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Reiseinbericht: Shanghai

 

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Der Begriff Schanghaien entstand in den 20er Jahren als Ausdruck für das traurige Schicksal von so manchem Bordellbesucher. Betrunken und völlig willenlos wurden die Männer nach den körperlichen Vergnügungen auf auslaufende Schiffe verschleppt. Wenn sie am folgenden Morgen erwachten, waren sie auf hoher See — zwangsangeheuert als billige Arbeitskräfte.

Heute werden Besucher der Stadt wieder zu Opfern — entführt vom Rhythmus der Stadt. Der ist so schnell geworden in den vergangenen Jahren, die Frequenz der Veränderung so hoch, dass Shanghai nie zur Ruhe kommt. Wir haben Mühe mit den vielen Menschen und dem Verkehrschaos. In Shanghai sollte man beim Überqueren einer Straße stets in fünf Richtungen schauen. Und vor allem auf Taxis achten, die weichen nie aus. Die fünfte Blickrichtung ist die nach oben, denn man weiß nie, ob eine alte Stromleitung oder der Inhalt eines Wassereimers auf einen niederprasselt.

Bis 1842 war Shanghai ein verschlafenes Fischerdorf. Dann kamen die Briten, tauschten Seide und Porzellan gegen indisches Opium und verhalfen der Stadt zu ihrem legendären Ruf als "Paris des Ostens" und "Hure des Orients". Hier ließ Josef von Sternberg sich zu seinem Film "Shanghai Express" mit Marlene Dietrich inspirieren und im noch heute existierenden "Peace Hotel" gab sich die intellektuelle Elite die Klinke in die Hand. Für die Chinesen aber war das Leben weniger schillernd. "Whites in, Yellows out" war der Leitspruch. Die Europäer bauten eigene Viertel. Eines davon, French Concession, steht noch heute. Die Chinesen hausten vor den Toren.

1949 rief Mao Zedong die Volksrepublik China aus und Shanghai, die fünftgrößte Stadt der Erde, verschwand von der Weltkarte des Glamours. 1990 wurde beschlossen, dass Shanghai Chinas wirtschaftlichen Aufschwung anführen solle. Seither fließen Gewinne aus der Privatwirtschaft an Peking vorbei und wachsen in Shanghai buchstäblich in den Himmel.

Gegenüber vom Bund, auf der anderen Seite des Flusses Huangpu, liegt Pudong. Wo vor zehn Jahren Bauern lebten, stehen Wolkenkratzer wie das beeindruckende Kugelgebilde des Fernsehturms Oriental Pearl Tower und dahinter der höchste Gigant Chinas. Im Stil einer Pagode errichtet, ist der Jin Mao Tower mit 88 Stockwerken und 421 Meter Höhe das dritthöchste Gebäude der Welt. Die oberen 35 Stockwerke beherbergen das Luxushotel "Grand Hyatt Shanghai`, dessen Lobby allein höher als die meisten deutschen Hochhäuser ist.

Im Stadtentwicklungsmuseum am People Square gleich neben der Oper erstreckt sich ein Modell der Stadt auf fast 300 Quadratmetern. Von Brücken und schmalen Stegen aus können Besucher die Stadt aus der King-Kong-Perspektive erkunden. Schnell verzettelt man sich bei der Suche nach bekannten Gebäuden. Das Modell ist ein realistisches Abbild, denn die meisten Bauten sind noch im Entstehen – hinter grünem Tuch verhüllt. Die Augen kommen nie zur Ruhe. Auch nicht in der kurzen Zeit zwischen dem Verschwinden des Tageslichts und dem hektischen Zucken der Leuchtreklamen. Manchmal hat man das Gefühl, dass auch das eigene Herz in Shanghai schneller zu schlagen beginnt.

Das Zentrum bildet die Edelmeile Huaihai Road. Susan, Joe und Even, alle Anfang 20, flanieren die breite Straße entlang. Shanghai ist die Fashion-City, hier ist alles toll, die Entwicklung, die tägliche Veränderung.

Am Sonntag sind die Läden offen. Im Plaza 66 stehen sich unzählige Verkäuferinnen die hübsch beschuhten Füße platt. Alle sind dezent geschminkt, haben Model-Figuren und lächeln unentwegt. Ihre Anzahl übersteigt die der Kundinnen bei weitem, aber für die Luxuslabels ist in China neben Klasse finanziell auch Masse drin. Susan schlüpft in einen Escada-Rock, dreht sich vor dem Spiegel und zieht ihn gleich wieder aus. 300 Dollar für einen Rock, das ist ja fast mein Monatsverdienst, aber jetzt weiß ich, dass er mir steht, und man kann ihn woanders billiger kaufen. Will heißen, man sucht das passende Plagiat auf dem Fake-Market, wo Hobby-Shopping angesagt ist. Es gibt dieselben Marken wie in den Boutiquen zwei Straßen weiter, nur für einen Bruchteil des Geldes.

Kitschige Souvenirs wechseln sich ab mit Samsonite-Imitationen, chinesische Wickelröcke in quietschbunten Farben mit noch nie gesehenen Adidas-Modellen aus Chinas berüchtigten Fälscherfabriken. Träume zum Sonderpreis.

Bars und Restaurants reihen sich im Ausgehviertel Xintiandi aneinander. Trendsetter und solche, die sich dafür halten, besetzen die Tische. Jede der Bars würde gut in ein Designmagazin passen. War das "T8" gestern noch in, ist es heute die "Dark-Bar". Die Preise sind astronomisch und das Personal reserviert. Ein aalglatter Manager führt uns an unseren Tisch und wir bestellen ein Bier – für umgerechnet acht Euro. Im "Park 97" teilen sich gleich drei Lokale ein Gebäude. Im "California" zuckt man zu der Musik von Madonna und koreanischen Boygroups, im "Baci" gibt es verkochte Spagetti und im "lndochine" herrscht der "Weniger-ist-viel-mehr-Stil" moderner Hochglanzmagazine. Die Stimmung dagegen ist ausgelassen. Man langweilt sich in Shanghai nicht auf hohem Niveau, wie in so mancher Münchner oder Hamburger Bar. Man amüsiert sich — und hat Freude daran. Die Kneipen öffnen und schließen manchmal innerhalb einer Woche, unzählige Szenenmagazine verkünden monatlich einen neuen Trend.

Eine der wenigen Ruheoasen Shanghais ist der Park des "Ruijin Hotel" in French Concession, dem alten französischen Viertel. Dort liegt das "Face", eine der angesagtesten Bars.

Manchmal fragt man sich, wie die alten Leute mit all dem Tubel klarkommen. Sie schaffen es und die penetrante Unruhe der Stadt scheint ihnen nichts auszumachen. Diesen Eindruck zumindest vermitteln ihre freundlichen Gesichter. Sie sind auch die Letzten, die noch in den wenigen alten Vierteln leben. Diese wirken für den Europäer zwar sehr idyllisch, doch für die Bewohner ist das Fehlen sanitärer Einrichtungen und Küchen weniger romantisch.


 

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