|
Das Leben
der französischen Vorfahren in ihren schönen, ihren großen und imposanten
Schlössern erkunden? Dazu mag man an die berühmte Loire fahren. Erfahren, welche
Menschen heute in Schlössern leben, sie besuchen, mit ihnen sprechen und sie
kennen lernen? Dazu sollte man die übliche Loire-Route verlassen und sich etwas
gen Norden wenden, dorthin, wo sich der kleine Bruder, der Loir, sein Tal
gegraben hat. Und wer sich hier per Fahrrad auf eine der vom Regionalen
Tourismuskomitee ausgeklügelten Touren begibt, ist eine ganze Woche lang vor
immer neuen Bildern und Entdeckungen, eine schöner als die andere, eigentlich
nie sicher.
Beginnen mag
so ein Radeltag in einem typischen kleinen Dorf, vielleicht in Chateau-du-Loir,
im Departement Sarthe. Das Verlassen des Orts über die verkehrsreiche Straße
dauert nur wenige Minuten, dann wird es friedlich, die Wege sind ruhig und sehr
idyllisch. Zwei Kilometer später, am Ende einer langen Baumallee die erste, ganz
unerwartete Überraschung: ein kleines Schlösschen, umgeben von einem
Wassergraben. Wer mag wohl drinnen wohnen? An der Tür steht eine alte Frau, zwei
kleine Mädchen kommen über den Hof, schließlich ein Mann. Einen Moment lang ist
sein Blick fragend. Dann sieht er die Räder, erfährt von der Tour und erzählt
bereitwillig die Geschichte der alten Mauern, die die Vorfahren einst erbauten.
Jetzt ist das Anwesen de la Motte eher eine Last, denn es denkmalgerecht zu
erhalten ist teuer.
Weiter geht
es über kleine Nebensträßchen, vorbei an saftigen Wiesen und Feldern, durch
grüne Baumalleen, manchmal leicht bergauf und dann wieder bergab. Dann kommen
kleine Ortschaften, und für Minuten tauchen die radelnden Fremdlinge in das
französische Dorfleben ein, begegnen den Bewohnern beim Einkauf oder bei der
Arbeit.
Alle paar
Kilometer tauchen plötzlich und unvermittelt, wild romantisch hinter Bäumen
versteckt oder weithin erkennbar hinter wogendem Korn große und kleine,
verspielte oder einfache, mehr oder weniger gut erhaltene Schlösschen auf. In das
Chateau du Grand-Perray in Bruere-sur-Loir, so steht es in der
Streckenbeschreibung, hat sich die Familie Nicolay, Besitzerin des größeren
Schloss Le Lude während der Französischen Revolution zurückgezogen. Ein dunkler,
gewundener Waldweg führt zu den heute nur noch zum Teil bewohnten Gemäuern, es
wirkt alles etwas unheimlich, nicht zuletzt durch den dicken, halbzerfallenen
Turm aus dem 15. Jahrhundert. Schade, es ist gerade keiner da, der mehr über
vergangene Tage erzählen kann. Fünfzehn Minuten später werden die radelnden
Touristen mit offenen Armen empfangen. 40 Jahre hat die kleine Madame Choliere
mit ihrem Mann in der Wassermühle von Rotrou Tag und Nacht Mehl gemahlen. Jetzt
erklärt sie den Besuchern liebevoll jeden Vorgang in der alten Mühle.
Im
gemütlichen, kleinen Hotel warten das Gepäck mit den frischen Sachen, eine warme
Dusche und erlesene Spezialitäten a la cuisine Franyaise und der Wein der
Region. Doch in Le Lude ist der Tag damit noch nicht zu Ende. Denn hier gibt es
wohl das berühmteste Schloss des Loir-Tales, auch das gehört der gräflichen
Familie Nicolay. Ihre Nachfahren haben vor 30 Jahren "Son et lumiere", das große
bunte Schauspiel mit Licht und Musik, erfunden, das mittlerweile in ganz
Frankreich nachgeahmt wird.
So
erlebnisreich, aber immer anders ist die Etappe dieser siebentägigen Tour. Da
gibt es die Höhlenwohnungen kurz vor Chateau-du-Loir, Weinproben in von Hand in
die Felsen gehauenen Gewölben in Chartre-sur-le-Loir oder die Werkstatt in
Ponce-sur-Loir, in der getöpfert, geschmiedet und Glas geblasen wird. Und
überall wird der Gast freundlich empfangen. Doch die Fahrt im Tal des kleinen
Loir ist nur eine von mehreren Rundfahrten, die im gesamten, für die meisten
Touristen noch unbekannteren westlichen Loire-Gebiet angeboten werden. Da geht
es einmal durch die Weinberge, diesmal der großen Loire, durch die Täler der
Mayenne, durch die grüne Vendee oder ganz außen an die Atlantikküste. Zwischen
30 und 50 Kilometer am Tag sind zu radeln.
"Velo bleu,
velo vert" ("Fahrrad blau, Fahrrad grün") ist das Zeichen dieser vom Regionalen
Tourismuskomitee ausgearbeiteten Touren, die in der Bundesrepublik über zwei
Veranstalter angeboten werden. Grün ist das Land, blau sind die Flüsse und das
Meer. Denn auch an den Atlantik führt eine der Touren. Wer die Cöte d'Amour
entlang radelt, fühlt sich ins vergangene Jahrhundert zurückversetzt, als sich in
Badeorten wie La Baule die feine Gesellschaft traf.
Wie wohl
werden die Neubauten, die Hotel- und Appartementklötze in 100 Jahren aussehen,
die heute entlang der Küstenstraße Tausende von Touristen beherbergen? Der
Radfahrer aber ist fast froh, wenn er den Trubel hinter sich lässt und im
Hinterland in die Stille der Salzgärten eintaucht. Die Luft wird rau und salzig,
und weithin sind nur die eigenartig vielfarbigen, schachbrettförmig angelegten
Meersalinen zu sehen, aus denen mühsam kostbares und begehrtes Salz gewonnen
wird.
Noch einmal
führt der Teil der Tour, die in mehreren Tagen durch die Salzgärten und Moore an
der Loire-Mündung geht, an diesem Tag an den Atlantik. Diesmal aber gibt es
weder moderne Bauten noch alte Schlösser. Hier zerschlagen die Wellen an wilden,
steilen Felsen.
|