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Tief im Land versteckt, nur selten mit einem Dorf verbunden,
verbergen sich die westfälischen Wasserschlösser, die weit weniger bekannt sind
als die Burgruinen am Rhein und die Barock- und Renaissanceschlösser in Bayern
oder die an der Weser und der Saale. Man muss die Wasserburgen im Münsterland
suchen, obwohl es auf diesem kleinen Raum mehr als hundert gibt. Irgendwo in
vornehmer Einsamkeit beginnt in der Weite meist eine Ulmen- oder Eichenallee,
dann eine Gräfte, ein dunkler Wassergraben und noch einer, Teiche, Zugbrücken,
Tore — und da ragt aus dem Wasser ein Schloss, asymmetrisch zumeist, mit
Wehrtürmen und Schiefer gedeckten Hauben, mit Kapellen und Pavillons, klare,
zurückhaltende Bauten, schlicht Haus genannt, manchmal mittelalterlich
martialisch, manchmal Barock- und Renaissanceverzierungen wie Orden tragend.
Manche stehen auf künstlichen Inseln in kulissenloser Landschaft, andere wie
Märchenschlösser auf Parklichtungen.
Aber sie wirken, vom schützenden Wasser umgeben, das noble
Distanz schafft, abweisend und unnahbar, auch wenn viele fürs Publikum geöffnet
sind.
Selbst wer die Heimatliebe der Westfalen, die beharrlich ist
wie nur noch die der Bayern, gering schätzt und belächelt, dass Renaissance und
Barock sich hier verspätet einstellten und der europäischen Entwicklung
hinterherhinkten, wird sich doch der Harmonie dieser Architektur, dem
Zusammenspiel von spiegelndem Wasser und farbigen Steinen, von Türmen und Himmel
mit schweren Wolken, von vielfältigen Dächern, Erkern und Innenhöfen und
mächtigen Baumwipfeln, von Kunst und Natur nicht entziehen können. An den
Wasserburgen und -schlössern lassen sich typisch westfälische Wesenszüge
ablesen: Verhaltenheit und stolzer Eigensinn, traditionsverhaftete Herbheit und
Schlichtheit. Alles Aufgeblasene, Prahlerische und überschwänglich Irreale, das
dem Barock anhaftet, wurde auf ein praktisch brauchbares und ästhetisch
legitimes Maß zurückgeführt. Die Formverspätung lässt sich als souveräne
Freiheit gegenüber dem Zeitgemäßen, den Sensationen und Extravaganzen verstehen.
Die Einrichtungen und Gemälde der Schlösser, die Besucher
empfangen, sind oft mehr von historischem Interesse als künstlerisch sehenswert.
Man muss auswählen und greift am besten zu einem Dehio und Reclam's Kunstführer.
Aber holt man sich Rat und Auskunft im Verkehrsamt oder im Landesmuseum zu
Münster, so erfährt man auch etwas von dem Respekt, den das Bemühen der heutigen
Schlossbesitzer verdient, die mit Holzwürmern und Steuereinnehmern kämpfen und
unter manchem persönlichen Verzicht die Kulturwerte erhalten, die ihnen „am
Halse hängen”.
Der Staat, die Denkmalspflege hilft, wenn die Wasserburgen
für Besucher geöffnet werden. So entstanden Schlosshotels mit gedrechselten und
kunstvoll geschnitzten Himmelbetten, die von Pächtern geleitet werden. In
Schlosskapellen und Rittersälen werden gern aufwendige Hochzeiten gefeiert,
tagen Kongresse, finden große Diners statt. In einigen Schlossanlagen sitzen im
Sommer die Besucher im Kaffeegarten vor einer Parkkulisse mit Pergolen und
Sandsteinfiguren, während die Besitzer sich in die ehemaligen Marställe
zurückgezogen haben und dort in einer Wohnkultur leben, die immer noch feudaler
ist als in Bürgervillen und Bungalows – Pferdeställe der Wasserburgen waren
nicht selten mit Delfter Kacheln ausgekleidet. Aber es gibt keinen Bedford im
Münsterland, der die zahlenden Schlossgäste mit Witz und Werbegags heranholt.
Auffallendes wird hier auf dem Lande nicht geschätzt. Der Land- und
Forstwirtschaft, den Weideflächen, den Pferden und Kühen, der Jagd gilt
vornehmlich das Interesse der Bewohner. Man kann hier auch nicht wie in
Frankreich ein ganzes Schloss mieten, um ein Fest „wie ein Adliger” zu geben,
wenn man das Geld hat.
Aber immer mehr Herrensitze, die in Westfalen so zahlreich
sind wie nur noch in Franken, wenn auch dem Verfall noch nicht ganz so zahlreich
preisgegeben wie dort, wechselten den Besitzer, wurden „revitalisiert”, als
Universität, wie das Münsteraner Schloss oder wie Nordkirchen, das „Westfälische
Versailles”, das etwas pompös in der bäuerlichen Landschaft steht und
Finanzschule wurde. Auch in Handwerksschulen, Altersheime, katholische
Jugendburgen (Gemen) verwandelten sich die Schlösser. Viele sind ramponiert und
verloren allen Glanz. In kleineren Häusern versuchen Industriekapitäne, viele
Neureiche zu residieren, mit Privatflugplatz natürlich und geschärftem Hunger
nach sozialem Prestige, bestrebt aus der Gleichmacherei auszusteigen, je mehr
sich die sozialen Unterschiede verwischen und je geringer die Aussichten werden,
gesellschaftlich aufzusteigen.
Wer eine Münsterländer Wasserburgenfahrt unternehmen will,
steht vor einer Entdeckungsreise, die ihn ästhetisch beglücken wird wie viele
Exkursionen in den Bereich der Kunst, wenn er Sinn dafür hat. Eine Reise, die
intimen Geschichtsunterricht vermittelt, die nicht gerade rühmliche
Vergangenheit erhellt, mit dem rücksichtslosen Streben des Adels nach Macht und
Einfluss, den mutwilligen Händeln, Jahrhunderte, in denen Fron, Zwang, Gewalt
herrschten, Irrwege der Geschichte, aus denen wir lernen sollten.
Von den älteren wehrhaften Rundburgen ist im Norden des
Münsterlandes das von breiten Gräften umgebene Schloss Burgsteinfurt, im Besitz
des Fürsten zu Bentheim-Steinfurt, am besten erhalten, im Süden Burg Vischering
im Kreis Lüdinghausen, der sich verdient macht durch die sorgfältige
Rekonstruktion des komplizierten Graben- und Wassersystems der Teichanlagen bis
zu den Auen des Flüsschens Stever. In der mittelalterlich robusten Anlage wird
seit kurzem eine noch nicht ganz überzeugende landeskundliche Ausstellung
gezeigt, mit zusammengesuchten Exponaten, emotionell in der Tendenz.
Hinter Burgsteinfurt ist ein kleines Renaissance-Schloss,
Haus Welbergen, eine holländische Stiftung, fürs Publikum offen
(Besichtigung nach Vereinbarung). Es hält die Verbindung zum Nachbarland.
Der Drostehof Wolbeck, nahe bei Münster, das imposante
Schloss Lembeck, im
Besitz von Graf Merveldt'sche Rentei, sind
wohl die bekanntesten. Unweit von Recklinghausen liegt das altersgraue Lembeck,
eingebettet in die Wiesen und Wälder der einstigen „Herrlichkeit”, in der die
Gerichtsbarkeit ausgeübt wurde. Es ist eins der feudalsten und eigenwilligsten
Wasserschlösser. Wie es die Barockzeit liebte, sind Allee, Vorburg, Wohnburg und
die Gartenarchitektur auf eine Längsachse ausgerichtet, die sich in die
Unendlichkeit der flachen Landschaft verliert. Den großen Saal, einen der
schönsten in den münsterländischen Schlössern, baute Johann Conrad Schlaun aus.
Lembeck wird von besonders vielen Menschen besucht, aber der Strom der Gäste
verteilt sich in den großzügigen Anlagen. Die Hauptburg ist heute Museum. Der
berühmte Schlaunsaal, Lüster und Portraits, flandrische Gobelins, Möbel,
Porzellan und die Goldkette des Wiedertäufer-Königs Jan van Leyden sind Zeugen
einer reichen Geschichte. In einem Flügel werden als Dauerausstellung des
Landesmuseums Münster Bilder des Malers Hubertus Graf von Merveldt gezeigt.
Die vielen Schlösser im Münsterland sind so verschieden wie
griechische Inseln. Jedes hat seinen persönlichen Charakter bei allen
verbindenden Merkmalen der Stilepochen. Sie liegen versteckt, aber sie wollen
gefunden werden.
Pferdegetrappel und Waffengeklirr sind verstummt, feudale
Feste des Adels finden nur noch selten und im bescheidenen Rahmen eines
rustikalen Festzeltes statt. Aber die Schönheit, die verhaltene Stimmung sind
geblieben und ein eigenartiger Zauber, Charme und Melancholie des Verfalls. Es
ist die Begegnung mit den letzten Sauriern und weißen Elefanten. Umgeben von
Pfauen, Schwänen und Unkenruf.
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