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Theaterlandschaft Nordrhein-Westfalen

 

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Der Publizist Eric Reger aus Essen, später erster Herausgeber des Berliner Tagesspiegels, schrieb 1925: "In keiner anderen Gegend Deutschlands gibt es auf so engem Raum so viele Theater wie im Industriebezirk an der Ruhr. Thüringen vielleicht ausgenommen. Aber die Thüringer Theater sind Gründungen einer alten, stolzen, höfischen Kultur, stehen in gut bereitetem Boden und können Krisenzeiten, wenn auch nicht ohne Erschütterung einzelner Tragpfeiler, so doch ohne Schädigung des Gesamtfundamentes überstehen. Die ältesten Bühnen an der Ruhr leben erst einige Jahrzehnte und ihr Leben war niemals leicht. Sie stehen in Städten, die über Nacht geworden sind, in die aus allen Teilen Deutschlands heimat- und ziellose Menschen zusammenströmten, weil hier Geld verdient wurde".

Eine Beschreibung, die nach 1945 auch für das neue Land Nordrhein-Westfalen zutraf. Beide Landesteile haben keine großen Theatertraditionen vor dem 20. Jahrhundert. Es gab keine Metropolen im Lande, keine Königs- und Fürstenhäuser mit Theatermäzenen und auch lange keine stabilen Zentren, die um große Autoren, Regisseure oder Schauspieler und ihre Theaterideen, wie die Nationaltheateridee im 19. Jahrhundert, entstanden. Von wenigen Ausnahmen abgesehen haben die Theater in NRW eine ebenso kurze wie bewegte Vergangenheit. Zwei Theater allerdings haben in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine sogar international gewürdigte Spitzenstellung erreicht: das 1919 neu gegründete Schauspielhaus der Stadt Bochum mit seinem bis 1949 amtierenden Intendanten Saladin Schmitt, der sich mit seinem heroisch-prunkvollen, konservativen Theaterstil und einer konsequenten Klassiker-, vor allem Shakespeare-Pflege einen Namen machte. Mehr noch aber das 1904 von Luise Dumont und Gustav Lindemann gegründete Düsseldorfer Schauspielhaus, das einem genau entgegengesetzten, modernen Theaterverständnis entsprang: Zeitgenössisches Drama, vor allem das der Naturalisten und Realisten, wollte man dem Publikum in einem schlichten, klaren, unverschnörkelten Inszenierungsstil bieten: "Ich spiele Dichter", war das Motto Lindemanns. Wort und Schauspielkunst und nicht Dekoration und Deklamation sollten das Zentrum der Aufführungen bilden.

Zwar schlossen die Nationalsozialisten unmittelbar nach der Machtergreifung das Düsseldorfer Schauspielhaus — trotzdem hat es nachhaltig auf das deutsche Nachkriegstheater gewirkt. Aus seiner Ausbildungsstätte, der Hochschule für Bühnenkunst, kam der "Star" des deutschen Theaters der 40er und 50er Jahre, Gustaf Gründgens, von 1947 bis 1955 Generalintendant der Neuen Düsseldorfer Schauspielhaus GmbH. Auch sein Nachfolger, Karl-Heinz Stroux, fühlte sich der Dumont/Lindemann'schen Theaterauffassung verbunden. Ebenso Schnitts Nachfolger in Bochum, Hans Schalla, der in Düsseldorf mit Lindemann und Grundgens zusammengearbeitet hatte. Und viele andere berühmte Schauspiele/, Regisseure, und Theaterleiter stellten sich bewusst in diese Tradition.

Nach dem Zweiten Weltkrieg waren zwar fast alle Theater im Rheinland und in Westfalen zerstört, aber der große Kulturhunger der Menschen und die Leidenschaft der Theatermacher führten dazu, dass in den meisten Städten bereits wenige Monate nach Kriegsende wieder Theater gespielt wurde: in Schulaulen oder Turnhallen, Gaststätten oder Festsälen. Und fast alle Städte bauten ihre Theater in den 50er und 60er Jahren neu oder wieder auf— als Symbol einer urbanen und humanen Stadtgesellschaft, die ihr Theater als kulturelles Zentrum verstand und nutzte.

Heute gibt es 18 Stadt- und Landestheater in Nordrhein-Westfalen von Bonn bis Bielefeld, von Aachen bis Paderborn. Dazu kommen seit den 70er Jahren ungezählte "freie" Theater als alternative Gründungen mit künstlerisch und organisatorisch innovativem Anspruch und mehr oder weniger bescheidener öffentlicher Förderung — über 200 gibt es heute in NRW.

Von den 18 Bühnen sind nur zwei, und bezeichnenderweise die beiden kleinsten, nach 1945 entstanden: das Schlosstheater Moers und die Burghofbühne Dinslaken, beide private Gründungen. Moers, 1969 von Holk Freytag mit eindeutig politischer Stoßrichtung gegründet als mobiles Schultheater der Sozialistischen Bildungsgemeinschaft Moers, einer Kulturorganisation der SPD, wurde erst 1975 Stadttheater. Die Burghofbühne begann 1951 als private Initiative der politisch engagierten Schauspielerin Kathrin Türks: Sie kam von Düsseldorf nach Zinslaken, uni Theater für Bergleute zu machen. Daraus wurde ein Landestheater, getragen von mehreren Städten und Kreisen und zu 50% vom Land mitfinanziert.

Nach dem Kriege neu gegründet wurde auch eine überraschende Vielzahl von großen und kleinen Theaterfestivals, an der Spitze die 1947 gegründeten Ruhrfestspiele in Recklinghausen.

Anders als die meisten anderen Bundesländer ist Nordrhein-Westfalen das Land der kommunalen Theater. Während z.B. in Bayern, Baden-Württemberg, Hessen aus historischen Gründen der Typus des Staatstheaters überwiegt, gibt es in NRW die Stadttheater als bewusste Gründung der aufstrebenden (Industrie-)Städte. Das Land beteiligt sich minimal — der Zuschuss beträgt heute ca. 7-8% der Theateretats. Die erhöhten jährlichen Schlüsselzuweisungen des Landes an die Theater tragenden Städte können zwar als zusätzliche Unterstützung angeführt werden, über die Verwendung dieser Gelder bestimmen die Kommunen jedoch autonom, sie müssen sie nicht zweckgebunden für ihre Kultureinrichtungen einsetzen.

Neben den Theaterfestivals, bei denen die Landesregierung sich in den letzten Jahren immer stärker engagiert, gibt es nur zwei Sonderfälle einer 50%igen Mitfinanzierung: Zum einen bei der Neuen Düsseldorfer Schauspielhaus GmbH, dem "Hauptstadttheater", deren gemeinsame Gesellschafter zu je 5()% Stadt und Land sind; zum anderen bei den vier Landestheatern in Dinslaken, Castrop-Rauxel, Detmold und Neuss, die regelmäßig eine Reihe von Städten neben ihrer Sitzstadt bespielen und von diesen mitfinanziert werden.

Über die bewusste Setzung finanzieller Anreize etwa für Kooperationen und gezielte Projektförderungen landespolitisch bedeutsamer Theaterereignisse und Festivals nimmt das Land durchaus Einfluss auf die Entwicklung der Theaterlandschaft Nordrhein-Westfalens. Diese Förderinstrumentarien greifen insbesondere dort, wo es um Ausbau oder Bewahrung einer nationalen oder internationalen Spitzenstellung für die Theaterkunst in NRW geht. Die Bedeutung des Theaters als Imagefaktor oder kultureller Exportartikel ist gerade in den letzten Jahren enorm gewachsen. Dagegen bleibt die Pflege der identitätsstiftenden, städtische und regionale Besonderheiten spiegelnden Theatertraditionen Aufgabe der Kommunen.

NRW verfügt heute über eine bunte Theaterlandschaft mit großen und kleinen, städtischen und Privattheatern — und seit gut 15 Jahren auch über einige Musicalhäuser. Seine fast 18 Millionen Einwohner werden flächendeckend mit Theaterangeboten versorgt — und sie haben sie lange Zeit mit großer Begeisterung, wenn auch nicht immer mit Zustimmung wahrgenommen. In den frühen Jahren war es der große Hunger auch nach geistiger Nahrung, die man lange vermisst hatte — in einer historischen Parallele den Gründungsakten vieler kommunaler Theater nach dem Ersten Weltkrieg vergleichbar. Dann war es die Aufbruchsstimmung, die Neugier auf die neue deutsche Literatur und das Theater des Auslands in den 50er und 60er Jahren, schließlich die wilden politischen 70er Jahre, die sich auch auf dem Theater und in seinen Stücken widerspiegelten. Sie sorgten für volle Theater, viele Abonnenten und erfolgreich arbeitende Besucherorganisationen. Durchschnittlich waren die Theater in jenen Jahren zu über 90% gefüllt — eine Zahl, von der Theaterleitungen und Kommunalpolitik heute nur träumen können. Die Theater waren konkurrenzlos die kulturellen Mittelpunkte ihrer Städte, ihr Bildungs- und Aufklärungsauftrag war unbestritten.


 

 
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