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Werden sie
auf das Kastenwesen angesprochen, reagieren die meisten Inder mit Verlegenheit.
Sie verdrängen, dass es in ihrem Land fast 160 Millionen Unberührbare (Dalits) gibt, mehr
als die Bevölkerung beinahe aller Nationalstaaten der Welt.
Diese
Unberührbaren gehören keiner Kaste an, sie sind die Niedrigsten der Niedrigen,
der Ausschuss der hinduistischen Gesellschaft. Die Dalits dürfen nur die
niedrigste Arbeiten mit extrem niedrigen Löhnen ausüben. Ihre traditionellen
Beschäftigungen wie das Gerben von Leder oder die Entsorgung von Abfall werden
als verunreinigend angesehen. Für die meisten Hindus ist es eine unbequeme
Frage, wie ihre Religion, die Toleranz und Mitgefühl predigt und viele noble
Ideale hat, so vielen Menschen eine normale Existenz vorenthalten kann.
Das
Vorurteil gegen die Unberührbaren ist so mächtig, dass selbst ihr Schatten, so
er auf einen Kastenhindu fällt, diesen verunreinigen kann und nach umfangreichen
Reinigungsritualen verlangt. Unberührbare dürfen keine Hindutempel betreten und
müssen ihre eigenen Brunnen und Quellen haben. Die Vergewaltigung von
kastenlosen Frauen und die Tötung von kastenlosen Männern waren häufige
Verbrechen, die üblicherweise unbestraft blieben und oft auch heute noch
unbestraft bleiben. Obschon die Praxis der Unberührbarkeit kurz nach Indiens
Unabhängigkeit 1947 gesetzlich verboten wurde, besteht sie weiterhin.
Dem
Hinduismus geht es nicht in erster Linie um die Stellung des Individuums
(Einzelnen) in der Gesellschaft. Das Gebot der Nächstenliebe, das beispielsweise
im Christentum oder im Buddhismus eine wichtige Rolle spielt, hat in den
verschiedenen hinduistischen Strömungen keine große Bedeutung. Vorrang hat
vielmehr das Streben nach Reinheit, Harmonie und Gleichgewicht.
Das
Kastenwesen stabilisiert die Ungleichheit in Indien. Es zwingt die Hindus bis
heute in eine vorgegebene Sozialstruktur und trennt sie kategorisch in
unterschiedliche Schichten mit den verschiedensten Lebensformen,
wirtschaftlichen Voraussetzungen und Bildungsmöglichkeiten. Nur die drei oberen
Kasten gelten als rein genug für das Opfer. Einige haben auf Grund ihrer Kaste
Zutritt zum Innersten des Tempels, andere nicht, selbst wenn sie die gleiche
religiöse Überzeugung teilen.
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