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Sylt ist eine Reise wert. Es braucht dazu nicht mal einen
Rolls-Royce. Es tut auch schon ein VW. Der wird sich da, unter seinesgleichen,
sehr wohl fühlen. Mindestens 90 Prozent der Inselvehikel sind nämlich —
Familienwagen. Und Familien sind es denn auch, die auf Sylt den Ton angeben.
Playboys geben — wie andernorts — auch hier nur an. Das ist der Unterschied. Und
alle Leute gehen hier nackend. Am Strand tun es viele. Man kann wohl sagen: die
meisten. Möglicherweise wirst auch du es tun. Hast du allerdings keine Lust
dazu, dann lässt du's eben bleiben. Zwingen tut dich hier keiner. Lockt es dich
hingegen, dann tu es. Zunächst vielleicht in einer einsamen Düne. Das gibt's auf
Sylt auch heute noch. Da sieht dich kein Mensch. Deine Gefährtin natürlich
ausgenommen. Und für sie ist's ja nicht das erste Mal.
Glaub mir, bald schon wirst du dich unter deinesgleichen
wagen. Und wirst dich prächtig fühlen. Nach fünf Minuten hast du's bereits
vergessen. Scheu und Scham vor dem Nacktsein sind wie Schuppen von dir gefallen.
Und du spürst, dass es den andern ebenso ergeht. Nur das herrliche Gefühl einer
bisher kaum gekannten Natürlichkeit, eines hundertprozentigen Kontrasts zum
Alltag, das bleibt. Bei dir und den andern. Und das tut gut. Wer da noch vom
„beidseits der Wasserscheide verschmutzten deutschen Nordseestrand” oder von
„Sylt als dem Hort sexueller Libertinage” spricht, leidet an beinahe
aussichtsloser Verklemmung, von der ihn höchstens noch Sylt selber zu befreien
vermag.
Du hast immer noch Einwände? Dich bedrücken „die Liebestollen
im schmatzenden Watt” und „die Tabuknacker bei Buhne 16”?
Erbärmlicher, aus den Fingern gesogener
Illustrierten-Klatsch. Was dir bei Buhne 16, der berühmt-berüchtigten, am
ehesten widerfahren kann, ist die Zeugenschaft eines trauten Familienidylls:
M'uttchen häkelt an einem Schal für kühlere Tage und setzt Frikadellen fürs
Nachtessen in Aussicht. Papa kämpft mit seiner Bild-Zeitung gegen die steife
Brise aus Nord-West, und das halbwüchsige Ännchen baut versunken an seiner
wunderschönen Sandburg. Dass sie alle nackend sind, kümmert keinen.
Und dass der FKK-Strand von Sylt für Liebesspiele „geradezu
prädestiniert” sei und dementsprechend frequentiert werde, muss auch einer
erfunden haben, der nie oben war. Dieser Strand ist es zumindest nicht mehr als
ein anderer. Da gibt's nämlich noch jenes stachelige Dünengras, das Fähigkeiten
in der genannten Hinsicht voraussetzt, denen höchstens ein Fakir gewachsen sein
dürfte. Und ihrer gibt es sehr wenige auf Sylt.
Natürlich sieht man sie
gelegentlich, die Sylter Seglermützen auf ergrauten Schläfen — Verkörperung
sozusagen des Traums von tollem Leben, wilden Freuden und zügelloser Freiheit.
Natürlich gibt es sie, die alternden Sonnyboys, die nur darauf zu warten
scheinen, Bienen zu vernaschen oder, wie es in der Saisonsprache heißt, kleine
Störche abzureißen. Zumindest in ihrer blühenden Phantasie. In Wirklichkeit
allerdings beschränkt sich ihr Tun nicht selten auf das doch eher zweifelhafte
Vergnügen, klopfenden Herzens hinter einer Dünenbrüstung zu lauern, bis sich
eine freizügige Sonnenanbeterin von brutto in netto verwandelt. Warum sollte es
schließlich am Nacktbadestrand weniger Voyeure geben als in der Großstadt? Mit
dem Unterschied allerdings, dass die Heilungsaussichten am erstgenannten Ort
beträchtlich höher einzuschätzen sind. Warum? Weil man — wie schon Norman Mailer
unwidersprochen festzuhalten wusste — man einer Frau, wenn sie lange genug nackt
gewesen ist, gerne wieder in die Augen sieht.
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