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Der Pott muss in den Pott. So titelten etliche Zeitungen, als 1997 die
Revierklubs Schalke 04 und Borussia Dortmund im UEFA-Pokal bzw. in der
Champions-League das Finale erreichten. Als beide Mannschaften die europäischen
Pokale nach Hause brachten, gratulierte sogar Deutschlands einzig anerkannter
monarchischer Herrscher, Kaiser Franz (Beckenbauer): Deutschlands Fußballherz
schlägt im Revier. Zu diesem Zeitpunkt war auch die politische Klasse des
Ruhrgebiets entzückt vom sprachlichen Rückgriff auf alte Bezeichnungen der
ehemaligen Kohle- und Stahlregion, bei denen man schon fast denkt, die Zunge
habe sich vor Kohlenstaub schwarz gefärbt. Als jedoch der Kommunalverband
Ruhrgebiet 1998 seine neue Kampagne "Der Pott kocht" ins Leben rief, entsann man
sich vielerorts, dass man ja eigentlich von diesem Negativ-Image und dem
Klischee von Maloche, Umweltverschmutzung und kräftiger, aber dumpfer
Arbeiterschaft wegkommen wollte, die solche Begriffe wie "der Pott" oder »das
Revier« immer noch wecken. Dass die Ängste um eine Auffrischung alter Klischees
bzw. deren Verfestigung nicht aus der Luft gegriffen sind, und dass der Mythos
vom Bergmann an der Ruhr lebendig ist, zeigen auch neuere Umfragen. Noch 1993
beantworteten selbst 55 % (!) der Bewohner des Ruhrgebiets die Frage, ob die
Mehrheit der Revierbürger noch in der Montanindustrie arbeite, mit Ja. Dabei
waren es zum Befragungszeitpunkt in Wirklichkeit gerade noch knappe 9 %. Seither
ist der Anteil der Beschäftigten in der Montanindustrie noch einmal gesunken,
auf nun 5,7 % (1997).
Nordrhein-Westfalen ist nicht gleich Ruhrgebiet und Ruhrgebiet ist nicht gleich
Nordrhein-Westfalen. Die große Vielfalt des bevölkerungsreichsten Bundeslandes
drückt sich ja gerade durch das ebenso große Spektrum an Regionen aus, die zudem
noch miteinander verwoben sind: Siegerland, Bergisches Land, Niederrhein, Eifel,
Ostwestfalen, Lippe usw. Dem Ruhrgebiet kommt in der regionalen Betrachtung
allerdings eine Sonderrolle zu. Zum einen ist es ein hoch verdichteter Raum mit
einer großen Bevölkerungszahl, zum anderen erstreckt es sich über klassische
Regionalgrenzen und aktuelle Verwaltungsgrenzen hinweg. Bei der aktuellen
Diskussion um die Abschaffung oder Zusammenlegung der Landschaftsverbände und
des Kommunalverbands Ruhrgebiet ist — wie übrigens schon bei der Landesgründung
— ein gewichtiges Argument gegen die Schaffung eines eigenen Regierungsbezirkes
Ruhrgebiet die Tatsache, dass durch die überlappenden Grenzen industrialisierte,
dicht besiedelte Gebiete und eher ländliche Räume gemischt und damit lebensfähig
gemacht werden.
Anderseits argumentieren die Verfechter eines Regierungsbezirkes Ruhrgebiet,
dass ein solch verdichteter Raum eine einheitliche Verwaltung brauche, auch weil
das Revier nach innen und außen, vor allem über die deutschen Grenzen hinweg,
sonst nur bedingt als Region wahrnehmbar sei.
Ob die Region Ruhrgebiet ein eigenes Bewusstsein, eine eigene Identität
entwickelt hat, ist auch in der sozialwissenschaftlichen Forschung umstritten.
Gibt es die Ruhrgebietler überhaupt? Diese Frage ist nicht einfach zu
beantworten, und es ließen sich wohl leicht Argumente dafür und dagegen finden.
Zumindest in historischer Perspektive lässt sich relativ klar feststellen, dass
die Ausbildung eines gemeinsamen Bewusstseins extreme Schwierigkeiten hatte,
denn die Bevölkerung dieser alten Industrieregion war mindestens bis zum Ende
des Zweiten Weltkrieges entlang konfessioneller, ethnischer, sozialer und auch
ideologischer Konfliktlinien getrennt. Die Überwindung dieser Milieugrenzen war
lange Zeit sehr schwierig. Eine gemeinsame Identität wurde auch und vor allem
durch die Wahrnehmung des Reviers und seiner Bewohner von außen definiert. Auch
innerhalb der alten Provinzialverbände Rheinland und Westfalen wurde das
Ruhrgebiet lange im wörtlichen Sinne nur »am Rande« betrachtet, obwohl das
Ruhrgebiet eine, wenn nicht die traditionelle Klammer von Rheinland und
Westfalen ist.
Zwar nennt eine der ersten Fassungen der Präambel zur Landesverfassung das »Volk
von Westfalen, vom Rhein und von der Ruhr« als Verfassungsgeber; für
"Nordrhein-Ruhrgebiet-Westfalen" steht die Abkürzung NRW aber nicht, wie das
manchmal in regionalpatriotischem Überschwang geäußert wird.
Dass man heute die Frage nach den Grenzen des Ruhrgebietes damit beantworten
kann, "Ruhrgebiet ist da, wo man sich als Ruhrgebietler fühlt", liegt
wahrscheinlich vor allem an der besonderen Situation und Entwicklung seit 1945,
im Speziellen an den sozialen Faktoren, der Mitbestimmung und anderen konsensualen Formen der Konfliktlösung und auch an den Krisen der Montanregion,
die das Ruhrgebiet und damit auch Nordrhein-Westfalen in der Geschichte zum
"sozialen Gewissen der Bundesrepublik" gemacht haben und gleichzeitig auch nach
innen ein Wir-Gefühl haben entstehen lassen.
Seit den 70er-Jahren hat die Ruhrgebietsforschung Konjunktur, und auf diesem Weg
wurde auch das Regionalbewusstsein als weicher Standortfaktor entdeckt. Die
Kampagne des Kommunalverbandes "Das Ruhrgebiet — Ein starkes Stück Deutschland"
hat ihren Teil dazu beigetragen, überkommene Klischees abzubauen und eine sich
langsam entwickelnde Ruhrgebietsmentalität zu stützen. Dass diese sich
ausbreitet, kann man auch in kommerziellen Kontexten entdecken. Bildbände und
Bücher zum Ruhrgebiet gibt es inzwischen en masse, selbst "Märchen aus dem
Ruhrgebiet" sind veröffentlicht worden; die Fußballerbibel der Region ist die
Zeitung "Reviersport". Und schon zu Zeiten von "Tegtmeiers Reisen" des
Parodisten Jürgen von Manger, aber auch heute durch viele verschiedene Künstler
von Knebel bis Eckenga, trifft Ruhrgebiets-Mundart auf ein breites
Publikumsinteresse auch außerhalb des Reviers.
Andererseits lassen sich sehr wohl auch gegenläufige Tendenzen beobachten. Die
Stadt Dortmund bezeichnet sich lieber als Hauptstadt Westfalens. Sie tut dies
nicht nur, um sich gegen den großen westfälischen Gegenspieler Münster zu
behaupten, sondern auch, ganz marketing-orientiert, um vom vermeintlichen
Verlierer-Image des Ruhrgebiets wegzukommen. Und die größte Schwierigkeit
besteht vielleicht darin, dass das Ruhrgebiet in sich so groß, so
verschiedenartig und so bunt ist, ohne Zentrum mit Alleinvertretungsanspruch
zwischen den attraktiven Städten Essen und Dortmund, ohne kulturellen
Kulminationspunkt, dass die Integration der verschiedensten Identitäten einfach
zu schwierig (zu fassen) ist.
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