Reise- und Urlaubsartikel

Die Urwaldströme Venezuelas

 

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Das Amazonas-Territorium (mit der Hauptstadt Puerto Ayacucho) im Süden Venezuelas gilt als das größte zusammenhängende, noch intakte Urwaldgebiet der Erde: unberührt von gewalttätiger Rodung, unzerstört von industrieller Landnahme. Ausbeutbare Bodenschätze sind nicht bekannt. Anders als im Amazonasgebiet Brasiliens (Hauptstadt: Manaus) haben die venezolanischen Behörden jeglichen Eingriff in die Urwaldnatur untersagt. Die Region wurde zum militärischen Sperrgebiet mit strenger Kontrolle der Luft- und Wasserwege.

Eine Reise dorthin bedarf besonderer Vorkehrungen. Die Bürokratie ist gnadenlos — auch im menschenleeren Urwald. Ausnahmegenehmigungen sind einzuholen, Privatflugzeuge für Passagiere und Proviant müssen frühzeitig gechartert werden und sind, wenn sie abheben, hoffnungslos überladen. Nichts geht ohne Wohlwollen oder Willkür der Militärs. Und das sind in den trostlosen Außenposten des Amazonasgebiets nicht zuletzt auch strafversetzte Gesetzesbrecher.

Reisen dorthin führen tief hinein in ein wenig bekanntes Gebiet auf der touristischen Weltkarte. Durchführbar sind sie wohl nur mit dem Know-how eines Veranstalters, der das Vertrauen der Behörden genießt und über Personal, Transportmittel und Ortskenntnis verfügt.

Ausgangspunkt einer jeden venezolanischen Amazonasreise ist das Städtchen San Carlos de Rio Negro — zwei Flugstunden südlich von Puerto Ayacucho und weitere zwei von der Hauptstadt Caracas entfernt.

Als größter Amazonaszufluss bildet der Rio Negro die natürliche Grenze zu Kolumbien. Fährt man den Rio Negro hinauf, bewegt man sich auf teedunklen, schmeichelnd warmen Wassern zwischen endlosen grünen Wänden undurchdringlichen Dickichts, in das keine Sonne fällt, geschweige denn Wege hineinführen.

Reisen in diese Region verlangen Strapazierfähigkeit und Bereitschaft zu Komfortverzicht. Genächtigt wird in Hängematten unter Moskitonetzen und Regenplanen, über Sandbänken oder in Waldlichtungen. Einziges Fortbewegungsmittel sind behäbige Einbäume von 18 Meter Länge mit Außenbordmotor und Sitzplätzen für acht Passagiere sowie genügend Stauraum für Benzin und Lebensmittel. Für unwegsame Flusspassagen werden zudem leichtgewichtige Aluminiumboote mitgeführt.

Expeditionscharakter erhalten solche Flussfahrten, wenn man sich — wie es mancher Veranstalter tut — ernstlich bemüht, eine exklusive Gruppe von Abenteuer-Touristen in das Labyrinth der wasser- und fischreichen Urwaldströme in unmittelbarer Äquatornähe zu führen, dorthin, wo weder der Reiseveranstalter selbst noch Touristen oder andere Nicht-Indianer jemals gelangt sind: auf Flüssen, die auf gut indianisch 'Pasimoni' oder 'Manipitare' heißen und bis zu 500 Meter breit sind.

Eine der vielleicht schönsten Flusslandschaften Südamerikas säumt den Rio Siapa, ein abwegiges, abgelegenes Gewässer und der einzige Weg in das Gebiet der Yanomamis, der letzten der aus Brasilien vertriebenen Waldindianer, die noch unter dem Dach des Regenwaldes das Leben von Steinzeitmenschen führen. Gerade einmal 6000 mögen es heute im Quellgebiet des Rio Siapa an der venezolanisch-brasilianischen Grenze noch sein. Doch der Zeitpunkt scheint absehbar, wo auch diese Kultur mit eigenständigen religiösen und moralischen Werten ausgelöscht sein wird. Noch haben die Yanomamis Glück, dass keiner ihr Land will. Doch Goldvorkommen sind nicht auszuschließen. Die Zivilisation schreitet unaufhaltsam voran und lässt eine anthropologische Katastrophe greifbar werden. Dazu tragen die Touristen gottlob wenig bei, es sei denn, sie kämen mit dem Helikopter (wie es Sensationsjournalisten und Ethnologen gerne tun). Sich dem Quellgebiet des Siapa und damit den Yanomami-Dörfern auf dem Wasserwege zu nähern, ist ein äußerst schwieriges Unterfangen. Sind die ersten Stromschnellen noch mit erheblicher Schräglage des Aluminiumbootes zu meistern, so stürzt nach der nächsten Biegung ein mittelgroßer Wasserfall aus den Urwaldhöhen herab, wunderschön, unbezwingbar und sogleich gefolgt von einem weiteren ungleich reißenderen Katarakt. Jegliche Weiterfahrt hätte einen Gewaltakt, wenn nicht gar eine Sisyphusarbeit bedeutet: nämlich den Bootstransport bergauf über fauligem Dschungelboden, durchsetzt mit giftigen Ameisen.

Die Natur scheint sich noch mit anderen Mitteln gegen unliebsame Eindringlinge zu wehren: mit winzigen, kaum stecknadelkopfgroßen schwarzen Fliegen von blutsaugerischer Aggressivität. Sie schießen in jede Kleider- und Körperöffnung hinein, schlüpfen durch die feinsten Maschen der (nach bester Imkerart) gesichtsumhüllenden Mückennetze, hinterlassen juckende rote Punkte auf der Haut — und sind auf boshafte Weise resistent gegen alle handelsüblichen Insektenmittel.

Eine Fortsetzung der Flussfahrt unter diesen erschwerten Bedingungen hätte auch bedeutet, eine Landschaft von unendlicher Unberührtheit nur durch ein Gardinennetz gesiebt erleben zu können. Ein Preis, den kein Reisender zu zahlen bereit sein sollte. Die Uferrast am Rio Siapa lässt paradiesische Gefühle wachsen, wenn Kolibris flirrend in der Luft stehen, leuchtend bunte Schmetterlinge mit jedem Flügelschlag nie geahnte Farbenpracht entfalten und Süßwasserdelphine durch die Fluten springen. Auf den Wipfeln der Bäume scheinen Wiesen von Orchideen zu blühen.

Piranhas, gierig auf jeden Angelhaken und Köder (nicht auf Menschen), sind eine leicht fangbare Beute, gut genießbar und in geröstetem Zustand mindestens so wohlschmeckend wie Makrelen. Tafelberge begrenzen den Horizont und weisen das Ende dieser Reise auf. Gut so. Doch es lässt sich auch gemütlicher reisen zwischen Rio Negro und Amazonas. Zum Beispiel auf einem komfortablen Schilfdachboot mit Bordküche. Es trägt den Namen dessen, der diese Flusslandschaft erstmals im Dienste der Wissenschaft im Jahr 1800 erkundet hat: Alexander von Humboldt. 

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