreis von 30
Seemeilen (55,5 km) auf das umgebende Meer. Allerdings betrug die in
dreimonatiger Tätigkeit entstandene Bimssteindecke im Mittel noch kaum 1 Meter.
Welche Massen und Zeiträume müssen daher nötig gewesen sein, um die oberste
Santoriner Bimssteinschicht entstehen zu lassen! Man darf sich also keine
schussartige Explosion vorstellen, die das Gebirgsdach über dem vulkanischen
Herd in Stücke zerfetzt und pulverisiert hätte, sondern an beiden Beispielen
zeigt sich, dass ein langsamer, doch immer heftiger werdender Anstieg der
Tätigkeitskurve vorausging, der schließlich nach völliger Massen- und
Gasverausgabung zum Niederbruch des Kalderabeckens führte und damit den Vulkan
für lange Zeit zum völligen Schweigen brachte. Also lediglich durch die
ungeheure Herausschleuderung solcher gasübersättigter Gesteinsglasschmelze und
die Entweichung des unter Überdruck befindlichen Gases brach in wohl wenigen
Tagen sich steigernd die Deckenkruste schollenartig in die ihrer Stützen
beraubte Leere des vulkanischen Herdes hernieder. Dieser letzte Vorgang muss
schon begonnen haben, als die Bimssteinausschleuderung noch im Gange war. Aus
der Lagerung der hierdurch entstandenen Decke darf auf mindestens drei große
Schlote geschlossen werden. Was übrig blieb, war das Kalderabecken in seiner
heutigen Ausdehnung.
Erst mit der Entstehung des aus
dem Meer auftauchenden Mikra-Kaimeni-Inselchens 1570 beginnt eine lückenlos
durch Beschreibungen festgehaltene Geschichte des jüngeren Vulkanismus
Santorins. Das Ende dieses einjährigen „Erdbrandes” bildete der heute noch
sichtbare steilwandige Einsturzkrater auf der Kuppe der neu geschaffenen Insel.
In zeitlicher Folge steht der merkwürdige Ausbruch von 1650, der einzige
außerhalb des Binnenmeeres, dessen Ankündigung sich durch eine fast einjährige
Folge von stärkeren und häufigeren Erdbeben anzeigte. Als der Durchbruch
geglückt war, legte sich Schwefelgestank über Santorin, das Meer wurde erst
trübe, wölbte sich dann wie eine Glocke empor, bis schließlich der erste
Dampfstrahl empor stieß und Glutreflexe aus der Tiefe leuchteten. Bald kalter,
bald glühender Steinregen schoss raketengleich mit den Ausbruchswolken in die
Luft, bis sich endlich schwarze Blöcke aus dem Meere hoben, sich mehrten,
aufeinander türmten, von wogenden Dämpfen umhüllt, von Spalten zerrissen, von
glühendem Schmelzfluss durchsetzt, zur Insel emporwuchsen. Nach dem Abebben des
Wütens nahm das Meer wieder seine tiefblaue Farbe an, die Insel verschwand, und
übrig blieb nur eine Untiefe (Kolombo) von 19 Metern. Ähnlich mögen sich
derartige untermeerische Ausbrüche in der Antike abgespielt haben.
1707 kam es im Kalderabecken
westlich Mikra Kaimeni zur nächsten größeren, über vier Jahre währenden
Tätigkeit. Nach nur leichtem Kampf der Kräfte aus der Tiefe gegen ihre Decke
stiegen eines Tages weiße Felsen, wie die Trümmer eines gestrandeten Schiffes
aussehend, über das heiße Wasser empor, die bei der Katastrophe des 2.
Jahrtausends v. Chr. als Meeresboden abgelagerte und niedergebrochene
Bimssteinschicht. Stetig und ruhig wuchs die weiße Insel, die Ile blanche, von
Dämpfen umweht, von wallendem Meer umgeben. Nach 23 Tagen war sie 80 Meter hoch
und hatte 1000 Meter Umfang. (Erst die Laven des Georgiosausbruchs überdeckten
1866 ihre letzten Reste). Etwa zwei Monate danach hatte sich die gegen ihr Dach
stoßende Lava zur Oberfläche durchgerungen. Wie vorher die weißen, stiegen nun
ebenso still weiter nördlich schwarze Felsen auf und bildeten die Ile noire.
Ihre sich ausbreitenden Massen verschmolzen schließlich mit der weißen Insel und
wurden nunmehr zusammen Nea Kaimeni genannt. Die Ile noire ergoss sich über die
Ile blanche und drückte sie mit ihren Lavamassen nieder. Immer neue Felsmassen
stiegen dunkel aus dem Meer, schwere Dampf- und Aschenwolken lagen monatelang
über dem Ausbruchsort, nachts phantastisch durchzuckt von den Gluten der Tiefe.
Bis Jahresende entstanden die Nord- und Ostseite der heutigen Georgiosbucht, und
man glaubte, die Kräfteerschöpfung sei eingetreten, als der Vulkan im Februar
1708 unter Donnern und Krachen erneut losbrach und die Kuppe mit ihrer flachen
Gipfeldelle entstehen ließ, womit der ganze Nordwestteil der jetzigen
Gesamtinsel seine heutige Form erhielt. Im September 1711 kam der Vulkan
gänzlich zur Ruhe.
Nach einer anderthalb
Jahrhunderte währenden Pause bot sich den Menschen — nun auch erstmalig der
wissenschaftlichen Welt, die Gelehrte entsandte — von neuem das Bild solch eines
gigantischen Kampfes zwischen Feuer und Wasser. Vor der aus Resten der Ile
blanche gebildeten Südküste des damaligen Nea Kaimeni stiegen Anfang Februar
1866 schwarze Felsen ruhig aus den Fluten und wuchsen sich zu einem mauerartigen
Rücken aus. Trotz der starken Dampfbildung, auch im umgebenden Meerwasser, und
trotz der gelegentlich durch Risse in der Oberfläche zu beobachtenden Glut des
Innern konnten neugierige Santoriner den wachsenden Berg erklettern. Im
langsamen Vorwärtsdrängen verschwand ein Teil der Fischerhäuschen, die an dieser
Bucht gestanden hatten. Ein
anderer Teil wurde — infolge von Bodensenkung durch die neue Massenaufschüttung
— unter Wasser gedrückt. Doch war das Dörfchen längst verlassen worden, da man
die Gefahr kommen sah. Bereits zehn Tage nach der Entstehung des Georgiosvulkans
tauchte eine Geschwisterbildung, die Afroessa, mit glutreichem Kern aus dem Meer
auf, etwa 50 bis 100 Meter vor der damaligen Südküste Nea Kaimenis. Unter
starken Dampfwolkenschleiern wuchs sie still und stetig weiter, während ihr
größerer Bruder unter Getöse und dunkler Gas- und Aschenwolkenbildung in
Explosionen einen Umkreis von 1000 Metern mit Glutregen überstreute. Der
Schwefelgestank wurde vom Wind über die Ringinseln hinweg bis zu den nächsten
Nachbarinseln getragen. Die Lavaströme der Geschwistervulkane verschmolzen sich
und hatten längst die beiden jungen Inselchen der Südküste Nea Kaimenis
angeschweißt. Der Haupterguss der Afroessa hatte in nordwestlicher Richtung fast
den Südwestteil Nea Kaimenis erreicht (und so gerade noch den Georgioshafen
ausgespart), als er seitlich angezapft wurde und sich nun seine Lavamassen in
südwestlicher Richtung auf Paläa Kaimeni zu erstreckten. Mit der Bildung dieses
noch heute unverändert sichtbaren Landgewinnes war die Kraft der Afroessa
erschöpft, und auch die Gas- und Dampftätigkeit der Kuppe hörte Ende 1866 völlig
auf.
Typisch für fast alle bekannten
Santorinausbrüche ist, dass die zwar seltenen, doch weitaus heftigsten
Explosionen, bei denen Schutt beladene Wolken bis zu 3000 Meter Höhe
emporschossen und Fensterscheiben in Thira durch die Druckwellen zersprangen,
stets im letzten Jahr der Tätigkeit, also bei abnehmender Kraft, stattfanden.
Die Erklärung liegt in der zunehmenden Verstopfung der Gasabfuhrwege. Doch
selbst diese — seltsamerweise ohne große Lärmentfaltung vonstatten gehenden —
Riesenausbrüche vermochten nicht, den Georgios zu sprengen, wie dies 1926 in der
Endphase des Dafniausbruchs geschah. Den Abschluss der Georgiostätigkeit bildete
die Durchbrechung seines emporgestauten Daches durch die letzten Massen, die
sich in drei kohlschwarzen Lavaflüssen von der in tiefhell-grauen Aschenmantel
gehüllten Hochfläche deutlich abhoben, sich zur Küste ergossen und dort die bis
heute letzte Küstenveränderung verursachten. Von den erwähnten gewaltigen
Explosionen zeugen lediglich die Gipfeldellen und -trichter der Georgioshöhe.
Die letzten Anzeichen postvulkanischen Stadiums waren anfangs starke, doch
ruhige, später abebbende Gas- und Dampfaushauchungen und die 1925 für kurze Zeit
wiederbelebten Dampffähnchen.
Nach nie dagewesener Kürze der
Erschöpfungsruhe erwachte der Vulkan im August 1925 erneut. Das Zentrum der
neuerlichen Tätigkeit lag nun in dem engen Meereskanal zwischen den alten Höhen
von 1570 und 1707. Dort stand monatelang eine weiße Pinienwolke mit schlankem,
Hunderte von Metern hohem Stamm und breit ausladender Krone. Unaufhaltsame
Massen schwarzen Schmelzflusses quollen empor und ergossen sich nach Norden und
Osten in zwei noch heute unveränderten, wenn auch erstarrten Strömen und füllten
so diesen schmalen Meeresarm, durch dessen Existenz Mikra Kaimeni ein Inselchen
für sich gewesen war. Aus den geöffneten Toren der Tiefe leuchtete höllische
Glut. Dazwischen zischten Garben glühender Steine in die Lüfte und gingen als
rötlicher Feuerregen auf die umgebenden nachtschwarzen Höhen nieder. Nach fast
neun Monaten erst, im Mai 1926, endete plötzlich der Ansturm der Tiefe. Unter
immer seltener, doch heftiger werdenden Explosionen barst schließlich die
wegversperrende Staukuppe und machte einem seitdem bestehenden Einsturzkrater
Platz.
Mit dieser Zerstörung der
Dafnikuppe schien der Ausbruch beendet, und um so überraschter war man, als etwa
zwei Jahre danach, Anfang 1928, sich eine neue, modellhaft schöne kleine
Staukuppe bildete, die des Nautilus, die von letzten zur Oberfläche drängenden
Kräften zeugt. Ihr Entstehungsort liegt in der einstigen Kokkina-Nera-Bucht des
Georgios, südlich der Dafni.
Schon im Jahre 1927 machte sich
im oben genannten Gebiet — kaum beachtet — eine eigentümliche Rufwölbung
bemerkbar, die schließlich zu einer Spalte aufriss. Und Anfang 1928 kamen dann
an ihr einige kleine Explosionskrater zum Durchbruch. Ihr größter, „Hölle”
genannt, überdauerte mit giftfarbenen Ausblühungsflecken an den schroffen
Abstürzen seines Felskessels die südlicher gelegenen Sprengtrichter, die von den
endlich im März durchgebrochenen Schmelzflüssen überwuchert wurden. Durch keinen
Lavaausfluss wurde die ideale Form der kleinen Staukuppe beeinträchtigt, deren
Explosionstätigkeit schon bald beendet war.
Doch ist damit keineswegs
jegliches Leben der Tiefe erloschen, wie Dampffahnen, heiße Stellen der
Oberfläche, auf denen man Eier kochen kann, und Spalten, in denen
hineingehaltenes Papier in Flammen aufgeht, beweisen. Dass wir lediglich in
einer Zeit der Erschöpfung des Herdes leben und die vulkanischen Kräfte
weiterhin wirksam sind, zeigt das schwere Erdbeben von 1956, das sämtliche
Ortschaften der Insel weitgehend zerstörte.
Fährt man heute von Thira auf
die Kaimeni-Insel hinüber, schlägt einem Schwefelgeruch entgegen. Pechschwarz
schiebt sich die zackige Küstenlinie in die tintige Bläue des Meeres. Ein kurzer
Abstecher zur Kuppenhöhe Mikra Kaimenis verschafft den Einblick in das
steilwandige Gipfelloch des Einsturzkraters von 1570. Ein Trampelpfad führt zum
Ringwall des Dafnivulkans empor. Vor dem Besucher öffnet sich die gähnende Tiefe
des Dafnieinsturzkraters.
Ein wahrhaft gewaltiger
Eindruck: Totenstille, von Schwefeldämpfen und weißlichen Heißluftschleiern
lautlos durchzogen. Kein pflanzliches und tierisches Leben. Nur ein paar am
blauen Himmel darüber hinschwirrende Schwalben. Die Kraterabstürze weißgrau und
bräunlich mit zitronengelben Ausblühungen an vielen Stellen. Das Gewirr der
verschiedenen Vulkane und ihrer Ergüsse gleicht einem schwarzen toten Polypen
inmitten des tiefblauen Meeres. In der Nähe finden sich Stellen, deren
ausströmende Hitze es nicht gestattet, die Hand auch nur sekundenlang
darüber zuhalten. Eine schräge Aschenbahn führt zum Grund des Kessels hinab und
zur größten Austrittsstelle weißer Dampfschwaden. Seltsamerweise ist der Boden
der unmittelbaren Umgebung nicht im geringsten heiß, so dass man ganz dicht
herangehen kann.
Der Mensch dort am Grunde des
Kraters, umgeben von abweisenden Steilwänden, fühlt sich im Mittelpunkt der Welt
und nahe ihrem Ursprung.
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