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Orissa, östlicher Bundesstaat Indiens am
Golf von Bengalen, ist vom Touristenstrom noch nicht so überschwemmt und gilt
als ein echter Geheimtipp. Kenner schätzen die Vielzahl der wundervollen Tempel.
In der Hauptstadt Bhubaneswar gab es einst 7000. In Orissa werden die
hinduistischen Götter mit monumentaler Prachtentfaltung verehrt. Der
Sonnentempel von Konarak gilt als eines der schönsten Beispiele indischer
Architektur.
Auf dem Weg zum Sonnentempel von Konarak
strecken Lepra-Kranke ihre mit schmutzig-grauen Binden umwickelten Hände den
vorbeiziehenden Besuchern entgegen. Würdevolle Dankesblicke, wenn Münzen in die
verbeulten Blechdosen fallen. Der Weg zum Tempel ist gesäumt von Armen, Kranken
und Verkrüppelten, die auf primitiven Holzkarren hin- und hergeschoben werden.
Eine Schar ausgelassen schwatzender Kinder in farbenfroher Schuluniform zieht an
diesen bedauernswerten Menschen vorüber - der Kontrast könnte nicht größer sein.
Die Hingabe, mit der die von schwerem Schicksal gezeichneten Hindus ihr Leben in
dieser Welt ertragen, lässt sich nur aus ihrem festen Glauben an ein besseres
Dasein nach Tod und Wiedergeburt erklären. So war es, und so wird es in Indien,
wo über 80 Prozent der 1,2 Milliarden Bevölkerung dem Hinduismus zugerechnet
werden, auch künftig sein.
Keine Anstrengung ist zum Ruhme der Götter
zu groß. Die gewaltige Tempelanlage von Konarak im ostindischen Bundesstaat
Orissa verdeutlicht dies auf eindrucksvolle Weise. Der Tempel ist dem Sonnengott
Surya geweiht, der der Sage nach den Sohn Krishnas von einer qualvollen
Hautkrankheit geheilt haben soll. Auch dies ein Grund für viele Kranke, sich
gerade in Konarak eine milde Gabe zu erhoffen. Der Sonnentempel von Konarak
wurde von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt.
Mit dem Bau des Surya-Tempels wurde Mitte
des 13. Jahrhunderts unter König Narasimha Deva gebaut begonnen; fertig gestellt wurde er wohl nie. Der Turm über
dem Sanktuarium ragte einst vermutlich stolze 70 Meter in die Höhe, doch so ganz
genau weiß man das nicht mehr. 1869 brach der Turm zusammen und gab der Nachwelt
manch architektonisches Rätsel auf. Dennoch gilt diese Tempelanlage als eines
der bedeutendsten Bauwerke hinduistischer Architektur. Seine Erbauer schufen sie
in der Form eines kosmischen Wagens (Ratha), gezogen von sieben reich verzierten
steinernen Pferden, die je einen Tag der Woche symbolisieren. An bei den
Längsseiten der "schwarzen Pagode" sind zwölf aus Stein herausgearbeitete Speichenräder zu bestaunen, die fast drei Meter hoch und durch zahlreiche
Abbildungen weltbekannt sind. Ebenso wie diese 24 "Räder" ist die gesamte
Tempelanlage verschwenderisch mit filigranen Steinmetzarbeiten geschmückt,
darunter auch solchen, die von der prallen erotischen Lebenslust des
Tantra-Kultes zeugen.
Viele Besucher klettern die Stufen des
Tempels empor zu den großen anmutigen Surya-Skulpturen aus graugrünem Chlorit.
Von der Spitze dieses kolossalen Bauwerks genießt man einen grandiosen Blick auf
die fruchtbaren Weiten Orissas.
Orissa ist ein lohnendes Ziel für Liebhaber indischer Tempelbaukunst. Allein
in Bhubaneswar, der Hauptstadt dieses südlich von Kalkutta gelegenen
Bundesstaates, soll es einst 7000 Tempel gegeben haben; heute sind es immerhin
noch etwa 500. Der schönste von ihnen dürfte der Mukteshwar-Tempel aus dem 10.
Jahrhundert sein, der mit seinem schwungvollen Torbogen und den buddhistisch
beeinflussten Ornamenten eine wahre Augenweide ist. Die Tempelstadt
Mahabalipuram aus dem siebten Jahrhundert besitzt das größte Relief der Welt:
Menschen, Tiere und Götter sind hier an den heiligen Wassern des Ganges
harmonisch vereint.
Von Bhubaneswar rasch zu erreichen ist Puri,
eine der vier heiligsten Städte des Hinduismus. Fromme Pilger kommen das ganze
Jahr über in diese Stadt am Golf von Bengalen, um in der "weißen Pagode" der
schwarzgesichtigen Gottheit Jagannath zu huldigen. Ganz besonders turbulent geht
es im Juni/Juli zu, wenn die Statue dieses Gottes auf einem Tempelwagen durch
die Straßen von Puri gezogen wird. Weitaus gemächlicher verläuft dagegen ein
Ausflug ins Dörfchen Ratnagiri zu den imposanten Resten einer buddhistischen
Klosteranlage aus dem dritten Jahrhundert.
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