|
Eine Hallig, so denkt der Mensch im Binnenland, das ist so
ein Erdhügel mitten im Meer. Man betrete ihn sicherheitshalber nur mit einem
Rettungsring, weil bestimmt gleich die gefürchtete Meldung „Land unter” gegeben
wird. Eine Hallig – das Wort steht für Einsamkeit und Sturmgebraus, für Unbill
der Natur, für das Karge und Weltvergessene. An das Paradies denkt man nicht –
und doch wird es dort gesucht und gefunden.
Autos sind nicht willkommen. Das ist den meisten unfassbar,
wenigen sehr lieb. Wir nahmen den Zug bis Husum und dann den Bus, auf den sich
ein abenteuerliches Volk stürzt: Pfadfinder, Großstadt-Familien, friesische
Bauern.
Das Ziel ist der Fähranleger Schlüttsiel, von dem aus die
Fähren der
Wyker Dampfschiffs-Reederei die Halligen
Hooge und
Langeneß sowie die Insel
Amrum anlaufen. Insel und Hallig – das ist ein Unterschied, der dem Fremden
nicht unbedingt auffällt, für die Bewohner aber entscheidend ist. Eine Hallig
besitzt keine Winterdeiche und ist daher weniger gegen Sturmfluten geschützt.
Den Schutz bieten die Warften, drei bis vier Meter hohe
Erdhaufen, die sich von fern wie Maulwurfshügel aus der Nordsee erheben, für den
Schiffsreisenden scheinbar ohne Landverbindung untereinander, bis er beim
Näherkommen dann doch die verbindende Uferlinie erkennt. Auf Hallig Hooge gibt
es gleich zehn bewohnte Warften. Hier wohnen auf 570 Hektar 81 Menschen, die
eine Schule, eine Kirche und einen Friedhof haben. In der zentral gelegenen
Hanswarft gibt es sogar einen Laden, in dem man fast alles kaufen kann. Von da
startet auch täglich ein rollendes Lebensmittelgeschäft, um die Bewohner und
Gäste der anderen Warften zu versorgen.
Die Gäste werden mit Pferdewagen von den Schiffen abgeholt
und lernen bald den Gezeitenkalender studieren, denn
Ebbe und Flut bestimmen das
Leben auf einer Hallig. Wenn sich der „blanke Hans” bei auslaufendem Wasser um
viele Kilometer zurückzieht, entsteht die Zauberwelt der Wattlandschaft. Es ist,
als würde sich der Schöpfungsakt mit der Teilung von Wasser und Land täglich neu
vollziehen.
Jedes Mal überfällt den Menschen der unbezähmbare Drang, den
immer wieder jungfräulichen Boden neu zu betreten, hinaus zu wandern, dem
scheinbar abkippenden Horizont entgegen, wo die Ausflügler zu winzigen Punkten
zusammenschrumpfen. Blickt der Wanderer zurück, erlebt er eine Art Fata morgana.
Die Hallig hat sich wieder zu einer Perlenkette von Warften aufgelöst, die
eigenständig und zum Greifen nah in der spiegelnden Luft hängen.
Wanderer, lass dich nicht täuschen! Als Entfernungsmesser
dient jetzt deine Uhr, gilt die Zeit, das Gesetz der Tide. Am besten, man bricht
mit auslaufendem Wasser auf und wenigstens beim ersten Mal mit kundigem Führer.
Dann bleibt genügend Zeit, die Schönheiten des Watts zu studieren. Nach der
Schlickzone und dem Durchwaten der Priele, die bei Flut gefährlich hoch
anschwellen, beginnt die feinkörnige Sandwüste.
Das Meer hat viele seiner Urbewohner zurückgelassen, die nun
das Sammelfieber entfachen. Muscheln aller Farben und Formen bedecken
preisgegebenen Nordsee-Boden. Seesterne und kleine Krebse warten auf ihre
minimale Chance, vom zurückkehrenden nassen Element gerettet zu werden. Aber
wenn sie die Luft nicht tötet, werden Seeschwalben, Möwen und Austernfischer
üppige Beute machen. Die Ebbe ist die lange Tischzeit der Watvögel. Bei Ebbe
kann man sich auch sehr nahe an die Sandbänke der Seehunde heranpirschen.
Bemerken sie den Wattwanderer, stürzen sie aufgeregt ins noch verbliebene
Wasser.
Unsere Fußstapfen im Watt sind ein paar Stunden später von
der langsam, aber gefräßig vordringenden Flut wieder verschlungen. Der Weg zum
Japsand mit den Seehundbänken, der Weg nach Norderoog, wo ein einsamer Vogelwart
über die Kolonien der Brandseeschwalben gebietet, ist wieder abgeschnitten. Wenn
Sturm den anrennenden Wellen noch Schaumkronen auf die Kämme setzt, wird einem
plötzlich klar, woher das Wort elementar abgeleitet ist.
Das Schauspiel kann grandios werden. Wasser klatscht in
Brechern über die Ufersteine, Strandhafer duckt sich vor dem gebieterischen
Sturm, der um die friesischen Reetdächer heult, zornig über jeden Widerstand. Es
ist die Zeit, im Ölzeug auf der Hallig zu wandern, Salzgeschmack auf den Lippen,
freudige Unruhe im Herzen, weil die Entfesselung beeindruckt. Es ist etwas
Wahres an der Meinung von Halligfreunden, dass es hier kein schlechtes Wetter,
sondern allenfalls unpassende Kleidung gibt.
Das Wetter, von atlantischen Tiefs und dem nahen Golfstrom
bestimmt, gibt sich als Verwandlungskünstler. Eben noch streiften die jagenden
Wolken das Meer. Dann reißt die Sonne über den Inseln und Halligen wieder den
Himmel auf. Herbe Schönheit kommt zur Geltung. Grasnelken und Strandastern
wirken bunte Muster in den Wiesenteppich, auf dem das glotzäugige Rindvieh
weidet. Trecker, die wenigen Fahrzeuge auf der Hallig, holen die Heuernte ein.
Hunde und Katzen balgen sich auf den Warften. Der Fischer legt seine Netze zum
Trocknen und Flicken aus.
Uns war angeboten worden, mit einem Fischkutter zum
Krabbenfang auszulaufen. Aber für eine ganze Familie ist kein Platz. Auch der
einzelne darf keinen Komfort erwarten, dagegen mitunter rauen Seegang und den
Geruch von abertausend Fängen. Es ist empfehlenswert, sich vom letzten Fang
einen bescheidenen Anteil preiswert zu sichern. So lecker können Krabben
anderswo gar nicht schmecken. Allerdings geht die Krabbenfischerei langsam
zurück. Zu lange trat der Mensch als Ausbeuter und Verschmutzer der Natur auf.
Die jungen Leute sehen auf einer Hallig wenig Zukunftschancen. Das Festland
lockt. Nicht allein mit einer gesicherten Existenz, auch mit seinen Tanzschuppen
und Diskotheken.
Hierbei lässt es sich aussprechen: Wer organisierten
Unterhaltungsurlaub sucht, ist auf einer Hallig verkehrt. Das Programm wird
fast ausschließlich von der Natur bestimmt – auch das Nachtprogramm.
Die Warftbewohner haben den Mini-Tourismus gut im Griff. Er
ist fester Bestandteil ihres Budgets geworden.
Sturmfluten im Ausmaß von Naturkatastrophen gibt es
glücklicherweise nur im Rhythmus von Jahrhunderten. Sie dringen dann allerdings
tief in das Bewusstsein der Halligbewohner und erinnern sie stets daran, dass
der immerwährende Kampf um ihr Land keinen Sieger kennt.
|