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Mit der Transsibirischen Eisenbahn vom Pazifik zum Baikalsee

 

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Draußen wird es Nacht, der Zug hat Nachodka in der Abenddämmerung verlassen. Erst bei meiner Rückkehr sollte ich merken, dass es kein Zufall war: bei der Hin- und der Rückfahrt habe ich von folgenden Städten nichts gesehen: Sutschan, eine Stadt von 50.000 Einwohnern und Kohlegruben, Artjem, noch bedeutender, ebenfalls auf Kohlevorkommen hin gegründet, wo man jetzt aber auch Erdölvorkommen entdeckt hat, Ugolnaja, das auf der Binnengrenze zwischen Russland und Wladiwostok liegt; Spask Dalny mit seinen Maschinenfabriken, Ussuriisk, die Stadt der Nahrungsmittelindustrie mit mehr als 100.000 Einwohnern. Hier trifft die Transsibirischen Eisenbahn auf die ostchinesische Bahnlinie, die über Charbin nach Tschita führt und so die Verbindung von Wladiwostok nach Moskau um etwa einen Tag verkürzt.

Um sechs Uhr morgens fällt mein erster Blick aus dem Zug auf einen unendlichen, mit Wildgewächsen bestandenen Sumpf. Am östlichen Horizont erheben sich schwarz die Bergwälder der Sichote-Alin-Kette. So weit das Auge reicht - eine weite Fläche ohne einen einzigen Menschen, vom Wasser überschwemmt. Erst Stunden später nimmt man im Westen bläuliche Hügel wahr - die Hügel Chinas, der östlichen Mandschurei. Wir nähern uns Iman. Die Dörfer, die nun auftauchen, bestehen aus Holzhütten und sind von kleinen, mit Holzzäunen oder Planken umschlossenen Gärten umgeben. Die Straßen sind schmutzig, die Bewohner erinnern an die Ukraine. Auf jedem Bahnhof verkaufen Bäuerinnen mit Kopftüchern unter einem Schutzdach ihre Gurken und saure Milch. Barfüßige Kinder bieten Heidelbeeren an. Die Eisenbahn befindet sich in einem bejammernswerten Zustand. Zwei Gleisstränge, einer nach Chabarowsk, der andere nach Wladiwostok. Alles ohne Schotter, verrostet. Die mit Braunkohle geheizten Lokomotiven ziehen schwarze Wolken über die Landschaft. Kurz vor Bikin hat man am Bahnkörper räderlose ausgediente Güterwagen mit Rauchabzugsrohren auf den Dächern aufgestellt. Behausungen für Familien. Und es scheint sich nicht um ein Provisorium zu handeln, denn an einem Wagen steht „Klub”. Frauen, das Eimerjoch über den Schultern, stehen vor einem Tankwagen nach Wasser an. Bikin breitet sich auf Hügeln aus, eine Siedlung mehrstöckiger, offenbar neuer Häuser ist von der Bahn aus zu erkennen.

In Chor hält gerade ein Zug mit Erdöltanks, der nach Wladiwostok bestimmt ist. Die 900 Kilometer lange Reise von Nachodka, dem östlichen Endpunkt der Transsibirischen Bahn, bis Chabarowsk dauert 19 Stunden, und was der Blick an diesem ersten Tag von der russischen Erde des Ussuri-Tals erfasst, hinterlässt den Eindruck verstreuter Lager, wie sie von ersten Einwanderern in einem unwirtlichen Grenzland errichtet werden. Dabei sind Wladiwostok und Chabarowsk schon über hundert Jahre alt. Chabarowsk ist eine schöne und große Stadt, die größte in ganz Ostrussland. Die gewaltige Wasserfläche des Amur – jetzt, zur Hochwasserzeit, zwei Kilometer breit an der Stelle, wo die Bahn sie überquert, und fünf an der Flussbiegung – gibt der Stadt, die oben auf den Höhen des rechten Ufers beginnt, das Ansehen einer Seestadt. Frachter bis zu 3000 Tonnen befahren und Fähren überqueren ihn, Motorboote tummeln sich, in der Ferne sieht man den Rauch der Fabriken, und am Ufer gibt es richtigen Sandstrand.

Die im Nebel verborgene chinesische Grenze ist nicht weiter als knapp zwei Stunden Flussfahrt oder eine halbe Autostunde entfernt. Ursprünglich lag der Ort auf drei Hügeln. An den beiden kleinen Flüssen Tschidimowka und Plusninka, die zwischen den Hügeln fließen, reihten sich die Holzhäuser aneinander. 1956 wurden die beiden Flüsse miteinander vereinigt, indem man zwei Millionen Kubikmeter Erde – „eine freiwillige und unbezahlte Leistung der Komsomolzen” – heranschaffte. Außer den lokalen Blättern druckt man auch acht Moskauer Zeitungen, deren Matern per Flugzeug gebracht werden, so dass die Blätter mit nur eintägiger Verspätung erscheinen können. Wie bei den Provinzzeitungen sind 90 Prozent der Leser Abonnenten.

Auf der Fahrt von Chabarowsk nach Westen fährt man zuerst über die lange Brücke, die den belebten Hauptarm des Amurs überquert, dann über kleinere Brücken, die sich von einer Böschung zur anderen über das unendliche System von Nebenarmen und toten Gewässern spannen. Eine Stunde lang durchfährt der Zug das überschwemmte Gebiet, in dem die Taiga bis zu den Zweigen der Bäume unter Wasser steht, und erst nach drei Stunden sehen wir den ersten Bahnhof, der trockenen Fußes zu begehen ist. Hier treffen wir auch wieder auf die Waggon-Wohnungen, die von nun an zu einem vertrauten Bild werden. Nichts kennzeichnet die Grenze von dem, was Kalinin und Stalin 1928 als Antwort auf die zionistische Bewegung hier ins Leben rufen wollten: das „Vaterland der russischen Juden”. Die Landschaft besteht immer noch aus Nadelwäldern, Lärchen, Buchen, einigen Menschen und vielen Mooren. Tiere sieht man nicht. Es scheint, dass die Juden sehr harte Lebensbedingungen in Birobidschan vorfanden. Von den 20.000, die 1928 als erste eintrafen, lebte nach wenigen Jahren nicht einmal mehr die Hälfte im Lande, die anderen waren geflüchtet. Auch im günstigsten Falle scheint es in Birobidschan nie mehr als 100.000 Juden gegeben zu haben. Diese Zahl gilt für den Zeitpunkt, zu dem Stalin starb. Augenblicklich beträgt die Einwohnerzahl 100.000 Menschen, aber die Mehrheit ist nicht jüdisch, und das, was als sowjetisches Israel gedacht war, ist nicht einmal mehr ein autonomes Gebiet.

Einige Stunden, nachdem die hebräischen Aufschriften von den Bahnhöfen verschwunden sind, sieht man auch keine Wälder von rotstämmigen Nadelhölzern mehr. Die von den Monsunregen des Pazifischen Ozeans beeinflusste Vegetation der Taiga reicht nicht über die Region hinaus, welche die Täler der Bureja und der Seja voneinander trennt.

Von jetzt an treten Bäume nur noch vereinzelt auf, es sind dünne, helle Buchen, Espen, Nadelhölzer mit schwarzen Stämmen und Lärchen. Meistens schweift das Auge über unendliche Teppiche von weißen oder malvenfarbenen Blumen – den Wanschai – die als unsere neuen Reisebegleiter alle die sanft geschwungenen Hügel und immer breiteren Ebenen bedecken, die Steppe. Vierundzwanzig Stunden lang durchfährt der Transsib jetzt die Amurskaja und im Abstand von Stunden zeigt sich das eine oder andere armselige Dorf mit den charakteristischen Isbas, den Hütten aus Fichtenholz.

Die Hauptstadt der Provinz, Blagowjestschensk, liegt weit im Süden an der chinesischen Grenze am Amur, am Ende einer Bahnlinie, die von der unseren abzweigt. Auch Raitschichinsk, das Zentrum der Metallindustrie, liegt nicht an unserer Strecke, die uns immer nur eines bietet: die unendlichen leeren Flächen, in denen sich ganz selten einmal Pferde tummeln. Im Vergleich mit Transbaikalien wirkt die Amurskaja geradezu dicht besiedelt. Hinter Amasar gibt es für 24 Stunden nichts als baumlose Steppe, ohne Herden, ohne Isbas, ohne Menschen. Wer am Anblick eines einsam dahingaloppierenden Pferdes nicht genug hat, muss sechs Stunden ausharren, um in der Nähe von Tschernischewsk eine weidende Herde am Ufer der Schilka zu erspähen – eines eintönigen Gewässers, das wir 300 Kilometer lang verfolgen und in dem sich schließlich rotgolden ein nie endender Sonnenuntergang spiegelt – sogar die Sonne langweilt sich in diesen Regionen, die einstmals Grenzgebiet waren, solange der Vertrag von Nertschinsk galt, in dem China Russland das Amurbecken und den Küstengau überlassen hatte.

Das Leben beginnt erst einige Stunden später wieder, als wir uns Tschita, der Hauptstadt des Gebiets, nähern. In Tschita zweigt die Bahnlinie in die Mandschurei ab, die alte ostchinesische Eisenbahn. Aber es bleibt nur eine kleine Zelle des Lebens – schon nimmt uns die Steppenlandschaft wieder auf. „Moskau 6100 Kilometer, Wladiwostok 3196 Kilometer”, verkündet ein Plakat auf dem Bahnhof Mogson, dem ersten, den wir am Chilok passieren und der sozusagen die Grenze des eigentlichen, um Irkutsk konzentrierten Ostsibiriens bezeichnet. Immer noch sind das einzige, was uns begegnet, die in entgegengesetzter Richtung fahrenden Züge mit Maschinen, Nahrungsmitteln, Verbrauchsgütern und Erdöl.

Das Gesicht der Steppe beginnt sich zu ändern. Sie belebt sich mit einzelnen Bäumen, die sich scharf auf den Hügelkuppen abzeichnen und dann in ganzen Gruppen die Abhänge bedecken, und als sich das Bergrelief schärfer abhebt und der Zug lange Kurven zieht, um den Bodenerhebungen auszuweichen, findet sich wieder der spärliche Wald mit seinem Teppich von gelben und malvenfarbenen Blumen ein und beherrscht nach und nach die Landschaft. Hier, am Rande Transbaikaliens, liegt Petrowsk, wo im Jahre 1839 acht Dekabristenführer hingerichtet wurden und sich heute ein großes Eisenhüttenwerk mit zwei Hochöfen befindet.

Es ist die Landschaft der spärlich bewachsenen Taiga, der kleinen Holzhäuser. Ich bemerke kaum jemals Menschen mit Schlitzaugen, kaum jemanden, der auf langmähnigem Pferd galoppiert. Dagegen stelle ich fest, dass die kleinen Weiler und Dörfer mit ihren Isbas genau wie alle anderen seit Nachodka aussehen. Dazu gehören die gleichen Frauen mit Kopftüchern, Männer in Stiefeln, Soldaten in abgewetzten Blusen, Jungen, die in den Pfützen der schlecht gepflasterten Straßen spielen. Überall neben der Bahnlinie sieht man die gleichen Gruppen, meistens Frauen, die Pflöcke zur Befestigung der Schienen auf den Schwellen einrammen oder mit der Schaufel die Schlacke dort ausgraben, wo die Lokomotiven ihre Aschenkästen reinigen. Ein Viertel der Bevölkerung konzentriert sich auf die Industriestadt Ulan-Ude, an deren musterhaftem Bahnhof die Linie nach Peking über Ulan-Bator abzweigt. Auf dem Bahnhof wird die „Uren” vertrieben, eine Zeitung in burjatischer Sprache, aber russischer Schrift, und vor allem gibt es hier Bier, „das berühmte Bier von Ulan-Ude”, das moussiert und nicht so schal wie alle die Biersorten schmeckt, die ich seit Chabarowsk genossen habe. Der Zug deckt sich damit ein, und in einer knappen Stunde, während der wir an der Selenga entlang flussaufwärts fahren – sie ist ein großer Strom, der aus der Mongolei kommt und hier zwischen Sanddünen fließt –, hat „das gute Bier von Ulan-Ude” den Zug betrunken gemacht. Betrunken und plötzlich begeistert, denn auf einmal stimmen alle Lautsprecher und alle Reisenden aus voller Lunge ihr Lied an: „Baikal, o Baikal, schick uns deine Stürme, um uns zu beschützen”.

Die Burjatische Republik nimmt den ganzen Osten und Norden, das Gebiet Irkutsk den ganzen Westen des Sees ein, des alten „Dalai-Nor”, des Heiligen Meeres der Mongolen. 636 Kilometer lang und 40 bis 80 Kilometer breit, hat er eine Küstenlinie von 2000 Kilometern. Er ist 1620 Meter tief (nicht, wie man bis vor kurzem annahm, 1741 Meter). Damit ist er bei weitem der tiefste See der Welt. Sein Wasserinhalt beträgt 23.000 Milliarden Kubikmeter. — Eintausendsechshundert Kilometer vom Pazifischen, 2000 Kilometer vom Arktischen Ozean entfernt, stellt der Baikal mit seinen Robben und Fischen (von denen der berühmte Otnul wie ein übler Hering schmeckt), mit Hunderten von Tierarten und Pflanzen, die mit denen der Ozeane verwandt sind, für Geographen und Biologen immer noch ein Wasser voller Geheimnisse dar. Eingekesselt zwischen den auf burjatischer Seite 2500 Meter hohen, im Westen niedrigeren Gebirgen, bietet der See keine einfache Passage zwischen seinen beiden Ufern. Für die Überfahrt im Sommer fürchtet man die Winde, die sich an 18 Tagen im Monat zu Stürmen steigern. Außerdem tritt nur ein einziger Fluss aus dem Baikalsee wieder aus, obwohl ihn mehr als 300 Zuflüsse speisen: die mächtige Angara, an der 70 Kilometer flussabwärts Irkutsk liegt. Sie vereinigt sich nach 1800 Kilometern mit dem Jenissei und ergießt mit ihm zusammen ihre Wasser in den Arktischen Ozean. Man fährt aber nicht vom Baikal in die Angara ein, weil sich an der Stelle ihres Austritts fast über das ganze ein Kilometer breite Strombett ein Felsrücken zieht, an dem sich eine starke Strömung bricht.

Im Winter gibt sich der Baikalsee kaum verkehrsfreundlicher als im Sommer. Von Januar bis Mai völlig, im Norden bis Juni zugefroren, ist die von Winden bearbeitete Eisfläche nicht glatt und außerdem heftigen Brüchen ausgesetzt. Die Lastwagen, die vom Nordufer her Futter und Holz bringen, können nur mit einer Stundengeschwindigkeit von 24 Kilometer fahren, um keine Risse zu verursachen, in denen sie versinken würden. Aber wenn der Baikalsee auch wenig verkehrsgünstig ist, so spielt er eine um so wesentlichere Rolle für die Energieversorgung — dank seiner gewaltigen Wassermenge, den geringen Niveauschwankungen (höchstens zwei Meter) und dem beträchtlichen und regelmäßigen Wasserabfluss in die Angara (1800 Kubikmeter pro Sekunde). Auf dem See und seinen charakteristischen Eigenschaften basiert ein System von Stauwerken im Strombett der Angara, und darauf wiederum die Entwicklung des Komplexes Angastroi, des Kombinats des Gebiets Irkutsk – des Industriekombinats Nummer III von Russland.

Die Transsibirischen Eisenbahn erreicht das Gebiet Irkutsk am südlichen Seeufer, und zwar bis vor kurzem längs einer Uferstraße, die die südliche Küste des Sees beherrscht. Jetzt aber führt die Bahnlinie direkt durchs Gebirge und zieht wie eine Alpenstraße ihre Windungen durch Wälder von Lärchen und anderen schwarzstämmigen, gewaltigen, oft vom Blitz verheerten Nadelhölzern. Denn ab Sludjanka, wo man die Burjatische Republik verlässt, ist die Strecke endlich elektrifiziert – nach mehr als 4000 Kilometer von Nachodka (3980 Kilometer von Wladiwostok), die wir im Dampfzug mit weniger als 50 Stundenkilometer zurückgelegt haben. Von hier dauert die Fahrt bis Irkutsk knapp zwei Stunden. Während Chabarowsk für die Jahre nach der Revolution sprach, ist in Irkutsk die Vergangenheit noch lebendig. Die Bauten nach sowjetischem Muster sind den Vororten und einigen offiziellen Gebäuden vorbehalten. Irkutsk hat gerade sein dreihundertjähriges Bestehen gefeiert. Mit 380.000 Einwohnern behauptet es seine Stellung als Hauptstadt Ostsibiriens, die es zu Anfang des 19. Jahrhunderts einnahm, als die Gouverneure oft Fürsten, mehrmals Brüder der Zaren und immer eine Art von Vizekönigen waren. In Irkutsk liefen die Straßen zusammen, die nach China, nach Petersburg, an den Stillen Ozean und in den hohen Norden führten, woher die Fallensteller ihre Zobel brachten.


 

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