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Nirgendwo ist das Schlangenproblem so akut wie in Brasilien.
Im den Wäldern des
Amazonasdschungel sind vor allem die Riesenschlangen heimisch, die Längen
von über acht Metern erreichen. Diese sind meist ungiftig. Es gibt natürlich Ausnahmen. Der
berüchtigten Cascavel, der Klapperschlange, weicht man besser aus.
Giftig sind aber in erster Linie die kleineren Schlangen,
namentlich die Klapperschlangen, Vipern, Kobras und die rot schimmernden Korallenottern. Wobei bemerkt
werden muss, dass Schlangen von Natur aus ängstlich sind und bei Gefahr Reißaus
nehmen. Sie greifen meist nur aus Notwehr an, wenn sie sich bedroht fühlen. Nun
kommt es aber im verfilzten Dickicht des Urwaldes leicht vor, dass man einer
Kobra auf den Kopf oder Schwanz tritt. Sie glaubt sich angegriffen und schnappt
zu. Das Gift vieler Schlangenarten wirkt in Minuten tödlich. In Brasilien ist
die Jararaca an den meisten Unfällen mit Giftschlangen beteiligt. Ihr Gift ruft
große Übelkeit hervor und kann zum Tod führen, wenn kein Serum zur Hand ist.
In früheren Zeiten fielen in Brasilien pro Jahr etwa 7000
Menschen dem Biss von Giftschlangen zum Opfer. Heute sind es rund 200. Das
verdankt das Tropenreich Dr. Vital Brasil, dem Gründer des Seruminstituts
Butantán in einem Außenbezirk von Säo Paulo. Das Institut ist ein etwas erhöht
liegendes weißes Gebäude, umgeben von einigen Nebenbauten und ausgedehnten
Gehegen, die eine Art Schlangen-Zoo darstellen. Dort kriechen Reptilien um ihre
bienenkorbähnlichen Häuser, oder sie verschlingen sich obenauf zu Knäueln;
manche hängen vom Geäst der Bäume herab. Täglich treffen in Butantán Kisten und
Körbe mit Schlangen ein, auch aus Afrika und Indien.
Im Schlangeninstitut von Butantán arbeiten nur ausgesuchte
Pfleger, die ein spezielles Sicherheitstraining absolvieren müssen, bevor sie
sich den Tieren nähern dürfen. Besucher des Instituto Butantán können
beobachten, wie die Wärter mit einem gegabelten Stock so eines der Reptilien
dicht hinterm Kopf auf die Erde klemmen, dann schneidig zupacken und ins Labor
bringen. Wer hier arbeitet, braucht gute Nerven, denn die Schlangen nützen jede
Unachtsamkeit, um zuzubeißen.
Ein Druck auf die Giftdrüse, die hinter dem Auge liegt,
bewirkt, dass einige Tropfen in eine Glasschale tröpfeln. Man nennt den Vorgang
„Melken”. Nun spritzt man das Gift Pferden ein, die die besten Antitoxine
(Gegengifte) bilden. Auf dem Umweg über Pferdeblut stellt man Seren her, die in
versiegelten Ampullen in alle Gegenden Brasiliens versandt werden. Butantán
besitzt darum neben den Schlangengehegen auch Pferdeställe.
Zur Bewältigung des Arbeitsprogramms sind ca. 900
Wissenschaftler und Laboranten angestellt, die rund 80 Prozent der in Brasilien
benötigten Impfstoffe und Antiseren herstellen und zudem in südamerikanische
Länder exportieren. Neben Giftschlangen „melken” sie auch die gleichfalls
giftigen Skorpione, doch diese durch Elektroschock. In der
virologisch-bakteriologischen Abteilung des Instituts entwickelt man außerdem
neue Heilmittel gegen Pocken, Fleckfieber, Malaria und allerlei
Infektionskrankheiten.
Die Forscher des Instituto Butantan sind z. Zt. damit
beschäftigt, den genetischen Code der Zellen zu erforschen, die das Gift der
Schlange erzeugen. Wenn dies gelingt, lassen sich einzelne Komponenten des
Giftes in ausreichend großen Mengen herstellen.
Niemand füttert die Schlangen im Instituto Butantán, niemand
wehrt ihnen, wenn sie sich wechselseitig zu verschlingen versuchen. Manchmal
gelingt es einer Viper, eine gleichgroße in ihrem Rachen verschwinden zu lassen.
Man hat im Institut keinen Mangel an Reptilien. Der Nachschub ist groß genug.
Und eine Schlange, zweimal im Abstand von 14 Tagen „gemolken”, geht ohnehin ein.
Unter den eingefangenen Schlangen finden sich erstaunlich viele Zwitter, die
sich selbst befruchten können. Vermutlich ist es eine Folge der Inzucht.
Zu dem Forschungszentrum gehört auch ein grüner Park mit
einem historischen Museum, das eine Rekonstruktion des ersten Laboratoriums aus
dem Jahr 1901, wo berühmte Wissenschaftler Vital Brasil seine wissenschaftlichen
Untersuchungen machte.
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