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In Nordrhein-Westfalen leben
überwiegend Rheinländer und den Westfalen. Das klingt einfach, aber bei näherem
Hinsehen tun sich Abgründe auf. Glaubt man dem Kölner Kabarettisten Jürgen
Becker in seiner WDR-Kult-Sendung Mitternachtsspitzen aus dem alten Wartesaal
des Kölner Hauptbahnhofes, dann gibt es nichts Gegensätzlicheres als diese
beiden Menschenschläge. Der Bonner Kabarettist Konrad Beikircher wird ihm sofort
beipflichten. Der Rheinländer schnell, der Westfale langsam, der eine fröhlich,
der andere nachdenklich, der eine leichtsinnig, der andere schwerblütig. Nur gut
katholisch, das sind sie beide — so das Klischee.
Rheinländer sind Wesen, die im
Paradies auf Erden leben. Aus Prinzip und überall. Der vom Schöpfer kleinlich
nachgetragene Sündenfall hat im Rheinland einfach nicht stattgefunden. So leben
die rheinischen Lieblingskinder Gottes sorgenfrei und angeheitert in ihrem
eigenen regenfeuchten Garten Eden vor sich hin. Ein ewiger innerer Sonnenschein
erleuchtet die Tiefebene, der als Frohsinn in die Welt ausstrahlt. Glaubt
man den Rheinländern, gibt es keine großzügigeren, offeneren, liebenswerteren,
attraktiveren, sympathischeren Menschen als sie selbst. Das teilen sie jedem
auch gern und ungefragt mit. Die Rheinländer sind grundsätzlich positive
Menschen. Egal, in welcher Bredouille sie stecken, egal, ob ihnen das Wasser bis
zum Halse steht: "Et is noch immer jot jejange."
Das klingt nach fröhlicher
Selbstzufriedenheit, wenn es denn stimmt, was Satiriker schreiben. Aber was ist
mit den Westfalen? Man nimmt sich im Rheinland nicht ganz so ernst - andere auch
nicht. Aber mit den schwerfälligen und schweigsamen Nachbarn haben es die
Rheinländer nicht leicht. Mit den Westfalen wurden sie bei der
Nachkriegsneuordnung der Republik in die Zwangsjacke Nordrhein-Westfalen
gesteckt, was nur schwer erträglich ist. Die Rheinländer haben bereits ihr
halbes Leben erzählt oder zumindest ihre halbe Krankengeschichte, da kratzen
sich die Landmänner und -frauen aus dem Norden immer noch am Kopf und versuchen,
den ersten Satz zu artikulieren. Westfalen wird, wo es nur geht, von den
Rheinländern weiträumig umfahren.
Nun müssen wir aber dringend die
Westfalen selbst zu Wort kommen lassen, wenn sie denn geneigt sind, das Wort
überhaupt zu ergreifen. Wer wäre bessere Zeugin als die große Tochter
Westfalens, Annette von Droste-Hülshoff? Sie schreibt in ihren Bildern aus
Westfalen: Wenn wir von Westfalen reden, so begreifen wir darunter einen sehr
großen, sehr verschiedenen Landstrich. Daher möchten wohl wenige Teile unseres
Deutschland einer so weitläufigen Beobachtung bedürfen. Es gibt ihn also nicht,
den Westfalen, nur regionale Ausprägungen, denn sie fährt fort: Der Sauerländer
freit wie ein Kaufmann, nämlich nach Geld und Geschicklichkeit, und führt auch
seine Ehe — kühl und auf gemeinschaftlichen Erwerb gerichtet. Der Münsterländer
freit wie ein Herrnhuter, gutem Rufe und dem Willen seiner Eltern gemäß, und
liebt und trägt seine Ehe wie ein aus Gottes Hand gefallenes Los, in friedlicher
Pflichterfüllung. Der Paderborner Wildling aber, hat Erziehung und Zucht nichts
an ihm getan, wirbt wie ein derbes Naturkind mit allem Ungestüm seines heftigen
Blutes.
Ungerecht ist die Literatur
schon immer mit den Westfalen umgesprungen. Hat doch schon der große Voltaire
über das derbe Leben in den westfälischen Bauernhäusern gespottet: In großen
Hütten, die man Häuser nennt, sieht man Tiere, die man Menschen nennt. Diese
leben auf die einträchtigste Art der Welt mit anderen Haustieren durcheinander.
Nicht zu vergessen auch der Rheinländer Heinrich Heine, der die östlichen
Nachbarn mit einer überraschenden Metapher liebevoll spöttelnd "sentimentale
Eichen" nannte. Die berühmte westfälische Dickschädeligkeit, Nüchternheit und
Bodenständigkeit: nicht nur aus dem Mund des rheinischen Luftikus klingt das
dann doch wie ein Kompliment. Oder ist es purer Neid der so wechselhaften
Flussanrainer?
Schon die Preußen hatten ihre
liebe Müh und Not, die beiden Stämme, Rheinländer und Westfalen, zu verwalten.
So konnte die Zusammenführung der Regionen Rheinland, Westfalen und Lippe-Detmold
immerhin an einige Kontinuitätslinien anknüpfen, was sich in der Ausbildung,
Weiterentwicklung und Überlagerung mehrerer "Teil-Identitäten" ausdrückt. Aber
auch heute kann man sich noch als Rheinländer, Westfale oder, auf kleinere
regionale Ebenen heruntergebrochen, als Sauer-, Sieger-, oder Münsterländer
angesprochen fühlen.
Lokale Identitäten in und
Rivalitäten zwischen Städten überdauern. Fragen Sie doch mal einen Kölner, was
er von der DEG, der Fortuna, von Altbier oder den Toten Hosen hält; oder den
Düsseldorfer, wie er zu KEC, FC, Kölsch oder BAP steht. Selbst
Stadtteil-Identitäten halten sich nicht erst seit der kommunalen Gebietsreform
hartnäckig. Oder regionales, integrierendes Bewusstsein frischt sich auf. Die
Verbundenheit mit räumlichen Einheiten ist eben nicht hierarchisch gegliedert.
Räumliche Großregionen des
Landes sind natürlich die auf NRW-Gebiet liegenden Teile der preußischen
Provinzen Rheinland und Westfalen. Bis heute haben rheinische, westfälische und
nicht zuletzt auch lippische Eigenheiten die landesgeschichtliche Entwicklung
überdauert, die auf die ausgeprägten jeweiligen kulturellen Eigenheiten der
Regionen zurückgeführt werden können. Die Rheinländer, durch die Französische
Revolution und französische Rechtstraditionen während der napoleonischen
Besatzungszeit beeinflusst, gelten als liberal. Den Westfalen hingegen wird ein
eher konservativer Charakter zugeschrieben. Im Übrigen sind die Rheinländer nie
in dem Maße regionalbewusst gewesen, wie es die Westfalen waren. Und beide
stehen noch weit hinter den Lippern zurück, die trotz der Abhängigkeit von ihrer
preußischen Umwelt schon Jahrhunderte lang politische Selbständigkeit und
Identität einüben konnten. Die rheinisch-westfälische Polarität jedenfalls hat
sich noch bei der Gründung des Landes in vielen Bereichen gezeigt:
Beispielsweise innerhalb der CDU in der Rivalität der beiden Landesverbände, die
irgendwie lange nicht miteinander konnten, oder dem Argwohn der Westfalen
gegenüber der Konzentration der hoheitlichen Landesaufgaben im rheinischen
Düsseldorf.
Die Polarität äußerte sich
bisher auch institutionell in den beiden Landschaftsverbänden Rheinland und
Westfalen-Lippe, die 1953 gegründet wurden, um als Mittelinstanzen zwischen der
Ebene des Landes und der Regierungsbezirke Aufgaben im kulturellen und sozialen
Bereich, im Straßenbau und im Gesundheitswesen zu erfüllen, welche die anderen
Ebenen nur schwer leisten können. Die Form ihres Fortbestandes ist jedoch noch
unklar.
Die Frage, ob der Strich im
Landesnamen denn nun ein Bindestrich oder ein Trennstrich sei, stellte sich
durchaus ernsthaft in der ersten Phase des Landes und war gar nicht so abwegig.
Andererseits gab es auch immer schon traditionelle Verbindungen zwischen beiden
Großregionen des Landes. Die augenfälligste ist seit jeher das
Ruhrgebiet, das sich über beide Landesteile
erstreckt. Schon im letzten Jahrhundert, wie im Übrigen auch noch in aktuellen
Schulatlanten, sprach man vom Rheinisch-Westfälischen Industriegebiet. Im
Übrigen waren Rheinland und Westfalen als Verwaltungseinheit zum Zeitpunkt der
Gründung von NRW erst 130 Jahre alt, denn auf dem Wiener Kongress 1815 wurden
die Regionen in dieser Form etabliert.
Doch diese Polarität, die in der
Startphase des Landes noch greifbar war, hat sich mittlerweile abgeschliffen.
Bereits 1978 fühlte sich Ministerpräsident Kühn am Abschluss seiner Amtszeit
bemüßigt zu sagen: Aus dem, was anfänglich ein Trennstrich war, ist endgültig
ein Verbindungsstrich geworden. Dass diese Aussage vielleicht ein wenig zu
politisch-emphatisch war, versteht sich von selbst, doch ein wahrer Kern steckt
wohl darin.
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