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Ein
gemeinsames Merkmal der tropischen Regenwälder ist der große Artenreichtum ihrer
Tier- und Pflanzenwelt. Sie beherbergen mehr als die Hälfte aller auf der Erde
vorkommenden Tier- und Pflanzenarten, obwohl sie nur knapp 7 Prozent der
Landfläche bedecken. Rund 50 Prozent aller Gefäßpflanzen wachsen dort. Fast ein
Drittel aller Vogelarten der Welt ist vom Regenwald als Lebensraum vollständig
abhängig, und vermutlich sind mehr als 90 Prozent aller Gliederfüßler wie
Spinnen, Krebse, Skorpione und Insekten in den Regenwäldern beheimatet. Die
angegebenen Prozentzahlen schwanken; denn bisher sind erst rund 1,5 Millionen
Tier- und Pflanzenarten wissenschaftlich erfasst. Auch nach vorsichtigen
Schätzungen bergen die Urwälder noch weitere 3 bis 10 Millionen Arten, die bis
heute unentdeckt sind.
In
den gemäßigten Klimazonen sind nur wenige Arten weit verbreitet. Jede Art jedoch
kommt in großer Zahl vor. Reh und Buchfink, Fichte und Eiche gehören dazu. Im
Gegensatz dazu finden sich im Regenwald auf engstem Raum zwar viele Arten, sie
werden jedoch nur durch wenige Vertreter repräsentiert. Tiere und Pflanzen sind
in ihrer Lebensweise an die extremen Bedingungen im Regenwald angepasst. Sie
bilden in hohem Maße aufeinander angewiesene, weit reichend miteinander
verflochtene Lebensgemeinschaften, die oft auf einen einzigen Standort
beschränkt sind. Solche Ökosysteme sind empfindlich und damit besonders
störanfällig. Selbst geringe Eingriffe oder Veränderungen können zum
Zusammenbruch des ökologischen Gleichgewichtes führen.
Schätzungen zufolge werden mit der unaufhaltsamen Zerstörung des Regenwaldes
schon heute Tag für Tag mehr als zwanzig Tier- und Pflanzenarten ausgerottet.
Viele Arten sterben, bevor man ihre Existenz bemerkt, geschweige denn erfasst
oder gar wissenschaftlich untersucht hat. Aber können wir es uns angesichts
dieser Fülle nicht leisten, auf ein paar, ja auch ein paar hunderttausend
Arten zu verzichten? Immer stärker setzt sich die Einsicht durch, dass die Natur einen Wert an sich
hat. Der Mensch ist ethisch verpflichtet, die natürliche Vielfalt zu bewahren.
Doch auch praktische Gründe sprechen dafür, den Regenwald in seiner ganzen
Vielfalt zu erhalten. Nach allem, was wir heute wissen, wird der Artenschwund
unabsehbare Folgen für das ökologische Gleichgewicht der Erde haben. Dabei geht
es nicht nur um den Verlust heute existierender Arten, sondern um eine Störung
der Evolution. Jede Art ist das Ergebnis eines langen Entwicklungs- und
Anpassungsprozesses, der auch heute noch nicht abgeschlossen ist. Mit der
Ausrottung einer Art gehen deshalb auch alle zukünftigen
Entwicklungsmöglichkeiten verloren, die von ihr hätten ausgehen können.
Vor
allem Naturschutzverbände propagieren, Schutzgebiete wie Naturreservate oder
Nationalparks zu schaffen, um den Regenwald zu erhalten. Doch schon bei der
Planung solcher Vorhaben zeigt sich auch die Unzulänglichkeit des Konzeptes. Die
wirkungsvollste Maßnahme wäre, den gesamten noch erhaltenen Regenwald unter
Schutz zu stellen. Da dies nicht durchsetzbar sein wird, stellt sich zuerst die
Frage, welche Teile des Regenwaldes geschützt werden müssten - etwa Bergland-
oder Tieflandregenwald oder andere Teilgebiete. Aber jede Entscheidung für ein
bestimmtes Gebiet führt zwangsläufig dazu, dass nur die dort lebenden Tier- und
Pflanzenarten geschützt werden und zugleich andere unwiederbringlich verloren
gehen. Sinnvoll erscheint es daher zunächst, dass die Wahl auf solche Gebiete
fällt, die sich durch besondere Artenvielfalt auszeichnen. Aber Artenvielfalt
ist nicht unbedingt immer ein ausschlaggebendes Kriterium für den Schutzwert
eines Areals. Auch einem vergleichsweise artenarmen Ökosystem kann ein
erheblicher Schutzwert beigemessen werden, weil dort ganz besondere, einmalige
Lebensgemeinschaften vorkommen. Unsere heimischen Hochmoore sind hierfür ein
Beispiel.
Wenn
ein Schutzgebiet seinen Zweck erfüllen soll, muss es den in ihm vorkommenden
Tieren und Pflanzen genügend Lebensraum und Nahrung bieten. Auch müssen von
jeder Art genügend Individuen vorhanden sein, damit ihr Fortbestand gesichert
ist. Nach dem, was wir bisher über den Regenwald wissen, kann dies nur durch
Reservate gewährleistet werden, die um ein Vielfaches größer sind als
europäische Naturschutzflächen. Doch die bisher nur lückenhafte Kenntnis der
ökologischen Zusammenhänge macht es fast unmöglich, hier richtige Entscheidungen
zu treffen. Und schließlich kann die Einrichtung von Naturreservaten und
Nationalparks auch dann, wenn alle Kenntnisse vorliegen, anders als unsere
europäischen Nationalparks, niemals die Artenvielfalt des Regenwaldes insgesamt
bewahren.
Auch
eine Reihe staatlicher, internationaler Initiativen propagieren Schutzkonzepte
für den Regenwald. Beispiele hierfür sind das "World Heritage Programm", das "MAB
(Man and Biosphere)Programm", die "International Convention on Biological
Diversity" auf der einen und der "Aktionsplan für die Tropenwirtschaft" sowie
das "ITTA" (International Tropical Timber Agreement) auf der anderen Seite. Das
Problem bei den meisten dieser Programme besteht jedoch in der absolut
unsicheren Finanzierung und zudem bei den beiden letztgenannten darin, dass hier
ökonomische Interessen, den Wald für zukünftige Nutzung zu erhalten, im
Vordergrund stehen, die letztlich wieder der Zerstörung Vorschub leisten.
Ein
weiterer Ansatz ist der "Schuldentausch" für Naturschutz (Debt for Nature Swap).
Diesem Konzept liegt die Idee zugrunde, dass Schuldentitel von Regenwaldländern
von Dritten, also etwa Naturschutzorganisationen, zu günstigen Bedingungen in
harter Währung aufgekauft werden. Das jeweilige Schuldnerland soll dann anstelle
der Rückzahlung der Verbindlichkeiten diese direkt in konkrete
Naturschutzmaßnahmen einfließen lassen. Auf diese Weise erhalten die
Gläubigerbanken wenigstens einen Teil ihres Kredits zurück, und die
Schuldnerländer können ihre Schulden in eigener Währung im eigenen Land in
Investitionen für den Naturschutz umwandeln. Allerdings bringt der
Schuldenerlass den Regenwaldländern keine zusätzlichen Geldbeträge, ohne die sie
nicht wirklich aktiv werden können. Zudem leidet das Konzept nicht zuletzt
unter der geringen Höhe der eingesetzten Beträge und dem geringen Interesse der
Banken. Schließlich gibt es auch politische Widerstände. Während überall längst
über den Schuldenerlass für die Länder der Dritten Welt diskutiert wird,
unterstreicht das "Dept for Nature"-Konzept zumindest indirekt die Forderung,
dass die Regenwaldländer ihre Schulden abzutragen haben.
Trotz aller Einschränkungen und trotz aller Mängel, die den bisherigen Konzepten
anhaften, ist die Einrichtung von Schutzgebieten ein wichtiges Instrumentarium,
um den fortschreitenden Artentod wenigstens teilweise rasch aufzuhalten. Ein
dauerhafter und vor allem umfassender Schutz des Regenwaldes wird aber nur
möglich sein, wenn die dort lebende Bevölkerung für die ökologischen Probleme in
ihrem Land sensibilisiert und in Schutzkonzepte einbezogen wird. Das setzt
voraus, dass auch die sozialen Probleme gelöst werden und eine solide
Lebensgrundlage für die Bevölkerung geschaffen wird.
Das
auf Dauer aussichtsreichste Konzept ist sicherlich die Förderung neuer Ansätze
der alternativen Nutzung und vor allem die Wiederbelebung der traditionellen
Formen der Nutzung des Regenwaldes, wie sie seit jeher von den indigenen
Regenwaldvölkern, von den Kautschuksammlern, den Waldbauern und
Siedlungsgemeinschaften praktiziert wurden. Im Vordergrund stehen hier
Sekundärprodukte, die ohne Beeinträchtigung des Ökosystems entnommen werden
können. Denn mit seinem ungeheuren Artenreichtum bildet der Regenwald eine
gigantische Ressource, die bisher noch nicht einmal ansatzweise ausgeschöpft
ist.
Bereits heute ist in einem von vier auf dem Markt befindlichen Medikamenten ein
Rohstoff enthalten, der seinen Ursprung im Regenwald hat. Doch erst jetzt
beginnen Mediziner und Pharmakologen in aller Welt, die pharmazeutischen
Wirkungen der verschiedenen Urwaldpflanzen, die schon seit Jahrhunderten von
den Eingeborenen genutzt werden, zu entdecken. Wenn die Pharmaindustrie auf das
Wissen und die Erfahrung der Schamanen zurückgreift, können die immensen
Gelder, die sonst für Arzneimittelentwicklung investiert werden, den Einwohnern
und dem Schutz des Regenwaldes zugute kommen. Gleichzeitig wird eine neue
Zerstörungswelle durch das weiträumige Absammeln von potentiellen Heilpflanzen
verhindert.
Nach einer Studie auf einem
getesteten Areal in Brasilien würden diese so genannten Forstnebenprodukte dort
Jahr für Jahr rund 6.330 Dollar einbringen. Das Holz des gleichen Areals brächte
dagegen nur einen Gesamtwert von 1.000 Dollar, bei selektiver Nutzung sogar
nur von 490 Dollar, und ein nachhaltig zerstörter ehemaliger Regenwald bliebe
zurück.
Als
wirkungsvolle Alternative zur Abholzung des Primärregenwaldes, die in jedem Fall
zu bleibenden Schäden führt, können auch bereits gerodete Flächen mit schnell
wachsenden, einheimischen Hölzern bepflanzt werden. Auf diese Weise bleiben
Arbeitsplätze erhalten, die sonst nach der Abholzung des Primärregenwaldes
verloren gehen. Damit eindeutig sichergestellt ist, dass das Holz aus einer
solchen ökologisch verträglichen Produktion stammt, muss es jedoch
fälschungssicher gekennzeichnet werden. Dies kann nur bei effektiver Kontrolle
vor Ort sichergestellt werden, die in jedem Fall zusammen mit den dort aktiven
unabhängigen Naturschutzgruppen erfolgen muss, damit diese Produkte den für den
Absatz erforderlichen Vertrauensbonus erhalten.
Auch
die wirtschaftliche Nutzung einer Tierart lässt sich mit dem Schutz des
Regenwaldes verbinden. In Panama ist der Grüne Leguan wegen seines schmackhaften
Fleisches ein beliebtes Nahrungsmittel. Früher wurde er stark bejagt und war
dadurch bereits in seinem Bestand bedroht, bis es gelang, die Tiere problemlos
in Gefangenschaft zu züchten. Die Einheimischen betreiben inzwischen "Iguana-Farming",
wobei sie wesentlich besser verdienen als mit Rinderzucht. Auf brandgerodetem
Boden konnten allenfalls drei Jahre magere Ernten eingebracht und auf einem
Hektar für ein paar Jahre mit Rinderzucht höchstens ein Dutzend Kilo Fleisch
pro Jahr erwirtschaftet werden. Auf der gleichen Landfläche im ungerodeten
Urwald können die gezüchteten Echsen weiden und wachsen, so dass pro Jahr bis zu
50 Kilo Fleisch produziert werden.
Schon diese wenigen Beispiele machen deutlich, dass es sinnvoll und notwendig
ist, alternative Nutzungsmöglichkeiten zu bewahren und neue zu erschließen. Die
Lösungen müssen auf die Eigenarten eines Regenwaldgebietes abgestimmt sein, um
sicherzustellen, dass Beeinträchtigungen des Ökosystems wirklich vermieden
werden. Die lang bewährte Erfahrung der indigenen und anderer
Bevölkerungsgruppen, die den Regenwald nutzen, ohne ihn zu zerstören, sollte
hier Vorbild sein. Indios und Kautschuksammler haben alte Feindschaften längst
aufgegeben und erkannt, dass sie ihre Traditionen und ihren Regenwald nur in
starker Koalition bewahren können. Wenigstens die Naturschutzorganisationen
sollten dieses Zeichen verstehen und ihren Verbündeten die Hand reichen.
Es
muss schnell gehandelt werden, wenn die noch vorhandenen tropischen Regenwälder
gerettet werden sollen. Die Regenwaldländer sind hier auf partnerschaftliche
Beratung und finanzielle Hilfe angewiesen. Es ist notwendig, dass vor allem die
Industriestaaten ihre materielle und ideelle Hilfe international koordinieren
und partnerschaftlich auf die Regenwaldländer zugehen. Gleichzeitig muss
verhindert werden, dass nationale und internationale Institutionen wie die
Gesellschaft für technische Zusammenarbeit (GTZ) oder die Weltbank weiterhin
den Regenwald zerstörende Großprojekte finanzieren.
Wer
den Tropenholzboykott unterstützt, hilft nicht nur, Bäume zu erhalten, sondern
zeigt, dass er von den Regierungen der Industrieländer Maßnahmen erwartet, die
den tropischen Regenwald wirklich retten können. Wer
die Tier- und Naturschutzverbände, die zusammen mit den Bewohnern des
Regenwaldes Schutzgebiete betreuen, finanziell unterstützt oder eine
Patenschaft übernimmt, macht schnelle Direktmaßnahmen möglich.
Wer sich schließlich vor Augen hält, dass unser Konsumverhalten die Zerstörung des
tropischen Regenwaldes vorantreibt, und seinen Lebensstil entsprechend ändert,
ist auf dem richtigen Weg.
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