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Kykladeninseln: Naxos und Delos

 

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Am Anfang war das Chaos. Aus ihm entsprang Gäa, die Erde. Aber noch drei Generationen dumpfer Götterantike sind nötig, bis diese sich von der Gottheit zum Terrain konkretisiert hat und Gegenstand einer analytisch katalogisierenden Bestandsaufnahme werden kann, der Geographie. Erst mit der modernen, fortschrittlichen Göttergeneration werden Einzelbegriffe, der Archipelagos und seine Inseln, verbunden: Zeus, der Exponent des neuen Kurses, wird auf Kreta zur Welt gebracht und von der Ziege Amaltheia so ausgiebig gesäugt, dass er den alten Machthabern endgültig den Garaus machen kann. Seine Geliebte Leto irrt später durch den Archipel, um ein ruhiges Plätzchen zu finden, wo sie ungestört vor dem Zorn der rechtmäßigen Gattin Hera Apoll und Artemis zur Welt bringen kann. Der Schwager Poseidon zeigt sich hilfreich: Er befestigt das schwimmende Eiland Delos und stellt es Leto zur Verfügung.

Dort, wo im Mythos aus den Göttern Menschen werden, wo der Mythos zur Geschichte herandämmert, hören wir dann von Theseus, der das Inselmeer in der Funktion benutzt, die es bis in unsere Zeit behalten sollte: als Brücke, als Weg zu den Gegenwelten. Es ist bekannt, dass der Unselige in Kreta den Minotaurus erschlug, auf dem Rückweg die kretische Königstochter Ariadne, die mit der Konsequenz der Liebenden die Familie verraten hatte und mit ihm gezogen war, auf Naxos aussetzte, dann in einer schier unfasslichen Saumseligkeit bei der Annäherung an die heimischen Gestade vergaß, weiße Segel als Zeichen einer glückhaften Heimkehr zu setzen, was seinen schon schwer geprüften Vater Agens veranlasste, sich ins Meer zu stürzen. Das Meer hatte seinen Namen: Ägäis.

Noch einmal schien es, als sollte die Erde ins Chaos zurückgestürzt werden: Um die Mitte des 2. Jahrtausends vor unserer Zeitrechnung mag es gewesen sein, als ihre schlecht verheilte Geburtsnarbe, die wir das Ägäische Meer nennen, aufplatzte. Nach jahrelangem dumpfem Grollen in den Eingeweiden, eine gewaltige, alles Menschenwerk zerschmetternde Entladung: Die Insel Santorin flog in die Luft. Gewaltige Inseln herab, die Erde tanzte, und eine riesige Flutwelle schlug auf die Küsten und zerschmetterte jene Kultur, die schon einige der ägäischen Inseln erfasst hatte, sowohl in ihrem Mutterland Kreta als auch in ihren Außenstellen. Mit einem Donnerschlag setzt die eigentlich griechische Geschichte der Ägäis ein.

Rund tausend Jahre später, im Jahre 426, stiegen im Hafen von Delos einige würdig aussehende Herren an Land, die eine Botschaft der Athener überbrachten. Die Insel war zu dieser Zeit schon längst kein "ruhiges Plätzchen" mehr, findige Leute hatten aus der Heiligkeit des Platzes Kapital zu schlagen verstanden und einen regen religiösen Tourismus entfacht, und Athen hatte sich der Sache angenommen und in einer Interessengemeinschaft benachbarter Staaten zum "Schutz" des Platzes, der Amphiktyonie, die führende Rolle eingenommen. Was die Herren aus Athen zu melden hatten, hatte Seltsames im Gefolge: Bald hub auf der Insel ein eifriges Graben an, verwitterte Gebeine, halbverweste Leichen und erst kürzlich bestattete kamen ans Licht und wurden auf die Nachbarinsel Rheneia verbracht und dort wieder vergraben. Die Insel wurde "gereinigt", Geburt und Tod auf dem geweihten Platz fürderhin verboten.

Die Maßnahme lohnte sich. Die Insel wurde nun noch heiliger und das Wallfahrtswesen gewinnbringender, schließlich wird die athenische Herrschaft abgeschüttelt. Seine höchste Blüte erlebt Delos dann aber unter römischer Oberhoheit, als es nach Aufhebung der Zölle zum Freihafen erklärt wird, dadurch den rhodischen Handel ruiniert und schließlich auch noch die Aufgabe Korinths nach dessen Zerstörung im Jahre 146 v. Chr. übernimmt.

Tausende von Sklaven werden zu dieser Zeit oft an einem Tag auf den Markt getrieben, Tausende von Einwohnern sind mit dem Umschlag der riesigen Warenmengen befasst, eine Reihe eigener Beamter hat nur die eine Aufgabe, die wertvollen Weihgeschenke aus Gold und Silber in den Schatzhäusern zu stapeln, zu kontrollieren, zu wiegen, zu stempeln und zu katalogisieren, von den lokalen Inventarlisten in die allgemeinen zu übertragen und sie eventuell, wenn sie von dem Gebrauch durch die Priester allzu sehr abgenutzt waren, zur Einschmelzung freizugeben. Nichts wird hier hergestellt. Alles ist Verwaltung, Handel, Bürokratie, religiöses Managertum, eine ungeheure Zusammenballung unproduktiver Geschäftigkeit und damit des Reichtums. Delos ist zum religiösen und wirtschaftlichen Mittelpunkt der Ägäis geworden.

Der Abstieg vollzieht sich schneller als der Aufstieg. Im Jahre 88 v. Chr. wird Delos von den Feldherren des Mithridates zerstört, wenig später vollenden Seeräuber das Vernichtungswerk. Im zweiten Jahrhundert n. Chr., zur Zeit des Pausanias, findet der Reisende außer unzähligen Eidechsen nur noch ein paar Tempelwächter als Bewohner der Insel vor. So ist es bis heute geblieben: Die einzigen Einwohner sind die staatlichen Museumswärter, die in guter alter Tradition den Reisenden um zehn Drachmen erleichtern und so einen letzten, spärlichen Profit aus der einst so reichen Insel ziehen.

Wieder rund tausend Jahre später. Naxos, die Insel Ariadnes, wird 1207 von Marco Sanudo in Besitz genommen, einem jener Kreuzfahrer, für die die ungeklärte Machtlage im griechischen Raum mehr Reiz hatte als das Heilige Land und die die Reste des byzantinischen Reiches unter sich aufteilten. Marco Sanudo hatte sich 1210 mit dem Herzogtum des Archipels belehnen lassen. Naxos wurde Hauptstadt und Residenz und übernahm für Jahrhunderte die politische und kommerzielle Führungsrolle unter den Inseln der Ägäis. Die wirtschaftliche Blüte, die der Ausbau des Hafens zum Hauptstützpunkt des Verkehrs zwischen Ost und West und der höfische Prunk mit sich brachten, ist der griechischen Bevölkerung zunächst nicht teuer zu stehen gekommen: Sie durfte unter den neuen Herren Besitz, Rechte und auch ihre orthodoxe Religion behalten — zunächst. Denn im Laufe der nächsten Generationen zeigt sich doch die mangelnde Toleranz der katholischen Macht. Von Herzog Markus II. wird berichtet, dass er durch seinen religiösen Eifer den Unwillen seiner Untertanen auf sich lenkte. Er hatte den Altar des hl. Pachys, das heißt "des Fetten", zerstören lassen, einen hohlen Stein, durch den die Mütter ihre Kinder gleiten ließen, da der Heilige in dem Ruf stand, jene Leibesfülle verschaffen zu können, die man für die Würde der Männer und die Schönheit der Frauen für notwendig hielt. Er zerstörte den Altar und musste dann eine Festung bauen. Die Insel Milos wagte im Jahre 1262 sogar einen offenen Abfall, wurde aber zurückerobert, und der griechische Priester, Anführer des Aufstands, wurde gefesselt in den Hafen versenkt.

Die Geschichte der fränkisch-venezianischen Epoche, die Geschichte von Naxos, ist — im Gegensatz zu der von Delos — ein Bericht von schnellem Aufstieg und langsamem Niedergang. Familienzwistigkeiten, Seldschukeneinfälle, die die Bevölkerung so dezimierten, dass albanische Siedler ins Land gerufen werden mussten, hohe Abgaben, die auf der Bevölkerung lasteten, trugen zum Verfall bei.

Der zwanzigste Herzog von Naxos, Johann V., musste schließlich im Jahre 1537 vom Schiff des türkischen Eroberers, des berüchtigten Admirals Barbarossa, untätig zusehen, wie seine Stadt geplündert wurde und sein Schatz den Weg in die Kajüte des Kapitäns nahm. Er durfte — unter türkischer Oberhoheit — weiter Herzog bleiben, aber bereits sein Sohn, Jakob IV., verwirtschaftete den restlichen Kredit, den das Herzogshaus noch hatte, durch sein ausschweifendes Leben so nachhaltig, dass die Bevölkerung schließlich in Bitten an den Sultan seine Absetzung erwirkte.

Im Jahre 1268 stahlen Seeräuber von der Insel I Tinos einen berühmten Zucht-Eselhengst, den sie an Wilhelm Sanudo, den Sohn Maukus II., verkauften, der damals auf Syros residierte. Dieser war sich natürlich über die Herkunft des Tieres im Klaren. Dennoch nahm er es an. Bartholomäus Gizis nun, der Machthaber von Tinos und Eigentümer des Esels, ein Mann von energischen Entschlüssen, rüstete sofort ein Heer, zog gen Syros, belagerte die Stadt und hätte sie fast auch eingenommen.

Die Begebenheit scheint deshalb bemerkenswert, weil es wohl keinen anderen Fall in der Geschichte gibt, wo wenigstens so klar ausgesprochen wird, dass wegen eines Esels ein Krieg geführt wurde. Zum anderen scheint sie auch eine der wenigen bemerkenswerten Tatsachen in der relativ ruhigen Geschichte der Insel Syros zu sein, von der damals niemand ahnte, dass sie Jahrhunderte später, als letzte, die Führung unter ihren Schwestern übernehmen und der Hauptstützpunkt des Levantehandels werden sollte.

Die Insel und ihre Hauptstadt Hermupolis nahm ihren Aufschwung nach dem Aufstand gegen die Türken und der Befreiung im Jahre 1821, als zahllose Flüchtlingsfamilien aus Smyrna, Psara, Hydra, Kreta, Rhodos und anderswoher sich hier ansiedelten und die Bevölkerung vervielfachten. Der unaufhaltsame Flüchtlingsstrom brachte Unruhe auf die stille Insel, und die durch die gewaltsame Änderung der sozialen Struktur erzwungenen moderneren Lebensformen brachten mancherlei Spannungen mit der angesessenen konservativen Bevölkerung hervor. Aber sie bewirkten es auch, dass Syros in wenigen Jahren zum Haupthandelsplatz der Ägäis aufstieg.

Einmal schien es, als ob diesem jähen Aufstieg ein schnelles Ende bereitet werden sollte. 1854 wütete die Cholera. Drei Viertel der Befallenen starben, aber viele retteten sich, weil sie die Ansiedlungen verließen und sich in panischer Flucht über die ganze Insel zerstreuten. Syros war noch bis ans Ende des letzten Jahrhunderts wichtigste Station für alle Schiffe, die den Handelsverkehr zwischen Orient und Okzident vermittelten, bis endlich der bis dahin völlig bedeutungslose Piräus diese Funktion übernahm.


 
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