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Streifzug durch Brügge, Gent und Antwerpen

 

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In Brügge ist es an diesem Frühlingsmorgen ungemütlich kühl. Und es nieselt. Doch Kopf hoch. Es lohnt sich, am Regenschirm vorbei nach oben zu blicken — auch wenn die Haare nass werden: Links und rechts der Kopfsteinpflasterstraße recken sich Backsteinhäuser. Zwei, höchstens drei schmale, hohe Fenster breit. Eins neben dem anderen. Eins prächtiger als das andere — nicht protzig, eher stolz. Alle gekrönt von einem mächtigen Stufengiebel. Mit der Nähe zum Marktplatz rücken die Zeugen der Hansezeit, in der Brügge als Handelszentrum Europas größte Stadt nördlich der Alpen war, noch enger zusammen. Umso überraschender dann die Weite des Platzes — auch wenn er als Parkplatz genutzt wird.

Beherrscht wird der Markt vom 83 Meter hohen Belfried, dem Wahrzeichen der Stadt. 366 Stufen führen zur Spitze des Turmes. 47 Glocken (27 Tonnen schwer) bilden dort das Glockenspiel, das über den Markt hallt. Das neugotische Regierungsgebäude und prächtige Patrizierhäuser vervollständigen das eindrucksvolle Ensemble. Auf dem Burgplatz, gleich um die Ecke, sind Baustile aus mehreren Jahrhunderten vereint: die Heilig-Blut-Basilika (12. Jahrhundert), das Rathaus (14. Jahrhundert), und der Gerichtshof (18. Jahrhundert). Von der "Blinde Ezelstraat" fällt der Blick auf den 122 Meter hohen Backsteinturm der Liebfrauenkirche, die Michelangelos Skulptur "Madonna mit dem Kind" birgt.

Nicht weit entfernt von diesem Ort der Andacht liegt eine der ältesten Brauereien Belgiens: Das "Straffe Hendrik"-Bier wird schon in Quellen aus dem Jahr 1546 gelobt. Die Besichtigung führt aufs Dach der Brauerei. "Vorsicht, de Stufe sin ganz glattich", warnt der lustig radebrechende Führer angesichts der regennassen Treppe. Der Ausblick lohnt das Risiko. Er reicht auch in den Beginenhof (13. Jahrhundert), ein weiteres Prunkstück Brügges, das umgeben ist vom idyllischen "Minnewater". Die Sage sagt: Paare, die dort in der Neujahrsnacht auf der Brücke stehen, werden noch im gleichen Jahr vor den Traualtar treten. Brügge — eine Stadt für Romantiker.

Stunden-, wenn nicht tagelang können auch realistischere Zeitgenossen durch die Straßen und Gassen der alten Hansestadt schlendern — zumal aus vielen der motorisierte Verkehr verbannt worden ist. Immer wieder öffnen sich die Gassen zu kleinen, beschaulichen Plätzchen. Restaurants haben dort Korbstühle aufgestellt, die zum Rasten einladen. Oder die Wege stoßen auf eine der Grachten, die der Stadt den Beinamen "Venedig des Nordens" eingebracht haben. Oder sie führen zum "Vlissinghe" an der Bleekerstraat. Einer Kneipe, in der 1552 das erste Bier gezapft wurde. Dort gibt es noch die Stühle, auf denen Rubens und van Dyck beim Gerstensaft saßen. So versichert es jedenfalls der Wirt, und eine Rubenszeichnung an der Wand beweist, dass der Schankraum im Laufe der Jahrhunderte kaum verändert wurde — eine Kneipe mit Museumscharakter in einer Stadt mit Museumscharakter.

Gent, die alte Hauptstadt Flanderns und Rivalin Brügges über Jahrhunderte, hat in dieser Hinsicht den Anschluss verpasst. Der Unterschied sticht ins Auge. Im Vergleich zu Brügge, wo kaum ein Haus nicht sorgfältig restauriert, kaum eine Straße oder Gasse nicht blitzblank gefegt ist, wirkt Gent schmuddelig. Keine andere belgische Stadt besitzt so viele historische Gebäude. Doch an vielen der prachtvollen Fassaden haftet der Schmutz von Jahrhunderten. Mancherorts scheint der Verfall gar unaufhaltsam. Erst vor wenigen Jahren haben die Stadtväter den touristischen Wert der alten Patrizierhäuser und Kirchen erkannt. Erst langsam kommen Restaurierungsvorhaben zu einem Abschluss.

Trotz der Versäumnisse lassen die steinernen Zeugen die Bedeutung erkennen, die Gent als Zentrum von Handel und Politik im Mittelalter gehabt hat: Der Belfried, die St.-Baafskathedrale und das Rathaus, in dem 1576 der Friedensvertrag zwischen Katholiken und Protestanten unterzeichnet wurde. Die wohl schönsten Zunft- und Patrizierhäuser mit romantischen, gotischen und Renaissancestil-Elementen spiegeln sich im Wasser der Leie am Graslei-Kai. Dass in Gent auch heute noch gehandelt wird, zeigt sich freitags auf dem Vrijdagmarkt. Zahlreiche Händler schlagen dann dort ihre Stände auf. Wer dem Markttreiben zu einer Erholungspause entkommen will, kann in die "Dulle Griet" einkehren. In dieser Gaststätte, in der einige Dutzend der insgesamt 804 belgischen Biersorten ausgeschenkt werden, verlangt der Wirt vom Gast einen Schuh als Pfand für das Bierglas. Nicht weil er sich vor Zechprellern schützen will, sondern: Für jede Gerstensaftsorte gibt es in Belgien spezielle Gläser, zum Teil relativ kostbare — deshalb das Pfand.

Wem von Brügge kommend schon Gent als schmuddelig erscheint, der wird, wenn er sich auf der Weiterfahrt über den Ijzerenpoortkai und Visscrskai dem Zentrum Antwerpens nähert, die Hafenstadt als reichlich morbid empfinden. Entlang der Schelde steht zwar noch Halle an Halle — aber alle sind leer. Die Metalldächer rosten vor sich hin. Weit und breit sind keine Schiffskräne mehr am Kai zu entdecken. Viele Häuser stehen leer, die Fensterscheiben sind zerschlagen. Putz und Farbe bröckeln von den Fassaden. Vom regen Treiben eines Welthafens ist dort nichts mehr zu spüren, seit die Schiffe weiter im Norden festmachen und ihre Fracht aus aller Welt löschen.

Doch der erste Eindruck täuscht, wird beim Gang von der Schelde zum Grote Markt durch die Straßen der Hochstadt zurechtgerückt: Antwerpen ist wohl die lebendigste und weltoffenste Stadt Belgiens — auch wenn der Hafen in die Ferne gerückt ist. Es ist mit knapp 500.000 Einwohnern die größte Stadt des Landes, es ist die Stadt der Diamanten, es ist 1993 "Kulturhauptstadt Europas". Werke zeitgenössischer Künstler und großer Meister der Vergangenheit — Rubens, van Dyck, Jordaens, Brueghel — sind in den zahlreichen Museen zu bewundern. Neben Kongressen und Festivals haben folkloristische Veranstaltungen ihren Platz. Prächtige Bauwerke im Zentrum spiegeln die große Vergangenheit als Handelszentrum.

Beim Bummel durch die Straßen und Gassen der Stadt hört der Besucher förmlich den Pulsschlag des Lebens — besonders in den etwa 2500 Kneipen und Cafés pulsiert das Leben. In lauen Sommernächten stehen die Nachtschwärmer in der Pieter Potstraat bis in den frühen Morgen vor den Jazzclubs und Bistros. Eine Sperrstunde kennt das Gesetz im geselligen Belgien nicht. Wenn's draußen zu kühl ist, drängen sich die Gäste im Inneren umso mehr. Von der meist originellen Einrichtung der Kneipen ist dann leider nur wenig zu sehen. Im "Spiegelbeld" zum Beispiel sitzt der Zecher auf ausrangierten hölzernen Kinoklappstühlen oder Flugzeugsitzen. Und zum Telefonieren muss er unter die Dusche gehen, wo der Hörer über dem Warm-Wasser-Kran hängt.

Übrigens: Wissen Sie, wo der Besitzer einer Pommes-Frites-Bude 200.000 Euro Standmiete pro Jahr zahlen muss? Nein? Auf dem Brügger Marktplatz im Schatten des Belfrieds. Doch die Vorliebe der Belgier für ihre "Fritten" — und andere, weniger preiswerte kulinarische Köstlichkeiten — ist wieder ein Thema für sich.


 
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