GESCHICHTE
Die griechische Religion ist das
Ergebnis einer schöpferischen Synthese des Glaubens der vorgriechischen
Bevölkerung und der zu Beginn des 2. Jahrtausends v. Chr. eingewanderten, dem
indogermanischen Sprachstamm angehörigen Griechen (Ionier, Aoler und Dorer). Die
fortschreitende Entzifferung der kretischen Schriftdenkmäler, die in größerer
Zahl neuerdings auch auf dem Festlande gefunden worden sind, wird unsere
Vorstellungen von der griechischen Frühgeschichte voraussichtlich wesentlich
bereichern.
Die ältere Geschichte der
griechischen Religion lässt sich z. T. durch Rückschlüsse aus archäologischen
Funden rekonstruieren. In Kreta haben die zum Teil wohl der alten Bevölkerung
Kleinasiens nahe stehenden Bewohner die so genannte minoische Kultur geschaffen,
die nach dem sagenhaften König Minos von Knossos benannt wird und bis etwa 2600
zurückgeht. Im 14. Jh. v. Chr. wurde Kreta von Griechen erobert. Nach den
bisherigen Funden dienten vornehmlich Höhlen und Heiligtümer auf Bergen als
Kultorte. In den Kulträumen der großen Paläste wurden Idole und heilige Symbole
aufbewahrt. Unter den Gottheiten tritt das weibliche Element stark hervor;
verehrt wurden auch Stiere und andere Tiere sowie Bäume. Aus den Darstellungen
von Kultszenen ergibt sich, dass Opfer dargebracht, Prozessionen und Tänze
veranstaltet wurden.
Die mykenische Kultur wurde von
Griechen getragen. Mykene ist die Stadt im nordöstlichen Peloponnes, in der
zuerst Heinrich Schliemann 1874-76 gegraben hat. Die bedeutendsten Denkmäler der
Vergangenheit sind eine gewaltige Burg (mit Löwentor) sowie Schacht- und
Kuppelgräber. Hier scheinen schon die Grundlagen der Mythologie geschaffen
worden zu sein, die uns in der homerischen Dichtung entgegentritt.
Die griechischen Einwanderer
setzten sich als Herrenschicht über die Vorbewohner und zwangen ihnen ihre
Sprache auf, übernahmen aber selbst viel von deren Kultur. Weil die Untertanen
mit den Herrschern verschmolzen, kam es zur Ausbildung der hier zu schildernden
Religion, welche deshalb aus verschiedenen Elementen besteht, die teils
miteinander rangen (Apollo und Dionysos), teils sich ausglichen. Bemerkenswert
ist namentlich das in vielen Religionen bei allem Wechsel zu beobachtende
Beharrungsvermögen der Heiligkeit der Kultorte: Delphi, Delos und Eleusis sind
längst vor den griechischen Einwanderern das Ziel frommer Wallfahrer gewesen.
Die aristokratischen
Gesellschaftsverhältnisse der mykenischen Periode fanden ihren Reflex in den
Epen Homers, der Ilias und Odyssee, deren wesentlicher Abschluss in die Zeit des
8.-6. Jh. v. Chr. gesetzt wird. In diesem Sammelbecken von alten Überlieferungen
treten uns die von Generationen geschaffenen Vorstellungen von der „olympischen“
Götterwelt in hochpoetischer Form entgegen. Unentschieden ist die Frage, ob das
homerische Epos durch einen einzigen Dichter oder durch eine ganze Anzahl von
„Homeriden“ seine endgültige Gestalt erhielt. Die Götter erscheinen schon völlig
vermenschlicht, sie leben in einem Staat, dem der der Menschen als Vorbild
gedient hat. Neben den Göttern aber stehen Mächte wie Moira (Schicksal), die
vielfach noch als eine Art von unpersönlichen Substanzen gedacht werden und
deren Verhältnis zu den Göttern in widerspruchsvoller Weise geschildert wird.
Anscheinend ist hier eine ältere, dynamistische Auffassung mit einer
anthropomorphisierenden noch nicht zum vollen Ausgleich gekommen.
Einen Fortschritt im Hinblick
auf die Annäherung an eine Ordnung der bisher noch wenig zusammenhängenden
Götter, Mythen und Kulte unternahm dann Hesiod (um 700 v. Chr.), der das
Pantheon in ein genealogisches System zu bringen suchte und den Fragen der
Weltschöpfung, der Weltalter u. a. in sinnigen Spekulationen nachging. Seine
Anschauungen haben die spätere Zeit so stark beeinflusst, dass sie fast
dogmatische Geltung erlangt haben. Zu den Vollendern der olympischen Religion
wird man dann vor allem die großen Tragödiendichter Aischylos, Sophokles und
Euripides im 5. Jh. v. Chr. rechnen müssen, die eine Vertiefung des religiösen
Gefühls und eine Veredelung des mythischen Denkens anstrebten. Auf der anderen
Seite wirkte die aufkommende Philosophie aufklärend und durch ihre
rationalistische Kritik zersetzend.
Ursprünglich bedingt durch den
Gegensatz zwischen den beiden Elementen der Bevölkerung, den Vorbewohnern und
den griechischen Einwanderern, treten in der Folgezeit zwei entgegengesetzte
Strömungen im hellenischen religiösen Denken hervor. Dem Ideal des maßvollen
Lebens und der strikten Befolgung göttlicher Gebote, als dessen göttlicher
Repräsentant Apollon, der Herr des delphischen Orakels, erscheint, steht die
Mystik gegenüber, die in den Demeter-Mysterien in Eleusis und in dem aus
Thrakien eindringenden Dionysos- Kult ihren Ausdruck fand. Die sektenartige
orphische Bewegung, welche bei der Ausgestaltung ihrer Lehren auch Einflüsse aus
dem Orient erfahren zu haben scheint, übte auf das Denken vieler Philosophen von
Pythagoras bis Platon einen bestimmenden Einfluss aus.
Die griechische Religion war
stets aufs engste mit dem Staatswesen verknüpft, das alles Kultische zu regeln
strebte und selbst durch Religionsprozesse die Aufrechterhaltung der alt
überlieferten offiziellen Glaubensformen zu sichern suchte. Mit dem politischen
Zusammenbruch der Kleinstaaten verfiel auch deren Staatsreligion, wofern sie
sich nicht durch Anpassung an andere Vorstellungen zu wandeln vermochte. Einen
Ersatz fanden manche in den vom Ausland eingeführten Gottheiten. Er wurde
namentlich im Gefolge der durch Alexander d. Gr. hergestellten Verbindung mit
asiatischen Ländern begünstigt. Obwohl die alten Götter, die sich auch Italien
erobert hatten, nicht in Vergessenheit gerieten, gehörte das Interesse religiös
bewegter Menschen jetzt den hellenistischen Mysterienreligionen. Im
Entscheidungskampf mit dem jungen Christentum unterlag die griechische Religion,
nicht ohne in dem siegreichen neuen Glauben und dem Brauchtum des heutigen
neugriechischen Volkes ihre Spuren zu hinterlassen.
DIE LITERATUR
Das griechische Schrifttum ist
stark von religiösen Ideen bestimmt. Die Dichter Homer, Hesiod, Pindar (um 50o
v. Chr.), dann die großen Tragiker Aischylos, Sophokles und Euripides, aber auch
viele Lyriker vermitteln uns einen tiefen Eindruck von der Glaubenswelt der
Hellenen. Die großen Philosophen, von den Vorsokratikern an bis zu den
Neuplatonikern, setzten sich zustimmend oder ablehnend mit der ererbten Religion
auseinander. Wertvolle Einblicke in die religiösen Strömungen unter den
Gebildeten wie bei den breiten Volksmassen ermöglichen uns die Historiker von
Herodot. (5. Jh.) an bis zu den Autoren der Spätzeit. Wenn man von einzelnen
Sekten wie den Orphikern und Pythagoreern absieht, hat sich freilich das
Griechentum keinen eigenen Kanon von heiligen Schriften geschaffen. Gleichwohl
ist das Ansehen, das Homer und Hesiod genossen, selbst bei den Griechen der
ausgehenden römischen Kaiserzeit noch so groß gewesen, dass viele in ihnen die
maßgeblichen Autoritäten sahen, an denen sich der fromme Glaube, wenn auch
vielfach mit Hilfe von umdeutenden Interpretationen, orientieren konnte.
Das Weltbild der Griechen war
sehr mannigfaltig und hat außerdem im Laufe der Jahrhunderte viele Wandlungen
durchgemacht. Die Erde ist eine meerumgürtete Scheibe, über der sich, vom Riesen
Atlas getragen, der Himmel als Halbkugel erhebt. Dort befindet sich der Wohnsitz
der Götter, eine Anschauung, die bei Homer in unvermitteltem Gegensatz zu der
Vorstellung steht, dass die Götter auf dem Berg Olymp über den Wolken thronen.
Unter der Erde ist die Unterwelt. Das mythische Weltbild des Hesiod fasst
hingegen die Erde als eine Göttin auf, die aus dem Chaos entstand und aus sich
Uranos (den Himmel) und Pontos (das Meer) hervorbrachte und mit beiden Kinder
zeugte. Die griechischen Philosophen forschten demgegenüber nach einem Urstoff,
aus dem die Welt hervorgegangen sein sollte. Dieser war nach Thales das Wasser,
nach Anaximander das Unendliche, nach Anaximenes die Luft. Auf einer höheren
Ebene setzte sich die monistische Welterklärung dann bei den Eleaten bis zu
Plotin fort. Im Gegensatz zu dieser Philosophie des Seins betrachtet Heraklit
den anfangslosen Kosmos als in einem ständigen Werdeprozess begriffen.
Empedokles, Anaxagoras, Demokrit versuchten eine pluralistische Weltdeutung. In
der Folgezeit haben dann Platon, Aristoteles, die Stoiker und viele andere ihre
Weltbilder entworfen, die sich mit dem religiösen Glauben und der Überlieferung
in verschiedener Weise abzufinden suchten.
Um die Herausarbeitung eines
wissenschaftlichen, mathematischen Weltbildes bemühten sich namentlich die
Pythagoreer. Philolaos antizipierte ein System, in dem die Erde nicht mehr als
Mittelpunkt des Kosmos betrachtet wurde, sondern gleich den Gestirnen um ein
unsichtbares Zentralfeuer kreisen sollte. In Fortführung dieser Gedanken
gestaltete Aristarch von Samos (3. Jh. v.Chr.) ein heliozentrisches Weltbild.
Dieses setzte sich jedoch nicht durch, weil Aristoteles mit seiner Autorität für
das geozentrische System eintrat, welches seit Ptolemaios (87-165 n. Chr.) für
fast eineinhalb Jahrtausende als maßgeblich galt.
DER KULTUS
Der Kultus wurde in ältester
Zeit, wie auch bei anderen Völkern auf einer frühen Kulturstufe, noch in
heiligen Hainen (z. B. Dodona) ohne Tempel und Götterbilder, jedoch unter
Verwendung von Fetischsteinen durchgeführt. Neben Hermen, d. h. Pfeiler mit
Menschenkopf, traten später Götterbilder, die in der Blütezeit der hellenischen
Kunst von großen Bildhauern in außergewöhnlicher Schönheit geschaffen wurden.
Doch behaupteten vielfach alte Holzstatuen im Glauben des Volkes ihren Platz und
erweckten bei ihm mehr Ehrfurcht als die ästhetisch viel vollkommener
gestalteten Kunstwerke, die zum Teil als den Göttern dargebrachte Geschenke und
nicht eigentlich als Kultobjekte gedacht waren. Die schon bei Homer erwähnten
Tempel dienten als Häuser der Götter.
Die gewöhnlichsten Kultformen
waren: Gebet, Gesang, Tanz sowie das Opfer, d. h. die Darbringung von Tieren
oder Vegetabilien. Während manche von diesen ein Götter und Menschen
verbindendes heiliges Mahl sein sollten, bei dem sich also auch die Opferer am
Opferschmaus gütlich tun konnten, wurde bei anderen, vor allem bei denen für
unterirdische Gottheiten, die Opfergabe nur den Göttern übergeben. Einen
besonderen Charakter trugen die Sühneopfer, bei denen Sündenböcke, nachdem die
Schuld einer Stadt auf sie übertragen worden war, verjagt oder getötet wurden.
In der älteren Zeit waren auch Menschenopfer üblich. So wurde im Kult des Zeus
Lykaios ein Mensch geopfert und sein Fleisch z. T. von den Opfernden verzehrt,
der Rest dem Gotte dargebracht. Bei dem Fest der Thargelien in Athen, welches
dem Schutz der kommenden Ernte diente, wurde ein verurteilter Verbrecher in
Prozession durch die Stadt geführt und dann hingerichtet. Sein Körper wurde
verbrannt und seine Asche ins Meer gestreut.
Zu Ehren bestimmter Götter
wurden bestimmte jährlich oder in einem Turnus von mehreren Jahren
wiederkehrende Feste gefeiert, bei denen feierliche Umzüge stattfanden und
Spiele und Wettkämpfe veranstaltet wurden.
PRIESTERTUM
Einen besonderen, hierarchisch
gegliederten Priesterstand gab es nicht, doch waren an manchen Heiligtümern
staatlich bestellte Beamte (zum Teil im Wege der Verpachtung) eingesetzt, die
die heiligen Riten vorzunehmen hatten. In besonderem Ansehen standen die Seher
und Wahrsager. Durch die starke Neigung der Griechen zur Zukunftsdeutung bekam
das Orakelwesen besonderes Gewicht, vor allem die Heiligtümer, in welchen
Voraussagen der verschiedensten Art eingeholt werden konnten, sowohl über die
rechte Form der Verehrung von Göttern und Heroen, wie auch solche, die
politische Entscheidungen und private Anliegen betrafen. In Dodona gab Zeus
seinen Willen durch das Rauschen der Eichen des heiligen Haines zu erkennen, in
Delphi nahm die Lorbeerblätter kauende Apollo-Priesterin (Pythia) auf einem
Dreifuß über einer Erdspalte Platz. Unter dem Einfluss der aus dieser
aufsteigenden Dämpfe gab sie Worte von sich, die von den Priestern gedeutet und
in Verse gebracht wurden. Die von den Orakeln ausgegangenen Prophezeiungen haben
auf das ganze Leben, vor allem auch auf die Politik, einen großen Einfluss
ausgeübt.
Eine besondere Eigenart der
griechischen Religion sind die sog. Mysterien (wörtlich: Geheimnisse).
Ursprünglich handelte es sich bei diesen um alt überlieferte und vom Staat
übernommene Kulte, wie die von Eleusis. Dieser in Attika gelegene Ort, der
später zu Athen kam, war von jeher der Fruchtbarkeitsgöttin Demeter heilig. In
den Mysterien sollte der Fromme erleben, wie Kore (Persephone), von Hades
entführt, von Demeter überall gesucht und schließlich wieder mit ihr vereinigt
wurde. Diese Vorstellungen und Riten, die ursprünglich mit der Landwirtschaft zu
tun hatten, wurden als ein jenseits mysterium aufgefasst. Sie sollten den
Eingeweihten (Mysten) die Unsterblichkeit in einer andern Welt verbürgen. Andere
Mysterien trugen einen privaten, sektiererischen Charakter, so die des Dionysos,
die durch phrygischthrakische Vermittlung nach Griechenland kamen und ein
ekstatisches und orgiastisches Wesen hatten. Mit ihnen hängt der Orphismus
zusammen, der im 5. Jh. in Athen aufkam. Seine Lehre, die im Gegensatz zu
früheren auch schriftlich fixiert wurde, geht von der Vorstellung aus, dass die
Menschen, die ja aus der Asche der von Zeus verbrannten Titanen entstanden sein
sollten, sich von der ihnen (als Erbteil) anhaftenden Verfehlung befreien
müssen, um ihr dionysisches Erbe, d. h. ihr Geistiges zu retten. Durch Reinigung
und Enthaltsamkeit sollte dieses Ziel erreicht werden.
Über die einzelnen Riten der
Mysterien sind wir nur ungenau unterrichtet; anscheinend haben die Teilnehmer an
ihnen das Verbot, darüber etwas verlauten zu lassen, so strikt eingehalten, dass
nichts in die Literatur eingegangen ist. Wir wissen nur, dass sinnbildliche
Zeremonien, Gesänge und Musik sowie Tänze und mimische Darstellungen in ihnen
eine Rolle spielten, dazu allerlei Kultbräuche, die mit der Legende der
Mysteriengötter zu tun hatten, wie z. B. in den Eleusinien das Trinken eines
Gerstenbiers und das Vorzeigen einer schweigend geernteten Ähre. Die Aufnahme
geschah durch besondere Weiheriten.
ETHIK
Wie bei allen alten Völkern war
die Ethik aufs engste mit der Religion verknüpft. Frömmigkeit und Gesetz sind
die Grundlagen allen Rechts. Unter Frömmigkeit (Eusebeia) aber wurde vor allem
die genaue Beobachtung der kultischen Vorschriften verstanden und die Pietät
gegen sie, welche sich in der Aufrechterhaltung des Ererbten äußert. Nur so kann
der Mensch hoffen, den Neid der Götter nicht herauszufordern; denn die
Himmlischen sind eifersüchtig auf das Glück der Sterblichen. Der Übermut
(Hybris) ist die Hauptverfehlung des Menschen, die böse Folgen haben muss.
Deshalb ist das Ideal vieler Griechen die weise Selbstbescheidung (Sophrosyne),
das Streben, die eigene Stellung in der Welt richtig zu erkennen, Maß zu halten
und sich harmonisch in den Weltlauf einzufügen. Alles untersteht göttlichen
Gesetzen, gegen die man nicht verstoßen darf.
Mit Hesiod beginnt die
Ethisierung der Religion. Die starke Vermenschlichung der Götter wird von
Philosophen bekämpft, ihre Laster gelten ihnen als ihrer unwürdig. Wichtiger als
alle äußere rituelle Werkgerechtigkeit und alles weltliche Gesetz ist das
ungeschriebene sittliche Gesetz. Für dieses lässt Sophokles seine Antigone (im
gleichnamigen Drama) in den Tod gehen, weil sie ihres Vaters Verbot, die Leiche
ihres Bruders Polyneikes zu bestatten, übertreten hatte. Denn sie meinte: Nicht
mitzuhassen, mitzulieben bin ich da.
Seit jeher hatten Dichter und
weise Männer den Griechen in vielen oft sehr kunstvollen Versen und Sprüchen
wertvolle Ratschläge gegeben, eine eigentliche Begründung der Ethik erfolgte
aber erst durch Sokrates, der die Philosophie, die sich bisher vor allem
ontologischen Problemen zugewandt hatte, mitten in das Leben stellte. Von der
Überzeugung ausgehend, dass das Sittliche erkennbar sei und deshalb gelehrt
werden könne, kam er zu der Anschauung, dass der Erkenntnis des sittlich
Richtigen auch das Handeln gemäß der Sittlichkeit folgen müsse. Damit leitete er
die Reihe der Denker ein, die in der verschiedensten Weise die Tugend als
höchstes Gut (Agathon) begrifflich zu erkennen suchten und Moral-Systeme
schufen, die zur praktischen Verwirklichung des Agathon führen sollten.
DIE VORSTELLUNGEN VON DEM LEBEN NACH DEM TODE
Neben der uralten Vorstellung,
dass die Toten sich in der Nähe ihrer Wohnsitze in ihren Gräbern — man denke an
die mykenischen Kuppelbauten — aufhalten oder zeitweilig auf Erden wieder
erscheinen, findet sich der Glaube an ein unterirdisches Totenreich, in welchem
die „Schatten“ der Verstorbenen dahinvegetieren und bedauern, nicht mehr auf
Erden zu weilen. Nur Auserwählte gelangten in ein Elysium oder zur Insel der
Seligen.
Später kam, vor allem durch die
Orphiker vorbereitet, die Vorstellung von der unsterblichen Seele auf, die nach
dem Verfall des Leibes selbständig weiterlebt. Die Mysterienreligionen
befriedigten das Bedürfnis nach konkreten Jenseitsschilderungen. Sie lehrten die
Bestrafung der Frevler in der unterirdischen Hölle und die Belohnung der Guten
in einer göttlichen Welt oder auf den Inseln der Seligen. Die Orphiker mit ihrer
pessimistischen Weltbetrachtung bezeichneten den Leib als das Grab der Seele und
lehrten einen Kreislauf im Wege der Seelenwanderung, aus welchem sich der Mensch
befreien soll und kann. Auch manche Philosophen, vor allem Pythagoras,
Empedokles, Platon, glaubten an die Metempsychose.
Obwohl seit eineinhalb
Jahrtausenden erloschen, steht unter den nichtchristlichen Religionen wohl keine
dem Herzen der heutigen abendländischen Menschen so nah wie die griechische. Das
mag bei manchen seinen Grund darin haben, dass sie der Vergangenheit angehört
und deshalb außerhalb des Geisteskampfes liegt, in dem in der Gegenwart die
lebenden großen Religionen Asiens viele zu aktiver oder passiver Abwehr anregen.
Sie kann deshalb unbehelligt von eigener Glaubensüberzeugung als ein in sich
abgeschlossenes und vollendetes Kunstwerk genossen werden. Aber auch die
römische und die germanische Religion bestehen heute nicht mehr, ohne darum doch
nur entfernt so stark unseren inneren Anteil fordern zu können.
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