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Es ist später Nachmittag in Jerusalem.
Orthodoxe Juden mit ihren langen Schläfenlocken, ihren schwarzen Hüten und
Mänteln hasten durch die engen Altstadtgassen, vorbei an arabischen Händlern,
den Blick starr nach vorn gerichtet. Ihr Ziel ist die Klagemauer. Wenn möglich,
kommen sie mindestens einmal am Tag für ein Gebet dorthin, stehen murmelnd vor
den Felsen, begleiten ihre Worte mit dem typischen Wippen, das ihre
Konzentration noch fördern soll. Plötzlich ertönt über Lautsprecher die
gewaltige Stimme des Muezzins, der die Moslems zum Gebet ruft. Dann — als
wollten auch sie ihre Existenz in dieser heiligsten aller Städte beweisen —
läuten auch noch die Kirchenglocken.
In Tel Aviv wird gelebt, in Haifa
gearbeitet und in Jerusalem gebetet, sagen die Israelis. Es ist die Stadt Davids
und Salomons für die Juden, der Ort des Wirkens und Sterbens Jesu für die
Christen und der Platz, von dem Mohammed seine Reise in den Himmel antrat, für
die Moslems - eine häufig in religiösem Eifer umkämpfte Stadt bis heute.
Am Löwentor im Ostteil der Stadt, dem
Beginn der Via Dolorosa, haben flinke Hände die verbotene palästinensische Fahne
großflächig auf die Mauer gemalt. Die Pilgergruppen kümmern sich wenig darum.
Sie schreiten andächtig die vermeintlichen Leidensstationen Christi auf dem Weg
zur Kreuzigung ab. Am Damaskustor, ebenfalls im Osten der Stadt, herrscht
lautes, buntes Markttreiben. Arabische Frauen und Männer in ihren teilweise
prachtvollen Gewändern kaufen oder verkaufen Obst, Gemüse, Backwaren, Uhren,
jede Art von Alltagsbedarf — laut, hektisch, geschäftstüchtig. Unübersehbar
patrouillieren dazwischen Soldaten mit ihren Maschinengewehren. Jerusalem ist
seit dem Sechstagekrieg 1967 offiziell keine geteilte Stadt mehr — und mag die
israelische Öffentlichkeit auch zerstritten über die Zukunft der besetzten
Gebiete sein, an eine Rückgabe Ostjerusalems denkt ernsthaft kein Israeli. Dabei
ist die Stadt auch heute noch geteilt. Nicht nur die israelischen Soldaten, die
jeden Araber, der ins jüdische Quartier der Altstadt und zur Klagemauer will,
besonders gründlich kontrollieren, sind dafür ein Indiz. Im Ostteil dominieren
nach wie vor rein arabische Viertel, auch wenn es dort inzwischen eine Reihe,
sorgsam abgetrennter, jüdischer Siedlungen gibt.
Ein Gang durch die Altstadt ist eine
verwirrende Odyssee durch ein Meer von Gerüchen: Gewürze, Backwaren, Schweiß
sind eine für den Mitteleuropäer exotische Mixtur. Von allen Seiten ertönt das
aufdringliche 'Yes, have a look Mister'. Eine harte Schule für jeden, der
sich dort nichts aufschwatzen lassen will. Ein schweres Geschäft aber auch für
die Händler, die sich ihren Lebensunterhalt noch saurer verdienen müssen, seit
die Touristenzahl nach Beginn der Intifada und Golfkrieg zurückgegangen ist. Und
eine Freude für jeden, der Spaß am Feilschen hat: Innerhalb weniger Minuten
sinkt der Preis für eine angeblich echte Lapislazuli-Kette von etwa 200 auf 20
Euro — der beste Beweis dafür, dass man eine Fälschung in den Händen hält.
Wer vom hektischen Treiben genug hat, kann
versuchen, zum Tempelberg, der nur außerhalb der Gebetsstunden für Nichtmoslems
geöffnet ist, vorzudringen. Der Felsendom mit seiner goldenen Kuppel und den
prachtvollen blauen Fliesen beherrscht eine weitläufige Anlage, die eine
unendliche Ruhe ausstrahlen könnte — wären da nicht die wild fotografierenden
Touristenscharen. In der Al-Aqsa-Moschee sitzen, getrennt voneinander, Männer
und Frauen allein oder in Gruppen beim Gebet, vertiefen sich in das Studium des
Koran, unterbrechen es aber auch für ein entspanntes Schwätzchen mit dem
Nachbarn: Gebets- und Kommunikationszentrum in einem, dessen friedvolle
Atmosphäre in merkwürdigem Gegensatz zu den politischen Auseinandersetzungen um
den Tempelberg steht.
Jerusalem ist Israel. Dagegen verblasst der
Rest des Landes. Sicher, da ist das lebenslustige, im Grunde aber eher hässliche
Tel Aviv mit seinen gigantischen Hotelbauten am Strand und den großen
Einkaufsstraßen. Da ist Haifa, großartig in einer Bucht gelegen, da ist Nazareth
mit der protzigen, 40 Jahre alten Verkündigungskirche. Sicher, antike Stätten
wie Caesarea, die Hafenstadt, die Herodes baute, oder Akko, das vor allem in der
Kreuzfahrerzeit seine Blüte erlebte, locken zu Recht viele Besucher an. Das
Wechselspiel zwischen Vergangenheit und Gegenwart indes ist nirgendwo sonst so
hautnah zu spüren, wie in der unsichtbar geteilten Stadt. Auch nicht in Massada,
der gigantischen Bergfestung am Toten Meer, wo Mythen und Geschichte wieder
aufleben. Im jüdischen Krieg 70 n. Chr. begingen hier, in der von Herodes als
Zufluchtsort gebauten Festung, knapp 2000 Männer, Frauen und Kinder gemeinsam
Selbstmord, um sich nicht den Truppen Roms ergeben zu müssen. 'Massada darf nie
wieder fallen' heißt heute das politisch-kämpferische Glaubensbekenntnis vieler
Israelis.
Viele Touristen besuchten Israel, um auf
den Spuren der biblischen Geschichte zu wandeln. Ein Besuch am See Genezareth
ist da Pflicht, spielten sich doch viele Ereignisse des Neuen Testaments direkt
an seinen Ufern ab. Angesichts der zahlreichen, teils aufdringlichen und immer
pseudo-historischen Gedenkstätten und Kirchen mag sich jedoch nur für jene, die
im Glauben unbeirrbar sind, ein heiliger Schauer einstellen.
Eindrucksvoll ist ein Besuch des Sees
jedoch aus anderem Grund. Ein Blick auf das andere Ufer zeigt, wie nah und
bedrohlich die syrische Grenze ist. Und wer auf die Golanhöhen hinauffährt, der
kann verstehen, warum eine Rückgabe den Israelis so schwer fällt: Sie
ermöglichen grandiose Ausblicke weit in israelisches Gebiet hinein. Eine Fahrt
durch das inzwischen annektierte Gebiet kommt zudem einem Lehrstück in jüngerer
Geschichte gleich. Verlassene Drusendörfer, zerschossene Häuser, eingestürzte
Moscheen, ausgebrannte Armeefahrzeuge säumen den Weg durch eine wilde, raue
Landschaft, erinnern daran, dass Israel, wenn nicht in permanentem
Kriegszustand, so doch in ständiger Alarmbereitschaft lebt.
Anders aber als im Gazastreifen und im
Westjordanland gibt es unter den nur 15.000 verbliebenen ursprünglichen
Bewohnern keinen gewalttätigen Widerstand gegen die Besatzer. Ins Westjordanland
dagegen trauen sich wegen des Palästinenseraufstandes immer weniger Touristen.
Sicher, noch immer karren Busunternehmen ihre Kundschaft zu den antiken Stätten
von Jericho oder zur Geburtskirche nach Bethlehem. Doch es bleibt meist bei
einem andächtigen Blick auf die biblisch-antiken Sehenswürdigkeiten, dann geht
es schnell zurück. In die Seitenstraßen Bethlehems, ins bunte, orientalische,
aber wegen der politischen Lage für Besucher so unbehagliche Straßenleben wagen
sich nur wenige Touristen. Wer gar auf eigene Faust, zum Beispiel mit einem
Mietwagen, unterwegs ist, muss damit rechnen, dass er der eine unter vielleicht
1000 Besuchern ist, dessen Fahrzeug plötzlich mit Steinen beworfen wird. Eine
unschöne Erfahrung — auch wenn der Autovermieter die Attacke achselzuckend zur
Kenntnis nimmt, nachdem der Tourist bei der nächsten Polizeidienststelle Anzeige
erstattet hat und somit die Versicherung für den nicht unerheblichen Schaden
aufkommt.
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