|
Die Loire, Frankreichs längster
Fluss, entspringt nahe dem Mittelmeer und mündet in den Atlantik. Die Hälfte
ihres Weges wird sie von Schlössern und Weinbergen begleitet.
Kurz vor dem gut zwei
Jahrtausende alten Nevers wird der Fluss durch die einmündenden Wasser des
Allier und der Nievre zum - einst schiffbaren - Strom. Hier befindet sich das
erste der
Loire-Schlösser. Die Kathedrale, auf einem Baptisterium des 6. Jahrhunderts
gründend, hat zwei Absiden: eine strenge romanische im Westen und eine Licht
erfüllte gotische im Osten. Die Nachbarstadt Bourges glänzt sowohl mit
kirchlicher wie profaner Gotik: Die Kathedrale hat fünf Portale nebeneinander,
der Financier Jacques Coeur baute sich ein Palais. Sancerre, flussab, produziert
auf seinen Feuerstein-Hügeln einen würzigen Wein; er passt gut zum Ziegenkäse
aus dem Nachbardorf Chavignol.
In Briare führt eine elegante
Kanalbrücke über die Loire, das Wasserschloss von Sully zapft gleich hinter dem
Deich den Fluss für seine Gräben an. Gien war wie Nevers eine Hochburg der
Fayence-Produktion, hier wurde auch nach Vorbildern aus China und Japan
gearbeitet. Richtung Orleans folgen zwei bedeutsame Kirchenorte dicht
aufeinander. In St.-Benoit lag vermutlich der Mittelpunkt des Druidenkults der
Gallier. Im 7. Jahrhundert wurde die Benediktinerabtei gegründet, in der auch
die Gebeine des heiligen Benedikt ruhen. Von hier aus gründete unter Karl dem
Großen der Abt Theodulf überall im Abendland Klosterschulen. Ein einzigartiges
Kunstwerk ist die romanische Basilika (1067- 1218).
Eine der ältesten Kirchen
Frankreichs steht in Germigny-des-Pres. Ursprünglich ein Privatorium des Abtes
Theodulf, wurde sie offenbar nach dem Vorbild der Aachener Pfalzkapelle
errichtet und 806 geweiht. Ihr Vorplatz wirkt mit seinen Zypressen und
Tamarisken fast mediterran.
Die Kathedrale von Orleans
gehört bereits zur Welt des Nordens. Ihre wie von Tortenaufsätzen gekrönten
Türme wurden im 16. Jahrhundert der Gotik »nachempfunden«. Doch das Sinnbild der
Stadt ist Jeanne d'Arc, die Jungfrau von Orleans. Hier schritt sie 1429 dreimal
zum Chor, um im Gebet Kraft zu suchen für ihren Befreiungsfeldzug gegen die
Engländer. Hier wurde sie 1920 heilig gesprochen, eine Kapelle ist ihr gewidmet.
Ein Kontrast zu den weiter
flussab liegenden Prunkschlössern ist in Meung-sur-Loire zu besichtigen. Die
Grundmauern der feudalen Schlossburg reichen ins Jahr 406 zurück. Da gibt es
noch eine unterirdische Kapelle, Folterkeller und einen in die Erde versenkten
Rundturm, einen »Brunnen des Vergessens«, aus dem nur wie durch ein Wunder der
dort Monate schmachtende Poet Franwis Villon wieder herauskam. Das nahe Schloss
Talcy gibt sich eher verspielt mit seinem gut erhaltenen Taubenturm.
Chambord ist ein Paukenschlag.
Leonardo da Vinci hat vermutlich seinen Rat beigesteuert, als dieser unvollendet
gebliebene Spleen eines Jagdschlosses von König Franz I. im 16. Jahrhundert in
die Lichtung eines wildreichen Staatsforstes gesetzt wurde. Vom Grundriss einer
mittelalterlichen Festung ausgehend, gipfelt der Bau in einer bizarren
Turmlandschaft. Die zentrale, doppelte, ineinander verschlungene Wendeltreppe
kommt wohl den königlichen Wunschträumen am nächsten. Dagegen wirkt das
Renaissance-Schlösschen Villesavin am Forstrand wie hingetupft.
Eine Hochburg der Jagd war und
ist auch der Herrensitz Cheverny. Hinter dem Gemüsegarten wartet noch immer eine
Meute von 70 Hunden, dass rot befrackte »Waidmänner« zum Aufbruch ins Horn
blasen. In der flachen Orangerie waren im Krieg Kunstwerke aus dem Pariser
Louvre versteckt, darunter auch die »Mona Lisa«, die da Vinci 1516 als Geschenk
für Franz I. auf Maultierrücken über die Alpen gebracht hatte. Der hatte dem
italienischen Universalgenie einen komfortablen Lebensabend zugesichert. Blois,
ein Versailles der Renaissance, spiegelt in all den architektonischen Wendungen
seines pompösen Schlosses und der Rampen, Plätze und Gärten auch die Wirren
jener Zeit, als es Königsstadt war.
Schloss Beauregard am anderen
Loire-Ufer lässt auf dem Fußboden eines lang gestreckten Saals, der mit Delfter
Kacheln ausgelegt ist, eine ganze Armee aufmarschieren, seine Galerie mit 363
Porträts zeigt auch 15 Könige. Chaumont am Flussufer wird von seinem Schloss
fast erdrückt, um das Katharina von Medici, Gemahlin Heinrichs II., und dessen
Geliebte Diana von Poitiers im 16. Jahrhundert rivalisierten. Das Märchenschloss
Chenonceau am Nebenfluss Cher, das der Herrscher seiner Favoritin schenkte,
jagte Katharina ihr als Witwe wieder ab.
Sechs Könige prägten innerhalb
eines Jahrhunderts die Residenz Amboise, nur noch ein Zehntel des Schlossbezirks
ist erhalten. Leonardo da Vinci war bereits 63 Jahre alt, als ihm der
kunstsinnige Franz I. das nahe gelegene Herrenhaus Clos-Luce als Alterssitz und
Wirkungsstätte überließ. Dort entstanden im Gedankenaustausch mit dem Herrscher
zukunftsweisende technische Projekte. Zum 500. Geburtstag da Vincis ließ die
Firma IBM dort Modelle nach den Zeichnungen des Künstlers installieren: u.a.
einen ersten Fallschirm und Hubschrauber, einen Raddampfer und im Prinzip
bereits das Auto.
Winzerorte von Ruf, Montlouis
und Vouvray, liegen am Weg nach Tours. Der heilige Martin (216-97),
kaiserlich-römischer Gardeoffizier, der bei Amiens in der Picardie seinen Mantel
mit einem frierenden Bettler geteilt haben soll, wurde hier begraben. Seine
Reliquienstatue steht auf der Kuppel der Basilika. Ein Stück flussab sind die
Anlagen von Schloss Villandry ein Paradebeispiel französischer Gartenkunst. Zwei
Ziergärten, ein Wassergarten und ein Obst- und Gemüsegarten greifen harmonisch
ineinander. Das nahe Azay-le-Rideau am Nebenfluss Indre (1518-29) ist ein
»Edelstein« früher Renaissance – so Balzac. Usse über der Loire gilt als
französisches Dornröschenschloss.
Chinon – sein sanfter Rotwein
wird geschätzt – war im 11. und 12. Jahrhundert Hauptstadt des mittelalterlichen
Frankreichs. Johanna soll hier dem Thronfolger Karl prophezeit haben, dass er –
nach Vertreibung der Engländer – in der Stadt Reims gekrönt werde. 1450 gab der
Hof diesen Königssitz auf.
Vier aus Tuff geformte, bunt
bemalte Grablegen sind Mittelpunkt der Abtei von Fontevraud: Sie beherbergen
Heinrich II. Plantagenet, seine Gemahlin Eleonore von Aquitanien, den
gemeinsamen Sohn Richard Löwenherz und Richards Schwägerin Isabella von
Angoulême.
Im Stundenbuch des Herzogs von
Berry (1412-16) zeigt das Schloss hoch über Saumur noch wesentlich mehr Türme
inmitten von Rebenfeldern; seine Eleganz blieb jedoch erhalten. Saumur war
Traditionsgarnison der französischen Kavallerie, die Nationale Reitschule
nebenan verfolgt nun rein sportliche Ambitionen.
Düster und bedrohlich wirkt die
Festung von Angers mit schwarzen Bändern im Turm und im Mauerwerk. Sie birgt
eine Sammlung einzigartiger Wandteppiche, u.a. den Zyklus der »Apokalypse«, den
Versuch, die Offenbarungsvisionen des Johannes auf Patmos darzustellen. Zwei
Drittel des ursprünglich 170 Meter langen gotischen Webwerks sind erhalten. Die
schmale, himmelwärts strebende Turmfassade der Kathedrale St.- Maurice (um 1140
begonnen) ist ein kühner Triumph der Anjou-Gotik.
Richtung Nantes, der einstigen
bretonischen Herzogsstadt schon nahe dem Atlantik, folgt nach all diesen
Glanzlichtern geruhsame, kleinbürgerliche Provinz, die lange Zeit von der
Schifffahrt und ihren Zulieferungsberufen bestimmt war.
|