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Der Mont Saint Michel

 

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Am Küstenknick von der Normandie zur Bretagne erhebt sich schon von weitem der majestätische Mont Saint Michel über den Horizont. Die Benediktinerabtei Le Mont Saint-Michel, ist ein einzigartiges Bauwerk. Ihr Grundriss gleicht keinem anderen Kloster. Weil sie die Pyramidenform des Bergs berücksichtigen mussten, legten die Baumeister des Mittelalters die Gebäude schneckenförmig um den Granitfelsen an. Die Abteikirche auf dem Gipfel ruht auf Krypten, die eine Plattform bilden, die das Gewicht einer 80 m langen Kirche tragen. Das häufig als architektonisches Prunkstück der Abtei erwähnte Gebäude "Merveille" zeugt vom Können der Bauhandwerker des 13. Jahrhunderts, denen es gelang, zwei dreistöckige Bauten am steilen Felsen anzulehnen. Präzise technische Maßnahmen ermöglichten die Realisierung: Im Erdgeschoss hat das enge Seitenschiff des Vorratsraums eine Stützfunktion. Die Träger der beiden unteren Ebenen des westlichen Gebäudes liegen übereinander. Und die Strukturen werden immer leichter, je mehr sie sich dem Gipfel nähern. Außen wird das Gebäude von mächtigen Strebepfeilern abgestützt.

Auch die Grundregeln des Klosterlebens haben die Anordnung und die Architektur der Gebäude beeinflusst. Die Benediktinerregel, nach der die Mönche von Mont Saint-Michel lebten, schrieb vor, dass sie ihren Tagesablauf dem Gebet und der Arbeit widmen sollten. Die Räume wurden für diese beiden Tätigkeiten angelegt, wobei das Prinzip der Klausur, d.h. der allein den Mönchen vorbehaltenen Zonen, berücksichtigt wurde. Gemäß diesem Prinzip lagen die Räume für den Empfang von Laien im Erdgeschoss und im ersten Stock der "Merveille". Somit dominierten zwei große Vorgaben beim Bau der Abtei Mont-Saint-Michel: die Anforderungen des Klosterlebens und die topografischen Zwänge.

Der hl. Michael, Führer der himmlischen Heerscharen, hat einen hohen Stellenwert in der Religiosität des Mittelalters. Im Neuen Testament erscheint der hl. Michael in der Apokalypse; er bekämpft und besiegt einen Drachen, das Sinnbild des Bösen. Für den mittelalterlichen Menschen, der in der Erwartung und der Furcht vor dem Jenseits lebt, ist der Erzengel Michael jener, der die Toten zum Jüngsten Gericht führt und die Seelen wiegt. Die im Osten schon im 4. Jh. weit verbreitete Verehrung des hl. Michael kam im Abendland erst Ende des 5. Jh. auf, als ihm 492 am Monte Gargano (Italien) das erste Heiligtum errichtet wurde. Um das Jahr 1000 mehrten sich überall in Europa, oft auf Hügeln oder Bergschultern, Kirchen und Kapellen, die dem Heiligen geweiht waren. Nach dem Hundertjährigen Krieg gewann die Anbetung des hl. Michael eine besondere Dimension, weil der Berg gegen die Engländer standgehalten hatte. Schließlich erlebte der Kult einen neuerlichen Aufschwung mit der Gegenreform: Nur der kämpfende Engel konnte in den Augen der Kirche den Krieg gegen das protestantische Ketzertum aufnehmen. In der christlichen Ikonographie wird der hl. Michael oft mit Schwert und Waage dargestellt. Volkstümliche Traditionen und Kulte machten St. Michael zum Schutzpatron der Ritter und aller Berufe, die mit Waffen und Waagen zu tun haben. Die Statue über dem Glockenturm besitzt die traditionellen Attribute des Erzengels. Angefertigt wurde sie 1897 von dem Bildhauer Emmanuel Fremiet im Auftrag des Architekten Victor Petitgrand, der die neue, 32 m hohe Turmspitze krönen wollte. Die Statue wurde 1987 restauriert. Seit 1979 gehört der Mont Saint Michel zum Weltkulturerbe der UNESCO und wird seit 1998 als Teil des Welterbes "Jakobsweg in Frankreich" aufgeführt.

Le Mont Saint-Michel

Besuch

Seit 1877 ermöglicht ein Deich trockenen Fußes zum Mont St. Michel zu kommen. Doch dieser Deich trägt zur Verpolderung der Bucht bei und soll demnächst durch eine Stelzenbrücke ersetzt werden. Der Zugang zum Berg mit seinem Dorf ist kostenlos, lediglich der Eingang zur Abtei kostet 7,50 Euro pro Person (Stand Oktober 2008). Für den Parkplatz vor dem Berg muss man 5,- Euro für einen Pkw bzw. 8,- Euro für ein WOMO (24 Stunden) bezahlen. In der Sommerzeit sollte man möglichst am frühen Morgen am Mont Saint Michel anzukommen, weil nach 09:00 Uhr die einzige Zufahrtsstrasse kilometerlang durch Stau versperrt ist. Die meisten Geschäfte am Berg öffnen um 09:00 Uhr, so dass man genug Zeit hat, zur Abtei auf der Spitze des Berges zu gelangen. Auf dem Rückweg sollte man sich aber auf zahlreiche Besucher einstellen.

Rundgang

Durch den Wachesaal, den befestigten Eingang der Abtei, gelangt man über die Treppe "Grand Degre" bis zur Terrasse "Saut-Gaultier". Der Weg verläuft zwischen der Kirche auf der rechten und dem Wohntrakt auf der linken Seite, beide über Stege miteinander verbunden. Diese im 14.-16. Jh. gebauten Wohnräume waren die herrschaftliche Residenz der Äbte.

Die Westterrasse liegt auf dem ursprünglichen Kirchplatz der Abteikirche und den ersten drei Gewölbefeldern des Langhauses, die im 18. Jh. abbrannten. Die klassische Fassade wurde 1780 wieder aufgebaut.

Von hier eröffnet sich eine Gesamtansicht auf die Bucht vom bretonischen Cancale-Felsen im Westen bis zu den Felswänden der Normandie im Osten. Der Blick fällt auch auf zwei Granitmassive: den Mont-Dol im Südwesten auf dem Kontinent, und die kleine Insel Tombelaine im Norden. In Richtung Ozean erkennt man den Archipel der Chausey-Inseln, wo der Granit herkommt, aus dem die Abtei erbaut ist. Die Terrasse bietet auch einen einzigartigen Blickpunkt auf die neugotische, 1897 errichtete Turmspitze des Glockenturms, über der die St.-Michaels-Statue aus vergoldetem Kupfer hochragt.

Die in den ersten Jahrzehnten des elften Jahrhunderts errichtete Abteikirche wurde auf der Spitze des Felsens 80 m über dem Meeresspiegel auf einer 80 m langen Plattform angelegt. Das Langschiff hat einen dreiteiligen Aufriss: Arkade, Empore und Obergaden.

Der Dachstuhl ist mit einem vertäfelten Tonnengewölbe ausgekleidet. Der 1421 eingestürzte romanische Chor wurde nach dem Hundertjährigen Krieg im spätgotischen Flamboyant-Stil wieder aufgebaut.

Die Besichtigung geht im Kreuzgang weiter. Diese Galerie, die auch als Verbindung zwischen verschiedenen Gebäuden diente, war eine Stätte des Gebets und der Meditation. Zu religiösen Festen fanden hier Prozessionen statt. Der Kreuzgang liegt auf dem Gebäude namens "Merveille" (Prunkstück), das zu Beginn des 13. Jh. gebaut wurde. Er erschließt Refektorium, Küche, Kirche, Schlafsaal, Archiv und verschiedene Treppen. Das Mittelfenster im Westen sollte zu einem Kapitelsaal führen, der niemals gebaut wurde.

Die Galerien des Kreuzgangs erhielten einen Dachstuhl, um ihr Gewicht zu verringern. Eine doppelte Reihe leicht versetzter Säulchen lässt immer neue Perspektiven entstehen. Im Refektorium nahmen die Mönche ihre Mahlzeit schweigend ein, während einer von ihnen von der Kanzel an der Südmauer vorlas. Von den Seitenmauern wird der Saal durch enge, vom Eingang aus nicht sichtbare Fenster erhellt.

Über eine Treppe betritt man den Gästesaal, der genau unter dem Refektorium liegt. Er diente zum Empfang der Könige und Adeligen. Weiter geht die Besichtigung in der Krypta der dicken Pfeiler. Sie wurde Mitte des 15. Jh. errichtet, um den gotischen Chor der Abteikirche abzustützen.

Die St.-Martins-Krypta wurde im elften Jahrhundert gebaut, um dem Südarm des Querhauses der Abteikirche als Fundament zu dienen. Das Gewölbe dieser Krypta hat eine imposante Tragweite von 9 m. Von der St.-Martins-Krypta betritt man durch einen kleinen Durchgang den ehemaligen Karner der Mönche, in dem sich seit 1820 ein riesiges Rad befindet. Damit wurde die Nahrung für die Gefangenen heraufgezogen, als die Abtei als Gefängnis diente. Es ist eine Nachahmung jener Räder, die man im Mittelalter auf Baustellen verwendete.

Die St.-Stephans-Kapelle liegt zwischen der Krankenstube, die Anfang des 19. Jh. einstürzte, und dem Karner der Mönche. Sie diente als Totenkapelle. Über die Nord-Süd-Treppe, unter der Westterrasse, erreicht man die Erschließungsachse des romanischen Klosters. Sie führt zur Wandelhalle, einem langen, zweischiffigen Saal. Die Idee der Architekten, ihre Gewölbe über Kreuzrippen zu errichten, kündigt die Gotik des frühen 12. Jh. an.

Mit dem Rittersaal betritt man wieder die "Merveille". Er wurde errichtet, um den Kreuzgang zu tragen und diente als Arbeits­ und Studierraum für die Mönche. Ihre geistigen Arbeiten sind uns erhalten: Die Manuskripte der Abtei sind in Avranches aufbewahrt. Mit der Almosenkammer unter dem Gästesaal endet die Besichtigung der "Merveille". Hier empfingen die Mönche Arme und Pilger.


 
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