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Ein wichtiges Reiseziel in der Bretagne sollten
die großen Zeichen aus prähistorischer Zeit sein — die langen Reihen der Menhire
(lange Steine) im Gebiet von Carnac. Bei Menec sind allein elf Reihen
nebeneinander in einer Länge von über einem Kilometer geordnet, mit über tausend
Steinen, die zwischen einem halben und vier Meter hoch sind. Der größte Menhir
liegt in fünf Teile zerbrochen bei Locmariaquer. Zwanzig Meter hoch hat er ins
Land geragt, ein urgewaltiges Zeichen! Seit etwa hundert Jahren bemüht sich die
Wissenschaft diesen Steinmalen ihre Rätsel zu entreißen, aber trotz aller
Bemühungen haben sie ihr Geheimnis noch immer bewahrt. So folgt der Reisende
willig der bretonischen Auslegung, dass der hl. Cornelius hier seine römischen
Verfolger zu Stein erstarren ließ. Durchwandert man aber an trüben Nebeltagen
allein diese schweigsamen Reihen, zwischen denen nur noch die Vögel ein
Heimatrecht haben, dann erscheint einem die wissenschaftliche Annahme
glaubwürdig, dass die Steine einst als Seelenthrone für die Geister der
Abgeschiedenen galten. Im Gebiet von Carnac gibt es etwa dreitausend solcher
Menhire und eine große Zahl von Dolmen, Zeugen, die für die These vom Totenkult
in frühester Zeit sprechen.
Totenkult und Totenfurcht sind aber auch
für das bretonische Wesen überaus spezifisch. Eine große Rolle spielt der Tod
zum Beispiel in den bretonischen Märchen. Welch bedeutsame Zeichen sind
Totenkopf oder Knochenmann an einer Kirchenwand oder am Weihwasserbecken, wie
etwa bei La Roche-Maurice, wo unter dem Totenkopf, der durch die Witterung
gespenstisch verändert ist, die drohenden Worte zu lesen sind: „Ich töte euch
alle.” Ich töte euch alle — will auch der Totentanz in der Kirche von Kernvaria
sagen, an dem man keinesfalls vorübergehen sollte.
Aus der Todeseinstellung der Bretonen
erklärt sich vielleicht am deutlichsten, wie es zum Bau der Calvaires kommen
konnte. Die Heilserwartung musste einen stets sichtbaren Ausdruck finden, durch
die Darstellung von Passion und Auferstehung. So wird aus Kirche, Friedhof,
Calvaire und Ossuaire (dem Beinhaus) ein in sich geschlossener geweihter Bezirk,
der manchmal noch durch ein Triumphtor gekrönt wird. Durch dieses Tor — das
Seelentor — wurden die Toten getragen und im Schutz des heiligen Bezirkes zur
ewigen Ruhe gebettet, um ihrer Auferstehung entgegen zu schlafen. Diese
Wahrzeichen spezifisch bretonischer Kunst, die nirgends eine Wiederholung finden
und unverständlicherweise bisher nahezu unbekannt geblieben sind, wenigstens für
uns Deutsche, entstanden vornehmlich im 16. und 17. Jahrhundert — in einer Zeit
der Religionswirren, von denen die Bretagne aber vollkommen verschont blieb.
Hier ist es eine Zeit des Wohlstandes, in der die einzelnen Gemeinden und
Pfarrherren miteinander wetteifern, wer die schönste Kirche, den höchsten
Kirchturm, den figurenreichsten Calvaire, das prächtigste Beinhaus hat. Der
Bischof de Neufville rühmt sich, in seiner Diözese allein fünftausend
Steinkreuze aufgestellt zu haben. Heimische Steinmetze wissen mit dem ungemein
harten Material umzugehen und ringen ihm wundervolle Skulpturen ab, die durch
ihre archaische Strenge einerseits, ihren lebensvollen Enthusiasmus andererseits
den Betrachter ebenso ergreifen wie verblüffen.
Manchen Calvaire muss man immer wieder
umwandern, um allmählich den Figurenreichtum zu entwirren, wie etwa in Guimiliau,
wo an zweihundert Figuren am steinernen Passionsspiel beteiligt sind. Der
älteste Calvaire — 1480 entstanden — liegt in großer Einsamkeit und Öde am Meer,
in der Bucht von Audierne: Notre-Dame-de-Tronoen. Neben der kleinen Landkirche
erhebt sich ein mächtiger rechteckiger Steinklotz, auf dem in zwei übereinander
liegenden Friesen das Leben Christi dargestellt ist. Da finden wir die Jungfrau
im Wochenbett, mit langen offenen Haaren und unschuldig entblößter Brust,
ergeben die Hände nach dem Christuskind ausstreckend, das bereits mit Krone und
Weltenkugel der Herr der Welt ist. Schönster Ausdruck menschlicher Verbundenheit
ist die Begegnung Marias mit Elisabeth. Die Taufszene im Jordan erscheint gleich
zweimal nebeneinander, und wehmutsvoll steht die Mutter Gottes am Fuße der
Kreuzigung: eine echte mater dolorosa. Unvergesslich an diesem Kalvarienberg ist
nicht die Darstellung allein, sondern auch jene Metamorphose, die die salzige
Meerluft, die tosenden Stürme, die sengende Sonne bewirkt haben. Geätzt,
zernagt, zerrieben, mit Flechten und Moosen überzogen, hat der Stein seine
ursprüngliche äußere Form und Gestalt weitgehend eingebüßt, das dargestellte
Geschehen aber an Eindringlichkeit gerade dadurch gewonnen.
Gar nicht so weit von Notre-Dame-du-Tronoen,
beim Leuchtturm Eckmühl, liegt die Kirche Notre-Dame-de-la-Joie. Welch ein Name!
Welch herzbewegende Geschichten erzählen die Votivgaben im Inneren der Kirche;
bemalte Schiffe, Schiffe in Flaschen – rührende Basteleien –, Opfergaben aus
Seenot erretteter Menschen. Neben dieser Kirche steht ein Kreuz mit einer
wundervollen Pietå, am Sockel mit der Jahreszahl 1588 gezeichnet. Die höher
stehenden Gestalten aber, die so genannten Assistenzfiguren, tragen wehende
Bärte und Perücken aus jener eigenartigen Flechte, die die Meeresluft am Granit
wachsen lässt.
So hat jedes Kreuz und jeder heilige
Pfarrbezirk seine eigene Sprache und Wirkung. Man sollte es begrüßen, wenn die
Sonne ihr Haupt verhüllt, weil dann der Reisende die Küste mit gutem Gewissen
verlassen kann, um die Schätze des Landesinneren zu suchen. Gebettet in die
typische Pflanzenwelt, wie leuchtenden Stechginster, violette Heide und das
kräftige Grün der oft mannshohen Farne, liegen die kleinen Landkirchen, deren
Dächer sich tief zur Erde hinabneigen. Jede Kirche ist es wert, betreten zu
werden. Es gibt köstliche Überraschungen: geschnitzte Deckenbalken mit höchst
weltlichen Darstellungen, bemalte Tonnengewölbe, umgekehrten Schiffskielen
gleichend. Und dann die Ruhe! Diese wundervolle Ruhe.
Die Bretagne ist das Land der Calvaires und
der Kirchen, aber auch der Pardons, jener einzigartigen Wallfahrten, die auf
eine alte gallische Tradition zurückgehen und sich allein in der Bretagne
erhalten haben. Selbst Stendhal ließ sich von der tiefen Frömmigkeit der
Wallfahrer bewegen, die mit ihren kostbar bestickten Kirchenfahnen und den
Reliquien ihrer Heiligen den Pfarrbezirk umschreiten bis zur heiligen Quelle,
der Ursache der meisten Kirchengründungen zu früherer Zeit. Die Messe wird unter
freiem Himmel gehalten, meist nahe dem Calvaire, den die Gläubigen so eingehend
betrachten, als sähen sie ihn zum ersten Male. Nach der Prozession werden sie
ihn ungeniert als Sitzplatz benutzen und sich an den mitgebrachten Speisen
laben. Man lagert sich in den Wiesen, freut sich herzlich des Wiedersehens mit
Freunden, geht auch wohl wieder in die Kirche, um mit den Heiligen ein ganz
persönliches Anliegen zu besprechen, küsst andächtig die Mutter Gottes auf beide
Wangen und verschwindet schließlich in den niederen Gaststuben zu einem
gründlichen Festschmaus. Man hat die Bretagne nicht erlebt, wenn man bei keinem
Pardon dabei gewesen ist. Besonders beeindruckend ist es, festzustellen, auf
welch freundschaftlichem, ja geradezu vertrautem Fuß die Bretonen mit ihren
Heiligen leben, von denen 7777 verehrt werden. Sie sehen es als ihr gutes Recht
an, diese Heiligen auch zu beschimpfen oder zu bestrafen, wenn Wünsche nicht in
Erfüllung gehen. Der bretonische Glaube ist ein so sinnenhafter, dass er seine
Heiligen nicht nur sehen, sondern auch fühlen will, und so birgt jede Kirche
unzählige überaus farbige Heiligenfiguren, mit denen manchmal recht derb
umgegangen wird. Dem hl. Guirec zum Beispiel zerstachen die Mädchen mit einer
Nadel die Nase, um ihn zu erinnern, dass er ihnen einen Mann zu besorgen habe.
Sie täten es sicher noch heute, wäre der Heilige nicht unterdes in Sicherheit
gebracht worden.
Das Bild der Bretagne wäre nicht
vollständig, wenn man nicht der überall gepriesenen "fruits de la mer" gedächte
– überhaupt der lukullischen Genüsse. Vielleicht ist es ein wenig beschämend,
aber doch verzeihlich, gleich nach den Heiligen von den Gaumenfreuden zu
sprechen, da die Bretonen sich auch gern die Legende erzählen, in der der liebe
Gott, von St. Peter und St. Johann begleitet, auf dem Weg zwischen Rennes und
Bain in ein Wirtshaus einkehrt, um ein Omelette mit Speck und Kalbskopf zu
verzehren, ein ebenso wohlschmeckendes wie herzhaftes Gericht der bretonischen
Küche, ganz den Bedürfnissen von Menschen angepasst, die sich gegen die Gewalten
der Natur behaupten müssen. Der Gast wird verwöhnt! Es ist kaum zu glauben, dass
so köstliche Dinge wie Hummer, Langusten, Krebse, Krabben und Austern zum Menü
gehören, das freilich auch nicht gerade billig ist. Im Gebiet von Roscoff
gehören Artischocken zur Vorspeise, und in Plougastel wird man mit
unvergleichlichen Erdbeeren zum Nachtisch bedacht.
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