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Liebe und Ehe im Hinduismus

 

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Ich frage Radj, ob er auch demnächst heiraten wird. Ganz sicher kommt seine Antwort: "Ich heirate in drei Jahren." Natürlich weiß er heute noch nicht wen, aber das ist auch kein Problem. Eine Frau wird schnell gefunden, wenn die Zeit zum Heiraten gekommen ist.

Für Radj ist es selbstverständlich, dass seine Eltern eine Frau für ihn aussuchen. "Meine Eltern kennen mich doch gut, sie werden sicher die passende Frau für mich finden." Ich bin verwirrt, denke: Mensch das sind doch Studenten! Wenn die nicht mal für sich entscheiden, wen sie heiraten, wer dann? ...

In letzter Zeit bin ich viel mit Gita zusammen. Sie studiert Japanologie. Von ihr erfahre ich, dass sie nicht hätte studieren können, wenn sie nicht vorher geheiratet hätte. Ihr Vater wollte es so und gab ihr erst die Erlaubnis zum Studium, nachdem sie bereit war, den für sie ausgewählten Mann zu heiraten.

"Und warum hast du nicht einfach gemacht, was du wolltest? Warum entscheidest du nicht für dich?"

"Wie soll das gehen? Ich bin abhängig von meiner Familie, ich habe die Identität über meine Familie. Als allein stehende Frau zähle ich nichts, bin ich nichts. Wenn ich gegen den Willen meines Vaters handele, akzeptiert er mich nicht mehr in seiner Familie. Und ohne Familie wird mich kaum mehr ein Mann heiraten."

"Liebst du denn deinen Mann?"

"Ich bin mit ihm zusammen. Ich muss ihm dankbar sein, dass er mich überhaupt geheiratet hat. Die Familie meines Mannes wollte nicht, dass er mich zur Frau nimmt, weil ich keine richtige Identität habe. Er hat es trotzdem getan. Das war mutig von ihm. Ich bin ihm verpflichtet."

"Warum hast du keine richtige Identität?"

"Mein Vater ist ein Landlord, aber meine Mutter ist eine Unberührbare (zum indischen Kastenwesen). Ich habe das lange nicht gewusst, mich aber immer gewundert, wie distanziert mich meine Verwandten behandelt haben. Mein Vater hat dann eine Frau aus seiner eigenen Kaste geheiratet und mich mit seiner Familie mit aufgezogen. Das ist schon ganz ungewöhnlich, weil eigentlich ein Kind von einer Unberührbaren nicht akzeptiert wird im Haus eines Höherkastigen. Meine Mutter lebte im gleichen Haus als Putzfrau. Ich habe nicht mal ein Glas Wasser aus ihrer Hand entgegennehmen dürfen. Keiner aus meinem Haus nimmt ein Glas Wasser aus der Hand meiner richtigen Mutter, weil niemand unrein werden will. Seit ich weiß, dass diese Frau meine Mutter ist, tut es mir sehr weh, das mit anzusehen. Wenn ich irgendwann einmal Geld verdiene, will ich meine Mutter zu mir holen ... "

"Und wegen deiner Mutter wollten deine Schwiegereltern nicht, dass du ihren Sohn heiratest?"

"Ja, meine Schwiegereltern akzeptieren mich immer noch nicht als ihre Tochter.

Ich sehe Gita in Jeans und Pullover, halblangen vollen schwarzen Haaren und möchte ihr sagen, dass es für mich belanglos ist, welchen familiären Hintergrund sie hat. Aber was hat das für sie schon für eine Bedeutung? Für sie gelten andere Normen und Werte. Die Semesterferien verbringt Gita selbstverständlich bei der Familie ihres Mannes in einem kleinen Dorf in Orissa.

Eingehüllt in einen Sari, der nur noch ihre Augen sehen lässt, steht sie bei Sonnenaufgang auf und bereitet das Frühstück für die Familie ihres Mannes, eine Arbeit von ein bis zwei Stunden. Sie ist praktisch als Schwiegertochter im Haus ihrer Schwiegereltern Dienerin. So ist es indische Sitte, und für Gita ist es auch selbstverständlich so.


 

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