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Keine andere Stadt hat eine so bewegte deutsch-französische
Geschichte wie Straßburg.
Entspannt sitzen wir in einem Straßencafe an einem lauschigen
Platz; um uns verwinkelte Gassen, über uns ein Dächermeer aus
Biberschwanzziegeln.
"Cafe au lait?" Die Kellnerin lächelt freundlich. "Oh ja, merci." Pariser Flair umhüllt uns, außerdem der Geruch von Sauerkraut. Ein paar
Meter entfernt malt eine Asiatin mit meditativer Gelassenheit das, was sie
sieht: Fachwerkhäuser in bester altdeutscher Tradition - die reinste
Bilderbuchidylle. La Petite France, Klein-Frankreich, ist ein beliebtes Viertel
der Straßburger Altstadt. Das einstige Gerber-Viertel bezaubert durch seine aus
dem 16. und 17. Jahrhundert stammenden Fachwerkhäuser, deren hohe Spitzdächer
sich über offene Dachböden spannen. Einst trockneten hier Häute. Nun laden
Feinschmeckerlokale im beliebten Gourmet-Viertel zum Schlemmen ein.
Es plätschert in der III, dem Nebenfluss des Rheins. Die
historische Schleuse befördert ein Ausflugsboot, das in nur zwei Stunden die
komplette Straßburger Altstadt umrundet. Seit 1988 gehört die Grand Ile, die
Große Insel, zum UNESCO Weltkulturerbe. Eindrucksvolle Villen, Kirchen und
Palais zeugen von Kulturereignissen der 2000-jährigen Stadt, deren Geschichte im
12. Jahrhundert vor Christi begann: Römer errichteten in dem damaligen
keltischen Dorf ein Lager, genannt Argentoratum, das als Vorposten gegen die
rechtsrheinisch lebenden, widerspenstigen Germanen diente. Strategisch günstig
gelegen entwickelte sich der Ort schnell zu einem beliebten Handelszentrum und
im 4. Jahrhundert zum Bischofsitz. Aus jener Zeit stammt auch der heutige Name,
eine Ableitung von Strataburgum, Burg an den Straßen.
Im Mittelalter blühte Straßburg richtig auf, war Teil des
Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation und ab 1262 Freie Reichsstadt.
Bauwerke wie das Münster (1176-1439) entstanden, das mit seinem 142 Meter hohen
Spitzturm noch bis ins 19. Jahrhundert als höchster Bau der Christenheit in den
Himmel ragte. Heute ist die romanisch-gotische Kathedrale noch immer ein
kultureller Höhepunkt mit einmaligen Besonderheiten: Etwa einer Astronomischen
Uhr, die sowohl Erdbahn, Mondbahn als auch die Bahnen der damals (1832)
bekannten Planeten (Merkur bis Saturn) anzeigt.
Heute zählt Straßburg 250.000 Einwohner, die Peripherie
mitgerechnet fast 400.000. Nicht weit von Klein-Frankreich liegt das berühmte
Vauban-Wehr. Die mittelalterliche Brücke mit ihren 13 Bögen und verschließbaren
Klappen diente zur Abwehr von Angriffen. Dank genialer Klapp-Technik konnte die
Südfront der Stadt unter Wasser gesetzt werden. Der legendäre Festungsbaumeister
Vauban hatte diese Anlage ersonnen und anno 1681, gleich nach der Annexion
Straßburgs durch Frankreich, gebaut. Auf dem Wehr befindet sich heute eine
Panoramaterrasse, von der man weit über die Stadt und ihre Kanäle blicken kann.
Aus dem 17. und 18. Jahrhundert stammen ebenfalls die gut erhaltenen
Patrizierhäuser im Pariser Stil.
Flaniert man am romantischen Ufer der lll in Richtung Norden
gelangt man in die deutsche Vergangenheit, dem Wilhelminischen Viertel mit
seinen Jugendstilvillen, der Universität und dem Platz der Republik. Das
Deutsche Kaiserreich hatte Straßburg 1871 im Deutsch-Französischen Krieg
erobert. 1918 marschierten wieder französische Truppen in die Stadt, 1940
deutsche Soldaten. Nach dem zweiten Weltkrieg wurde Straßburg erneut
französisch.
Von der Vergangenheit sind es nur wenige Schritte in die
Gegenwart, ins moderne Straßburg, das sich mit futuristischer Architektur als
Europas Hauptstadt präsentiert. Schon 1949 wurde die Stadt Sitz des Europarats,
1952 zum Hauptsitz des Europäischen Parlaments. Im Euro-Distrikt zeigt sich
Straßburg als junge, weltoffene Metropole mit einer Eigenheit, die sie nur noch
mit New York und Genf teilt: Alle drei Städte beherbergen den Sitz
internationaler Institutionen, ohne Hauptstadt des jeweiligen Staates zu sein.
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