|
Langsam, und mit dem Aufwand an
großen Mühen und Opfern, unter Überwindung von Schwierigkeiten und Gefahren,
wurden große Teile des Urwaldes bezwungen und damit der Weg in die dunklen
Gebiete Indiens geöffnet. Zu diesen Urgebieten, die von den Geschehnissen der
Welt seit Jahrtausenden unberührt geblieben sind, gehören auch die "Blauen
Berge" im südlichen Indien. Von der Ebene aus sieht man die Häupter dieses
Berglandes über ein weißes Meer von Nebeln emporragen. Am Fuße dieser Bergwelt
breitet sich der Wall der atmenden Dschungeln aus, in deren dämmerhaftem
Dickicht der Tiger seiner Beute auflauert. Durch diese
Wildnis führen heute die Wege moderner Zivilisation hinauf in diese Berge, die
aus der Ferne den Anschein traumhafter Gebilde erwecken.
Als im Anfang des neunzehnten
Jahrhunderts die ersten Vorboten einer neuen Zeit auf diese Höhen kamen, fanden
sie dort die Urheimat einer eigenartigen und bisher unbekannten Menschenrasse,
die man Todas nennt. In jahrtausendelanger Abgeschlossenheit hat dieses Bergvolk
der Hirten in unbeschränkter Freiheit seiner eigenen Welt gelebt, bis der Friede
ihres uralten Idylls von den rastlosen Eroberern der weißen Rasse gestört wurde,
und auch für die Todas jene fühlbare Abhängigkeit begann, welche die Brüder
ihres Stammes ins Joch einer neuen Zeit zwang.
Will man die
Todas näher kennen
lernen, so muss man zu ihnen hinauf auf dieses Hügelland der Berge. Eine matt
schimmernde öde Graswüste bedeckt dort ein weites Hochland, in dessen flachen
Senkungen die Reste wilder Urwaldvegetation unter dem Einfluss des Höhenklimas
fast völlig verkümmert sind. Am Saume dieser sterbenden Wälder und in den
geschützten Tälern liegen, weit zerstreut, die kleinen Siedelungen dieser Todas,
die "Clans". Schmale Pfade führen uns in die Einsamkeit dieses Hochlandes. Bald
liegen die herrlichen Eukalyptuswaldungen, welche das breite Tal mit würzigem
Duft erfüllen, hinter uns und wir schreiten hinaus in diese hemmungslose
Freiheit der „Downs”, deren sanft bewegten Linien das Auge in die unendliche
Ferne folgt. Nur einzelne vereinsamte Bäume und niedrige Sträucher wachsen über
diesen wallenden Hügeln, die sich unter dem mattgrünen Kleid eines schmiegsamen
Rasens wölben. Friedliche Stille liegt über der Ödheit dieser reizvollen
Landschaft. Über uns trillert eine aufsteigende Lerche ihr zwitscherndes Lied
der Freiheit. Es ist das einzige Leben, dem wir auf der Wanderung über das
einsame Hügelland begegnen.
Bald entdecken wir auch den
ersten Todaclan, der, verödet in einer Talsohle, hinter kleinen Urwaldsholas
verborgen ist. Auf der anderen Seite des Tales liegt die aus fünf Hütten
bestehende Siedlung. Es sind spitzbogenförmige, niedrige Bauten aus Zweigen- und
Weidengeflecht, an deren Vorderseite sich ein kleines Schlupfloch befindet.
Kläffende Hunde stürzen auf uns los, und rasch belebt sich der Rasen, der vor
den Hütten liegt, mit einer bunten Gruppe prachtvoll gewachsener, schöner
Männer- und Frauengestalten, deren Anblick unsere Freude und Bewunderung
erweckt. Aus den Türöffnungen der Hütten schieben sich Knäuel nackter,
neugieriger Kinder, die den Reigen dieser malerischen Szene vervollständigen.
Doch ich war nicht wenig erstaunt über die Vertrautheit und das friedliche
Wesen, das diese urtümlichen Menschen zur Schau tragen. Zwar erwecken die von
wilden Bärten und schwarzem wallenden Haupthaar umgebenen Gesichtszüge der
Männer den Eindruck ungezügelter, wilder Naturinstinkte. Doch das Auge, das aus
diesen wetterharten, herben Zügen blickt, ist väterlich und sanft, und nur der
Anblick dieser natürlichen Kraft und Wildheit, welche auch in der Primitivität
der Lebensweise zum Ausdruck kommt, gibt den Todas das Gepräge ursprünglicher
Rasseneigenart.
Die Frauen sind auffallend
hübsch und anmutig. Ein dunkles, leuchtendes Augenpaar blickt uns aus dem von
pechschwarzen, lang herab fallenden Locken umrahmten Gesicht entgegen. Die Todas
sind drawidische Abkömmlinge. Beide Geschlechter sind von hohem stattlichem
Wuchs, haben jedoch merkwürdigerweise fast nichts mit dem ursprünglichen Typus
der übrigen Ureinwohnerstämme Indiens gemein. Auch die ebenmäßigen Gesichter mit
hoher Stirn und Hakennase, sowie der längliche, an den Typ des Indogermanen
erinnernde Schädel unterscheiden sich stark von demjenigen des breiten und
gedrungenen Drawiden. Zudem ist die Färbung der Haut, besonders auch bei den
Frauen, hell, wie bei den arischen Völkern des nördlichen Reiches. Zweifellos
handelt es sich um eine der ältesten Rassen Indiens, die die Berge zu ihrer
engeren Heimat erwählt haben und infolge ihrer naturbedingten Abgeschlossenheit
wohl zu den reinsten Rassentypen der Drawiden im südlichen Indien zählen. Eine
mangelnde Regeneration des Blutes und die als Volkssitte unter den Todas
herrschende Polyandrie ist jedoch von verhängnisvoller Wirkung auf die
Fortentwicklung des Stammes gewesen, und nur einige Hundert sind es noch, die
heute ihre romantische Heimat, die Blauen Berge, bewohnen. Es sind die Letzten
ihres Geschlechts, dessen Rest leider unter der zersetzenden Wirkung dieser
vernichtenden Erscheinungen langsam aussterben wird. Die Toda-Ehe vollzieht sich
im Kreise ihrer engen Rassengemeinschaft, wobei eine Frau mehrere, oft bis zu
acht und zehn Männer besitzt.
Das Leben dieses eigentümlichen
Urvolkes, welches in Indien zu den merkwürdigsten seiner Art zählt, ist von
einer dunklen Mystik erfüllt. Vieles davon wird unserem Wesen ewig fremd
bleiben, und nur schwer vermag man dem von urhaften Instinkten und großem
Aberglauben und Dämonenfurcht gepeinigten Seelenleben dieser Menschen zu folgen.
Die weit auf diesem Gebirge
zerstreuten Stammesmitglieder der Todas sind unter sich durch das feste Band
eines durch die natürlichen Verhältnisse ihres Lebens bedingten
Gemeinschaftsgeistes eng miteinander verbunden. Jede Siedlung gleicht einer
Gemeinde, die jeweils von den Ältesten der Männer verwaltet wird. Der
Mittelpunkt ihres Lebens ist die in primitivem Maße betriebene Milchwirtschaft,
welche ihrem eigenen Lebensunterhalt dient. Die Aufzucht der Büffelherden gilt
ihnen als Mittel zum Zweck, denn sie ernähren sich ausschließlich von Produkten,
die aus der Milch erzeugt werden. Fleisch wird von ihnen niemals genossen und
gilt als unrein und verabscheuungswürdig. Tiere töten die Todas nur aus
abergläubischer Furcht und um sie als Opfer ihren Verstorbenen darzubringen. Die
Seele, die in der Hülle ihres robusten, wilden Körpers lebt, ist friedlich und
duldsam. Ihrer animistischen Religion entspringt ein gewisser Fatalismus, der
zum Träger eines Menschheitsideals bei ihnen geworden ist. Sie kennen keine
Fehde und keinen Krieg, keine Habsucht und Geldgier. Weder unter den Menschen
ihres eigenen Stammes noch unter den Tieren der Wildnis, die sie umgibt,
erkennen sie bösartige Feinde. So haben sie noch nie den Gebrauch und das
verderbliche Wesen einer Waffe kennen gelernt. Was diese Kinder der Natur für
ihr bescheidenes Dasein brauchen, gibt ihnen ihre fürsorgliche Heimat mit
vollen, verschwenderischen Händen. Sie leben in der Freiheit der Berge, deren
wundervolles Klima kein Fieber und keine Seuchen erzeugt.
Allmählich hat auch auf ihre
Ursprünglichkeit der Geist kolonisierender Kultur eingewirkt. Das kindliche
Vertrauen, welches sie besitzen, brachte sie in enge Fühlung mit dem erwachenden
Leben einer ihnen fremden Welt, die ihre Einflüsse im Reiche der Todas zur
Geltung brachte. Sie begannen den Tauschhandel und lernten die Produkte fremder
Menschen, ihre Eigenschaften und Sitten, die Vorteile und Erfolge, doch auch die
negativen Seiten der ihnen unbekannten Kultur kennen. Heute ist es keine
Seltenheit, dass man dieses Welt abgeschiedene Urvolk der Berge in den Basaren
der Bergstationen sieht, wo sie ihre Produkte für Geld, wertlose Waren und
betäubende Gifte eintauschen. So äußern sich besonders auch heute bereits bei
den Todas die negativen Auswirkungen moderner Kultur, die allmählich das
eigenste Wesen dieser urwüchsigsten Völker und Menschen zerstört, ohne ihnen für
den Verlust ihrer ethischen Werte irgendwelche andern seelischen Vorteile und
Nutzen zu bringen.
Noch fühlen sich die Todas frei
und unbeherrscht, denn sie bevölkern wie eh und je die weiten Höhen und Täler
dieses Hochlandes, auf denen nur sie allein und ihre halbwilden Büffelherden
eine uneingeschränkte Freiheit ihr eigen nennen. Einen tieferen Einblick in das
Leben und die Seele dieses Volkes gewinnt man bei der Betrachtung ihres
religiösen Kulis, der eines der interessantesten Merkmale dieser Rasse bildet.
Es zeigt vor allem das Urhafte und Primitive ihres Seelenlebens, das unter dem
Einfluss mystischer Glaubensbegriffe so gänzlich mit dem Wesen anderer ähnlicher
animistischer Urvölker übereinstimmt. Die einzige Parallele, die man mit dem
Glauben der übrigen hinduistischen Welt Indiens ziehen kann, ist der Hang zur
Mystik und zum Übersinnlichen. Er prägt sich besonders in der Religion der Todas,
welche an Seelenwanderung und an die Dämonie übernatürlicher Kräfte glauben,
aus. Sie besitzen eine eigene Götterwelt, welche in den Erscheinungen der Natur
und im Kosmos zu suchen ist. Sonne, Mond und Sternenwelt, sowie alle elementaren
Kräfte in der Natur leben in einer gewissen geistigen Symbolik im Herzen dieser
Menschen. Irgendwelche bildlichen Darstellungen ihrer Idole kennen wir nicht.
Doch findet man in ihrem Kult den Begriff der Erlösung nach dem Tode, sowie
einer Verdammnis der Seele im Reich "Amnoder", das von dem Gott der Finsternis
beherrscht wird.
Ganz und gar erfüllt ist das
religiöse Leben der Todas von dem Aberglauben an eine unsichtbare Welt der
Geister und Dämonen, welche auf die Seele des Menschen einen bestimmenden
Einfluss auszuüben vermögen. Dieser Aberglaube, den wir besonders bei den
primitiven Urvölkern in oft übertrieben phantastischer Form finden, ist wohl in
den Einwirkungen des geheimnisvollen Zaubers zu suchen, welche die
Ursprünglichkeit der Wildnis in der Phantasie des primitiven Menschen weckt. Vor
allem ist es der Wald mit seinen alten, geheimnisvollen Bäumen, seiner
bezwingenden Finsternis und den raunenden Stimmen seines Blättermeeres, in
welchem sich das Dämonenhafte ihrer Gedankenwelt verkörpert. Es ist jedoch
merkwürdig, dass bei den Todas jener bildnerische Drang fehlt, der ihnen den
Willen zur Erschaffung von Götterbildern gibt, wie wir sie so häufig auch bei
anderen, ähnlichen Urstämmen beobachten können. Denn der religiöse Kult der
Todas kennt weder Götzen noch Fetische. Nur in ihren Milchtempeln finden wir
gewisse Sinnbilder in Form von Geräten, deren Bedeutung mit den eigenartigen
Riten ihres Kults verknüpft sind. Man wäre geneigt anzunehmen, dass dieses
Fehlen körperhafter Ausdrucks mittel ein Mangel intellektueller Art bedeutet, da
selbst die primitivsten Urvölker für das religiöse Empfinden ihrer Seele wenn
auch noch so einfache Formgestaltungen zu erfinden imstande sind. Doch es
handelt sich hier um eine bewusste Hinweglassung dieser äußeren
Glaubensmerkmale, die nur in rein geistiger Beziehung die Gedankenwelt der Todas
erfüllen. Man kann dies besonders in dem als heilig geltenden Vorgang der
Zubereitung milchwirtschaftlicher Erzeugnisse beobachten. Hier steht der
kreisrunde, kleine Milchtempel, welcher der Aufbewahrung von Kuhmilch und
verschiedenen Geräten, wie Melkgefäße, Butterquirl usw., dient, im Vordergrund
eines traditionellen Ritus, der deutlich die Heiligkeit einer bestimmten
religiösen Handlung zeigt. Diese rituell-wirtschaftliche Tätigkeit im Tempel
obliegt dem "Wursol", der als Priester die Kühe melkt und die Milch in den
geweihten Gefäßen zubereitet. Diese sowie alle anderen zubereitenden Handlungen
werden stets nur von dem Priester unter Ausübung eines gewissen mystischen
Zeremoniells vollzogen. Man findet demnach bei den Todas die lebenswichtige
Materie ihres Wirtschaftslebens im Mittelpunkte ihres religiösen Empfindens.
Auch die Leichenfeiern der Todas,
die wohl das Merkwürdigste an ihrem eigenartigen Kult sind, stehen im Zeichen
dieser zum Mystischen neigenden Geisteseinstellung dieses Volkes. Durch den
landschaftlich so herrlichen Hintergrund erhält diese Bestattungsszene, die sich
in der Einsamkeit der Berge abspielt, eine besonders feierliche Stimmung. In
kurzer Zeit hatte ich Gelegenheit, bei einigen dieser seltenen und
eindrucksvollen Feiern zugegen zu sein. Der Anblick dieses Vorganges war, trotz
der Eigenart mancher merkwürdig-grotesker Handlungen, überwältigend.
Wundersame Ruhe liegt über dem
Hügelland, über dessen atmosphärisch-blauer Ferne die rote Glut der Sonne
hinabsinkt. Nur das Zittern der Grillen schwingt leise über dem warmen Erdboden.
Plötzlich beleben sich die stillen Hügel mit der in weiße Tücher gehüllten Schar
der Todagestalten. Ein Toter des Dotabetthaclans beginnt heute seine
Seelenwanderung, die draußen auf den Hügeln, abseits der Siedlung, mit großem
Palaver vorbereitet wird. Viele Stammesgenossen, Frauen und Männer der übrigen
umliegenden Clans, sind zu dieser Bestattungsfeier weit über die Berge
gewandert, und nun sitzen sie in malerischen Gruppen auf den Hügeln, um die
Zeremonie des Trauerns und Betens mit rhythmischem Gegeneinanderstoßen des
Kopfes einzuleiten. Während die Frauen mit monotonem Singsang die Feier
begleiten, sind die Männer damit beschäftigt, die Vorbereitungen zum
Bestattungsakt in die Wege zu leiten. Der in Tücher gehüllte Tote wird in einer
kleinen Hütte untergebracht, und alle möglichen Gegenstände, die ihn auf seiner
Reise ins Jenseits begleiten sollen, werden in seiner Nähe niedergelegt. Nahe
bei der Hütte ist man damit beschäftigt, einen Scheiterhaufen aufzuschichten. Es
sind weit über siebzig Todamänner und -frauen anwesend, und selbst die in den
weiter entfernten Clans beheimateten Todas sind herbeigekommen, um an der Feier
teilzunehmen. Nun beginnt die Ehrung des Verstorbenen, der aus der Hütte
herbeigeholt wird, und dessen Körper man mit Erde und Asche bestreut.
Plötzlich wird die feierliche
Ruhe durch ein wildes Schauspiel unterbrochen. Man schleppt einen dieser
halbwilden Büffel herbei. Es ist einer der stärksten Bullen der Herde, der unter
großer Mühe draußen von den Weideplätzen auf den Hügeln eingefangen wurde und
nun dem Toten geopfert werden soll. Zwischen den athletischen Eingeborenen und
dem wütenden Tier erhebt sich letzt ein wilder Kampf. Einige der stärksten
Männer versuchen den sich heftig wehrenden Büffel bei den Hörnern zu fassen, um
ihn niederzuringen und ihm den tödlichen Schlag zu versetzen. Gelingt es dem
Tier, sich zu befreien, so wird aus dem feierlichen Bestattungsakt eine wilde
Szene, die einem Stierkampf gleicht.
Wenn der Büffel getötet ist,
bringt man den Leichnam mit seinem Körper in Berührung, denn erst durch diese
Handlung wird die Seele aus dem Körper des Toten befreit. Und nun beginnt die
unruhevolle Wanderung dieses Geistes in das Reich jener phantastischen Welt der
Götter und Dämonen, deren Gnade durch die Gebete der Trauernden erfleht wird.
Nach Sonnenuntergang übergeben die Männer unter dem Klagegesang der Frauen den
Leib des Verstorbenen der schwelenden Glut des Scheiterhaufens. So feiern die
Todas den Tod des Körpers und das Weiterleben seiner Seele, die nun dazu
bestimmt ist, im Leibe irgendeines andern sichtbaren oder unsichtbaren Wesens,
eines Dämonen, eines Tieres oder eines göttlichen Wesens, weiterzuleben. Bald
wird die Zeit nicht mehr fern sein, in der auch der Letzte seines Stammes die
Wanderung der Seele antritt und nur noch der Geist dieser erstorbenen
Menschenwelt über den einsamen Höhen der Blauen Berge weiterlebt.
|