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Bären sind in den Gebirgen Indiens fast
überall zu finden. Unter ihnen gibt es eine besondere Art, die man Lippenbär (Ursus
labiatus) nennt und die sich durch ihre Größe und die etwas zugespitzte,
schmale Schnauze mit stark ausgebildeten Lippen besonders auszeichnet. Es sind
bescheidene Vertreter ihrer Gattung und werden, bei dem mageren Kosttisch den
ihnen die Natur meist bietet, von keinem Fettwanst oder Höcker, wie ihn der
Braunbär hat, geziert. Sie räubern mit Vorliebe in Ameisenbauten,
Termitenhügeln, wilden Bienenstöcken und suchen sich unter Steinen und alten
Wurzeln die Käfer und Larven, die sie mit schmatzendem Wohlbehagen ihrer
beweglichen Lippen verzehren. Ein merkwürdig zottiges Haarkleid, das besonders
um Hals und Schultern eine respektable Länge erreicht, macht ihn zu einer
grotesken Erscheinung in der Tierwelt. Fast überall auf unsern Pirschgängen
fanden wir die frischen Fährten von Meister Petz, doch nie konnten wir ihn auf
unsern Streifen auf seinen Wechseln überraschen. Scheu hält er sich im Dickicht
des Waldes, in hohlen Baumstämmen und Höhlen des Dschungels verborgen. Trotzdem
konnten wir an den zahlreichen Fährten und an der Losung, die wir besonders an
feuchten regnerischen Tagen am frühen Morgen noch vorfanden, schließen, dass die
Bären sehr häufig unterwegs waren und sich sogar auch öfters ganz in der Nähe
unseres Camps herumtrieben.
Der Lippenbär gilt als scheu, doch greift
er, gereizt oder angeschossen, aus dem Hinterhalt hervorbrechend, den Menschen
an. Bei seinen Angriffen und Fluchten entwickelt das plumpe Tier eine
erstaunliche Beweglichkeit. Wir beschlossen auf Anregung unserer beiden Shikaris,
der Bärenpirsch einen Tag zu opfern, um diesen selten gesehenen Burschen zu
Leibe zu gehen. Als Jagdgebiet wählen wir eine der großen kahlen Gebirgskuppen,
deren dunkle Rücken in der Ferne wie kauernde Ungeheuer über den tiefen
Baumdschungeln lagen. Da die Bären auch in hellen Mondnächten ihre Verstecke
verlassen, zogen wir es vor, die Pirsch zur Nacht und in der Dunkelheit zu
beginnen.
Unser Anmarsch zu denBergen war weit und mühsam. Wir mussten lange, bevor die
Abenddämmerung hereinbricht, unsere Wanderung beginnen. Unterwegs rasten wir auf
einer kleinen Teepflanzung, die einem Mestizen gehört und einsam mitten in der
Wildnis liegt. Unser Gastgeber bewirtet uns mit Ziegenkäse, und wir teilen
unsere Whiskyvorräte mit ihm. Er erzählt uns ein abenteuerliches Erlebnis mit
einem Lippenbären, der bei seiner Erkundigungsreise in die Plantage von den
Hunden angenommen wurde und Miene machte, den unbewaffneten Menschen
anzugreifen. Nur durch die eilige Flucht entzog er sich der Attacke des
gereizten Tieres, das ihn eine große Wegstrecke verfolgte. Aus diesem Grund
mahnt er zur Vorsicht und gibt uns auf unseren Weg einen eingeborenen Führer zu
den "Bärenbergen" mit. Dort sollen sich nach den Berichten Eingeborener und
unserer Shikaris viele dieser Lungerer in der Nacht herumtreiben.
Im Westen senkt sich die Sonne in das
brennende Glutmeer, welches den Horizont wie ein lodernder Feuerbrand erfüllt.
In allen Farbnuancen des Lichtspektrums leuchtet der von einem tiefen,
durchsichtigen Blau überwölbte Abendhimmel zu uns herab. Tiefer Frieden liegt
über der Natur, und langsam erstirbt das Leben der zwitschernden Sänger, die uns
am Tage so oft mit ihrem munteren Treiben und ihrer exotischen Buntheit
erfreuen. Leise und zaghaft beginnt der zitternde Chor der Zikaden, die Lauheit
des Abends zu erfüllen. Auf einem schmalen Pfad, den wir mit Hilfe unseres
Führers gefunden haben, kommen wir rasch unserem Ziel näher. Wir passieren einen
großen, breiten Wildwechsel, auf dem wir die Fährten von Elefanten, die aus der
Ebene in die Berge gewechselt waren, finden. Als ob ein Orkan gewütet hätte,
gleicht dort die Vegetation einem Trümmerfeld. Dicke Baumstämme liegen
entwurzelt kreuz und quer, alles ist niedergetreten und zertrampelt. Im Geiste
sehe ich die mächtigen Rüsselträger, die in einem Anfall von Übermut dieses
Chaos hervorgerufen haben. Über eine Schneise huschen die Schatten wilder Hunde,
jener gefährlichen Wilderer der indischen Wälder. Sie jagen in Rudeln mit
fabelhaften Jagdinstinkten den Sambur und Muntjack, die diese Wölfe des
Dschungels zu ihren schlimmsten Feinden zählen. Endlich steigen wir zur Höhe
unseres nächtlichen Reviers empor. Es ist inzwischen dämmrig geworden und alle
die schattenhaften Umrisse und Formen, die wir um uns sehen, nehmen
unbestimmten, gespenstischen Ausdruck an. Vielerlei unbekannte Stimmen und
Geräusche, die uns umgeben, rufen ein unheimliches und beklemmendes Empfinden
hervor. Es ist der mystische Zauber der Urwaldnacht, die in der menschlichen
Phantasie vielerlei geheimnisvolle Vorstellungen und Furchtsamkeit erweckt.
Inzwischen waren wir auf der kahlen, hohen
Kuppe des Bärenberges angekommen. Matha deutet hinunter in die Dunkelheit und
meint, dass der Berg bald von Bären überlaufen wäre. Gerne redete Matha in
Hyperbeln, was wir als eine besondere Äußerung seines weidmännischen
Temperaments betrachteten. Wir schmieden einen Jagdplan und warten auf den Mond,
der heute Nacht seine Bahn durch das glitzernde Meer der Sterne ziehen wird.
Unser Führer, dem die einsame Gegend nicht unbekannt schien, gab uns den Rat,
die Bärenszene mit geteilten Rollen zu spielen. Konnte ich mir dann keinen Bären
aufbinden, so war es doch vielleicht meinem Jagdgefährten möglich, einen solchen
aufzutreiben. Nun waren wir im Ganzen fünf. Ich postiere die Shikaris als
Vorposten mit dem Blick zum östlichen Abhang des Bergrückens. Mein Jagdgefährte
und der Führer sollten den nach Westen abfallenden Hügel beobachten, während ich
mich in der Mitte postierte. Wir blieben also dieses Mal auf dem Anstand, denn
mit der Pirsch ist dem Bären weder bei Tage, geschweige denn in der Nacht
beizukommen.
Die Nacht ist von unendlicher Klarheit, und
die Pracht des Sternenmeeres gestaltet die Einleitung unseres nächtlichen
Abenteuers zu einem märchenhaften Idyll. Zu beiden Seiten unter uns lauscht der
schweigende Urwald. Graue Fledermäuse schweben mit leisem, gemächlichem
Flügelschlag in unruhiger Bahn über unseren Köpfen. Am Boden huschen die
winzigen Schatten von Springmäusen, die wie große Heuschrecken über den Rasen
hüpfen. Das schauerliche Gewinsel ziehender Schakalrudel, deren lang gezogenes
Heulen ihre Raubzüge begleitet, tönt von ferne aus der Tiefe des Waldes. Fahles
Leuchten, das über den unbestimmten Umrissen einer fernen Bergkette aufsteigt,
kündet uns die Nähe des Mondes, dessen blasses und würdevolles Gesicht sich
langsam über der Silhouette des Gebirges erhebt.
Leise fließt sein silbernes Licht über die
geheimnisvolle Landschaft und lange, mächtige Schatten der Wälder und des
Gesteins schleichen am Erdboden und an den Hängen der Berge hinab. Nun vermag
ich die Umrisse des Geröllhügels, der zu meinen Füßen liegt, deutlich zu
erkennen. In Gedanken weile ich im gemütlichen Camp und wünsche mir sehnlichst
mein Mückennetz herbei, denn die Moskitos, die aus den dunkeln Gestrüppen
aufsteigen, machen das ruhige Ausharren zur Pein.
Da - was ist das - sind es nicht mehrere
unförmige Schatten, die sich lautlos bergan in schräger Richtung auf mich zu
bewegen! - Langsam ziehen sie den Hang empor. Mit der
angespannten Kraft meiner Augen, die gespannte Büchse krampfhaft umfassend,
folge ich ihren schwerfälligen Bewegungen. Oft sind sie spurlos hinter dem
Geröll der Steinhalden verschwunden. Grunzendes Geräusch und starkes Schnauben
dringt zu mir herauf. Bären würden sich zweifellos geräuschloser nähern. Man
sagt, sie gleichen unsichtbaren Wesen, die unhörbar und plötzlich erscheinen und
ebenso rasch, wie sie gekommen, auch wieder verschwunden sind. Nun entdecke ich
durch das Glas die langen wühlenden und typischen Köpfe von Schwarzwild. Es sind
drei Wildschweine, die den Berg der Bären unsicher machen. Die Lage beginnt
kritisch zu werden. Ruhig lasse ich die Tiere näher kommen. Jetzt sind sie auf
etwa dreißig Schritte von mir entfernt, und deutlich höre ich das schmatzende
und grunzende Geräusch, das die Tiere bei ihrer Wühlarbeit unter Wurzeln und
Steinen hören lassen. Ein kräftiger Keiler und zwei Bracken, deren dunkle Körper
sich jetzt deutlich gegen den hellen Boden abheben. Es zuckt mir in den Fingern,
denn der Alte ist ein kapitales Stück. Mit dem
Fuß bringe ich einen Stein meiner Deckung ins Rollen, der kollernd bergab fährt.
Unter dem Schrecken des männlichen Tieres beginnt die Jagd in langen Fluchten
nach der Dschungeldickung und weg war der Spuk, der mir wie ein kurzer,
lebendiger Traum erschien.
Wieder ist alles still. Nur das Zirpen der
Grillen und das hohle klopfende Geräusch eines Pfefferbeißers, der in den Kronen
der Urwaldbäume ein eintöniges Konzert gibt, dringt an mein Ohr. Auch drüben bei
den Shikaris rührt sich nichts. Die kühle Atmosphäre liegt wie leblos über der
Erde. Kein Lüftchen regt sich. Seit zwei Stunden sitze ich auf ein und derselben
Stelle und wäre nicht der magische Zauber der tropischen Nacht um mich her, ich
hätte die Zeit als eine Ewigkeit empfunden.
Plötzlich hallt von der anderen Seite des
Berges das schrille kurze Pfeifen, ähnlich dem Schrecken des Muntjacks. Es ist
Matha, der mir damit unauffällig ein "Aufpassen" zuruft. Doch er ist weit von
mir entfernt, und ich kann nichts entdecken. Es ist kein Zweifel, der Bär muss
in der Nähe sein. Da schiebt sich ein dunkler Körper blitzartig heran. Es ist
Matha, der wie eine niedergeduckte Katze über die Erde schleicht. Mit erregter
Geste und seinem geringen englischen Wortschatz gibt er mir zu verstehen, dass
er am westlichen Hang, in geringer Entfernung, einen Bären gesichtet habe. In
weitem Bogen pirschen wir, auf Händen und Füßen kriechend, nach der etwa 120
Schritt entfernten Stelle, wo Matha den Bären auftauchen sah. Matha hat recht, denn dort unten
schwankt ein schattenhaftes, dunkles Gebilde hinter dem phosphoreszierenden
Wurzelwerk eines gestürzten Stammes. Es ist der Bär, auf den wir voll Spannung
warten. Ein scharrendes Geräusch begleitet die Bewegung seiner Tatzen, welche
die Baumleiche bearbeiten. Jetzt sehe ich durch das Glas deutlich den Kopf mit
der spitzen Feinschmeckerschnauze, die nach eifrigem Wühlen häufig in der
dunkeln Höhle der Wurzeln untertaucht. Dort scheinen Leckerbissen, wie Honig
oder süße, frische Ameiseneier verborgen zu sein. Blass liegt das matte Licht
des Mondes auf dieser Szene, die mich zur längeren Beobachtung reizt.
Auf dem Bauch kriechend, suche ich mich näher an das Tier heranzuschleichen. Aus den Büschen, die zu meiner Rechten liegen, klingt das
warnende Glucksen einer Dschungelhenne. Der Bär wird stutzig. Unwillig brummend
erhebt er sich und erscheint mir jetzt, auf seinen Hinterläufen stehend, mit den
ausgestreckten Tatzen, im Lichte des Mondes einen mächtigen Schatten hinter sich
werfend, von riesenhafter Größe. Wohl wittert er die Gefahr, denn er lässt
seinen Kosttisch im Stich und wendet sich aufrecht stehend zum Angriff. Ich
lasse ihm nun keine Zeit, schnelle empor und in kurzen Sätzen verringere ich den
Abstand auf acht Schritte. Ein heftiges Brummen und Schneuzen ist seine Antwort.
Ich halte auf die linke Brustseite unterhalb des weißen Halskragens und feuere.
Der Bär bricht im Feuer zusammen und wälzt sich den Hang hinab. Tief unten wird
der Fall von einer Steinhalde aufgefangen. Doch da erhebt sich das Tier
plötzlich wieder auf die Hinterläufe und lässt ein kläglich schmerzliches
Gebrüll ertönen. Doch seine Kraft, mit der er verzweifelt einen zweiten Angriff
wagt, ist gebrochen und unter Klagen stürzt und verendet er.
Zur selben Zeit hallt drüben am Berg ein
dumpfer Knall von der Büchse meines Jagdgefährten. Auch ihm ist das Jagdglück zu
Hilfe gekommen. Ein riesenhafter, ausgewachsener alter Bär, der durch meinen
Büchsenschuss vergrämt auf der Rückseite des Berges zum Dschungel hinabflüchten
wollte, ist ihm unmittelbar vor die Mündung seiner Mauser gelaufen. Meine
Trophäe war mittelmäßig, eine junge Bärin von etwa 90 kg, während die Beute
meines Gefährten nahezu das doppelte Gewicht aufzuweisen hatte. Die
Morgendämmerung war nicht mehr fern. Kühle der Nacht liegt über den stillen
Bergen, und wir wärmen unsere klammen Glieder an einem prasselnden Feuer,
während der Führer zur Plantage hinübereilt, um einige Kulis zum Transport der
Beute zu besorgen. Noch während wir mit der schweren Last heimwärts ziehen,
bricht das wärmende Licht des jungen Tages herein und begleitet uns auf unserem
Marsch zu den Zelten.
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