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Die Kathedrale von Chartres

 

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Von holprigen Gassen und von Treppen, die sich mühsam vom Fluss herauf um die ummauerten Klostergärten winden, sind die Türme der Kathedrale sichtbar. Der eine, von edler alter Form, stürmt mit einer fest gegründeten, mächtig ansteigenden Spitze den Himmel. Sein jüngerer Bruder umgibt sich mit Dornen und Rankenwerk, mit Spitzenschleiern aus Stein und ist, obwohl er ihn noch überragt, seines Zieles nicht mehr so sicher. Vom Südportal hallt es wie das Brausen einer Orgel in die schmalen Gassen hinein. Breite Stufen tragen die dreifach geteilte Empore und die steinernen Bogenrippen ordnen sich wie Pfeifen um die Rosette, die gleich einer Sonne kreist und tönt.

Mit weißen, eng anliegenden Hauben und anderen, die wie große federleichte Vögel ihre Flügel breiten, eilen die Klosterfrauen über die Märkte in das Häuserdunkel und durch Tore, von denen Kreuze winken. Aus ihren Taschen leuchten Früchte, Tomaten und Bananen, die Kohlblätter flattern, Äpfel duften und glänzen, der Blumenkohl lächelt überlegen und die letzten, goldbraunen Chrysanthemen freuen sich auf ihren Platz am Altar. Fünfzehn verschiedenen Orden gehören die Beterinnen an, die im Schatten der Kathedrale von Chartres wohnen. Mönche gibt es hier nicht.

Chartres ist eine der frömmsten Städte Frankreichs, eine der konservativsten. Es ist die Stadt der Reaktion. Heinrich IV. eroberte die Stadt nur mit Mühe und nach langem Widerstand, als er sich zum König von Frankreich machte. Die Revolution, die so viele Kirchen schändete und zerschlug, vertobte sich unten in Sankt Peter - an die Kathedrale rührte sie nicht. Aus Chartres stammte der Advokat der Marie-Antoinette, der Verteidiger des Alten - in Chartres wurde Charlotte Corday geboren.

Wer den Fuß über die Schwelle der Kathedrale gesetzt hat, muss glauben, es könne nicht anders sein. Der Raum ist noch nicht das Höchste, er bedarf der Atmosphäre, die ihn füllt. Nur wenn das ihm gemäße Licht ihn durchströmt oder zwischen seinen Wänden bis zur Wölbung hinauf ruhig in ihm steht, wird er zum vollkommenen Ausdruck. Der Raum ohne sein Licht ist wie eine Note ohne Ton.

In der Kathedrale von Chartres wohnt das Licht uralter Scheiben, dessentwillen der Raum gewölbt worden ist. Vom Fenster, dem eigentlichen Verwandler, hängt im gotischen Bauwerk alles ab. Säulen, Wände und Wölbung sind der Fenster wegen da - ohne ihre gemäßen Scheiben ist jede gotische Kirche unbegreiflich und tot.

Aus dem Blau der fernsten, dennoch durchsonnten Meerestiefe leuchtet ein purpurner Kelch wie ein Komet. Aber es ist unsinnig, irdische Vergleiche zu suchen. Die Meister wären mit ihrem Werk unzufrieden gewesen, hätte man ihnen irgendwo auf der Erde den Farbton ihrer Schöpfung gezeigt. Das Geleucht der heiligen Häupter, der Gewänder, Schriftbänder, Kronen, Heiligenscheine, Füllhörner und Kerzen, der ganze unübersehbare Gestaltenzug der Tradition sind jeder Erfahrung entrückt. Noch bestehen die vertrauten Formen, aber ihr Gehalt und ihre Wirkung widersprechen dem Bekannten, Gesehenen, und diese Unvereinbarkeit mit der Erfahrung bedeutet den entscheidenden Schritt zu Gott.

Bedarf dieses Teppichgewebe aus zauberhaften Farben, das zwischen die Bogen gespannt ist, noch der äußeren Heiligkeit, um zu erglühen? An Tagen wie heute, wo der Nebel so grau wie der kleine Fluss zwischen den feuchten gekrümmten Häusern um die beiden Türme zieht und über den gewaltigen Giebel sinkt, leuchtet es am tiefsten. Das Glas hat seine eigene Kraft. Im November, an den späten Morgen, den vorzeitigen Abenden, wenn kein Reflex und kein Lichtfleck im Wolkengeschiebe das Dasein der Sonne verrät, ist seine Zeit. Wenn es abhängig ist von der äußeren Welt, so nur, weil es der Dämmerung bedarf.

Draußen, in den Klöstern, brennen die Kerzen den ganzen Tag, und schmale Frauenhände bereiten vielleicht schon das Stroh der Krippe. Die Rinnsale auf den verbuckelten Gassen suchen eilig den Fluss. Um das alte ungefüge Tor des Grafen Wilhelm streichen die Fledermäuse fast schon am Mittag, und die Eulen auf dem morschen Gestänge im Bauch des Turmes verwechseln die Stunden. Auf der Treppe, über die der Brokat der Königin widerwillig den leichten eiligen Füßen folgte, zerstäuben die Tropfen. Der Giebel ist des regenschweren Herbstes und des Novembers müde und neigt sich wie eine Eichenkrone nach dem Gewitter. Komme früher noch, Abend! Mag in der Kathedrale von Palma die Sonne durch funkelnde Fenster brechen, noch tausendfach verstärkt vom südlichen Meer, mögen in Segovia die Farbkreise glühen auf gelbem Stein: den Fenstern von Chartres, den Fenstern des Nordens genügt schon ein einziger Schimmer. In ihnen ist das Licht gefangen, das aufgeht, wenn alles sinkt.

An den Portalen stehen die steinernen Wächter, die unzähligen Gestalten der alten Zeit. Judas Könige und die Propheten, aber selbst Pythagoras beugt sich über das Brett auf seinen Knien, so fromm wie ein Christ. Über der Jungfrau schlummert geheimnisvoll das eben geborene Kind, schmal wie die Larve eines Falters in der Erde oder wie ein Weberschiffchen, das bald alle Fäden vereinigt und verschlingt.

Im 18. Jahrhundert wurde der Glaube tödlich getroffen. Die Geistlichen fanden die Kirche zu dunkel, am Querschiff und in der Nähe des Chores ließen sie alte Fenster herausbrechen und durch weiße, nüchterne ersetzen. Der Tag wurde zum Freund, das Diesseits erlangte Zutritt zur Kirche, und die Ewigkeit wich zurück. Man glaubte vereinen zu können, was unvereinbar war. Das Grau der Erde flutet von nun an in das Querschiff und zwischen die Säulen der Apsis. Es wird nicht mehr verwandelt in die glühende Verheißung roter Kelche auf dunklem Grund. Gramvoll und nüchtern, wie es auf den Häusern lastet, mit aller Schwere unüberwundenen Leidens entheiligt es den Altar. 1753 begann man zu ändern. Noch nicht vierzig Jahre später erhob sich die Französische Revolution. Nun verhieß die Erde ein Glück, das mit der Zerstörung alles Jenseitigen nicht zu teuer erkauft war, das jeden Schmerz in diesem glücklosen und doch für die Seligkeit bestimmten Diesseits unerträglich machen musste.

Dem Glauben gehörte das Licht der alten Scheiben, und weil es der vollkommene Ausdruck einer Innerlichkeit war, die vergangen ist, kann es nicht imitiert werden. Ohne Glauben, ohne die innere Gewalt, die ihren Ausdruck sucht, steht die Technik verwirrt und hilflos vor den Schöpfungen der Gläubigen. Durch den Erfüllten allein vollzieht sich das Wunder der Form.

Aber unter der Kathedrale ist eine noch ältere Form des Glaubens bewahrt. Der gotische Bau steht auf der Krypta jener verschwundenen Basilika, die der Bischof Fulbert im 11. Jahrhundert errichtete, nachdem die Normannen schon dreimal Chartres verheert hatten und Feuersbrünste, nicht minder gefräßig als sie, über die ältesten Gebäude hergefallen waren. Rot brennende Ampeln weisen den Weg um die gewaltigen Fundamente in Kapellen, die wie halbe Hohlkugeln in Felsen gehauen scheinen. Dann tut sich ein etwas weiterer Raum auf, der der Jungfrau gehört, und hinter ihm erstreckt sich, mehr und mehr dem Dunkel verfallend, ein breit gewölbter Gang in die Tiefe. Auch ihm folgen die roten Lichter in doppelter Reihe, gewichtlos schwebend, Wachstropfen dunkelster Helligkeit, die nie der Tag gestreift.

Stühle stehen bereit für eine unsichtbare Gemeinde. Auf metallenen Spitzen flackern Kerzen. Sie biegen sich schmelzend. Eine Flamme hat das letzte Wachs verzehrt und haftet bläulich schimmernd, schon zum Flug bereit, am Metall. Bald wird sie sich lösen und unsichtbar aufschweben in die Dunkelheit, das unendliche Geheimnis. Das Licht wird zur alles umfassenden Nacht. Auch die roten Ampeln, die schon ahnungsvoll zittern, ertrinken in der Flut.

Die früheste Zeit, wo der Christ zum Opferstein in die Tiefe der Nächte flüchtete, die spätere, wo er sich den Himmel aus Edelsteinen baute, dauern fort in der kleinen Stadt, deren schiefe Häuser ängstlich das Geheimnis umdrängen. Übermächtig steht die Kathedrale inmitten der Dächer und sinkenden Giebel, alles überschattend, wie einstmals der Glaube, der das Leben wortlos an sich zog und nur noch bestehen ließ in seinem Dienst. Heftiger schwillt der Regen, er badet die Gesichter der Heiligen und jagt die Dohlen in den Turm. Er verwischt die Konturen der Türme, der gebeugten Mauern und der Klosterdächer in dunkel wuchernden Gärten. Die Stadt selbst mit ihren glimmenden, farbigen Lichtern wird zur Kathedrale. Regen und Nebel bauen die Fenster, finstere Gassen und Treppen die Pfeiler um den Berg. Wolken wölben das Dach. Es leuchtet und glüht verwandelt von innen durch das Gewirke des Nebels. Die Klöster werden zu Seitenkapellen, die Kathedrale wird zum Chor, und der Hirt mit dem Knabengesicht, dessen Lied die Botschaft des Heils unterbrach, setzt die Flöte noch einmal an und spielt.


 

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