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Reiseinbericht: Ein Wochenende in Shanghai

 

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Unweit unseres auf Kühlschranktemperatur heruntergekühlten Edelhotels liegt die Wuiang Road, eine kleine Fressgasse. Es ist kurz nach neun, die Straßen sind voll und nur mit Mühe ist ein freier Tisch zu ergattern. Sofort scharen sich freundlich lächelnde Bedienungen um uns, wischen den Tisch und die Stühle von den Tropfen des letzten Fünf-Minuten-Regens frei und präsentieren uns die Karte und kichern — mit gesenktem Kopf, denn der Gast darf ihre Zähne nicht sehen. Die Karte besteht durchweg aus chinesischen Schriftzeichen und wir können nur nach Preisen sortieren. Dann beginnt eine amüsante Konversation. In vier Sprachen bestellen wir Huhn, Suppe und Reis. Wir versuchen schließlich, mit Hühnergackern und Schweinegrunzen unsere Wunschgerichte klar zu machen. Mittlerweile bleiben die ersten Passanten stehen und nur das Zischen der Schlange wird auch als solches erkannt, aber wir verwerfen den Gedanken an gegrillte Kriechtiere. Auf den Bestellblock zeichnen wir Hühner, die in den Suppentopf hüpfen, kritzeln Dutzende Reiskörner auf das Blatt. Vergebens. Wir deuten schließlich auf irgendein Gericht, hinter dem die Zahl 18 steht. Die Suppe mit der ganzen Ente darin schmeckt vorzüglich. Mit dem Berg superscharfer Peperoni dagegen, in denen sich ein paar gehackte Hühnerbeine verstecken, haben wir so unsere Probleme.

Der Shanghaier an sich und als solcher ist kontaktfreudig. Schon bald drängt sich eine Familie um unseren Tisch. Mutter, Vater und die Kinder bestellen munter drauflos und lassen uns schließlich von allem probieren. Der Sohn spricht ein paar Worte Englisch und wir zwingen ihn, uns alle Gerichte aufzuschreiben. Jetzt haben wir eine persönliche Speisekarte.

Am nächsten Morgen um 6 Uhr bereits brechen wir auf zum so genannten Bund, auf Chinesisch Wàitān, eine 1,5 Kilometer lange Uferpromenade in der chinesischen 18 Millionen Einwohner zählenden Stadt. Eine Reise nach Shanghai ohne Gang über den "Bund" ist unvollständig. Die historische Flaniermeile liegt direkt am Huangpu-Fluss und hat sich ihren kolonialen Charme bewahrt. Hier befinden sich weitere historisch bedeutsame Gebäude, wie das ehemaliges Britisches Konsulat, die Bank of China, das Peace Hotel, das ehemaliges HSBC-Gebäude und die Wetterstation. Fast alle Banken und Versicherungen haben dort in der ersten Reihe repräsentative Sitze. Die Geschäfte werden in den gewaltigen Bürotürmen dahinter abgewickelt. Auf dem Bund ist die Hölle los. Tausende Menschen drängen sich in Gruppen aus der breiten Uferpromenade, machen seltsame Verrenkungen und ein paar gehen rückwärts durch die Menge. Vor jeder Gruppe steht ein alter, Kassettenrecorder, auf dem volkstümlich Musik scheppert. Die meist weiß gekleideten Frühsportler folgen den Bewegungen einer Vorturnerin. Schneller, höher, weiter ist in Shanhai Programm. Die Menschen haben sich angepasst und scheinen das Diktat der stetigen Veränderung verinnerlicht zu haben. Komplette neue Stadtviertel entstehen aus dem Nichts, alte verschwinden binnen Wochen. Die Stadt wächst und wächst, ändert ständig ihr Gesicht.

Dicht gedrängt schieben sich die Menschen über den Bund und sind in dem ganzen Getümmel doch erstaunlich gelassen. Shanghaier sind völlig unempfindlich, was körperliche Nähe angeht. Jeder Höflichkeitsabstand an Schaltern oder Kassen wird gerade zum Drängeln ausgenutzt. Auf fast allen öffentlichen Plätzen läuft laute Musik. Kaufhaus-Animations-Evergreens von James Last dröhnen aus Büschen, von Bäumen und aus Kanaldeckeln. Wenn man auf dem Bund durch eines der aufgestellten Fernrohre nach Pudong schaut, ertönt mit dem Einwurf des Geldes zur Abwechslung „Happy Birthday”.

Samstags gehen die Kinder in den Children Palace in ihrem Bezirk. Ballett, Klavier, Akkordeon oder das Erlernen des traditionellen Saiteninstruments Pipa stehen dort für die Kinder auf dem Programm. Viele Eltern sind mit dabei, einige Väter schlafen in den kleinen Klassenzimmern. Für die fünfjährigen Ballettmädchen sind wir eine Attraktion. Es wird aufgeregt gekichert und dann werden sehr ernst die einzelnen Positionen geübt. Die Musik kommt von einem englischen Lern-Video. Die einst obligatorische Pianistin ist überflüssig. Eine alte, zahnlose Frau bedient die Plav-Taste.

Vor den grauen Häusern im britischen Kolonialstil stehen Briefkästen, in denen jeden Morgen auch die frischen Milchflaschen landen. Die Menschen sitzen auf Plastikstühlen am Straßenrand und warten, dass der Tag vergeht.


 

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