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Langsam rollte ich durch den
Yellowstone Park und gab erst wieder Gas,
als die Wasserfälle hinter mir verschwunden waren. Ich wunderte mich: Die
Dämmerung schien an diesem Tag endlos zu dauern, es wollte nie ganz dunkel
werden. Ein Wolkenschleier hatte sich über den Himmel gelegt, den die
untergegangene Sonne immer noch rötete. Vielleicht wollte mich der Himmel dafür
trösten, dass ich nun in aller Eile dem Ostausgang des Yellowstone Park
zustreben musste, um noch irgendwo einen Platz zu finden, wo ich mein Haupt
hinlegen konnte. Und ständig regte sich in mir die Furcht, dass der erste Schnee
mir den Weg versperren würde. Fiel der Schnee bei Windstille, rieselte er mehr
oder weniger senkrecht herab, würde ich noch die ganze Nacht über und vielleicht
auch noch länger fahren können. Brach aber einer jener plötzlichen Schneestürme
herein, die ich nach bitteren Erfahrungen in früheren Jahren zu fürchten gelernt
hatte, konnte ich tagelang irgendwo festsitzen, ehe mich der Schneepflug aus der
lebensbedrohenden Falle befreite. Falls ein Schneepflug überhaupt jemals
auftauchen würde, denn dieser Teil der Straße durch den Yellowstone Park wurde,
so viel ich wusste, im Winter nicht offen gehalten.
Ach, zum Teufel mit all den
Bedenken! Wenn man nichts riskiert, erlebt man nichts. Und bekanntlich verlässt
der liebe Gott keinen braven Preußen, eine Devise, die ich mir von jeher, wenn
auch nur insgeheim, an den Rockaufschlag gesteckt habe.
Ich würde diesmal alle
Sehenswürdigkeiten des Yellowstone
Nationalpark versäumen. Der grandiose Canyon des Yellowstone River würde
etwa dreißig Kilometer nördlich von meiner Route liegen bleiben. Mir fiel ein,
dass einer der ersten Amerikaner, die den Yellowstone Canyon kennen lernten, der
Leutnant Gustavus C. Doane, schon 1870 geschrieben hatte: „Überwältigend ist der
Canyon, düster und schrecklich. Eine Wildnis, bevölkert mit fantastischen Ideen,
ein Reich der Schatten und des ewigen Aufruhrs.“ Gewiss, der Canyon des Colorado
ist weit länger und tiefer, aber der Canyon des Yellowstone ist mir stets
gewaltiger erschienen.
Und auch die Lower Falls des
Yellowstone River, die von einer Höhe von hundert Metern in den Canyon
hinabstürzen, das Geysir-Becken, die Kepler-Kaskaden und den Old Faithful würde
ich an diesem Abend nicht zu Gesicht bekommen. Old Faithful, der alte Treue,
heißt dieser Geysir deshalb, weil er mit großer Regelmäßigkeit etwa jede Stunde
einmal seinen blendenden Strahl zischenden, dampfenden Wassers fünfzig Meter
hoch in die Lüfte schleudert. In Wirklichkeit ist dieser berühmteste aller
Geysire jedoch gar nicht so 'treu’, wie man vermuten könnte, aber neun- bis
elfmal am Tag bestätigt er doch mit erstaunlicher Gewissenhaftigkeit seinen
weltbekannten Namen. Auch der Imperial würde mir diesmal entgehen, ebenso der
Great Fountain und in ihrer Nähe der Fountain Paint Pot. Um all das zu sehen,
hätte ich ins Tal des Firehole River hinüberfahren müssen. Dort steigen sommers
und winters die brodelnden Dämpfe aus dem Erdinneren auf.
Zu meiner Rechten, zwischen den
Bäumen, war unterdessen die blanke Fläche eines Sees aufgetaucht: der
Yellowstone Lake. Ich atmete auf, denn ich befand mich nun am West Thumb des
riesigen Sees, den ich fortan bis zu seinem Ostufer zu umfahren hatte. Vom Ufer
her wehten weißliche Schwaden über die Straße. Der See wollte mich offenbar ein
wenig für das entschädigen, was ich drüben im Westen, am Firehole, hätte
bewundern können: Die Erdlöcher mit dem brodelnden, kochenden Schlamm, die
regenbogenfarbenen Sinter-Terrassen, die schwefliggelben, grünen, blauen,
violetten, weißen, in allen Farbtönen schillernden Ablagerungen über den Bächen
und den dampfenden Flüssen.
Die Abzweigung zum Firehole
River huschte an mir vorbei, ohne dass ich ihr einen Blick schenkte. Ich war
froh, dass ich den Yellowstone-See erreicht hatte. Solange ich an seinem Ufer
entlangfuhr, gab es keine Steigungen und auch keine unübersichtlichen Kurven. Am
Westufer des Sees öffneten sich weite Ausblicke nach Osten. Immer noch war es
hell genug, die Ostbegrenzung des Yellowstone-Tals, die Absaroka-Kette mit dem
3395 Meter hohen Mount Schurz, klar zu erkennen. Wie aus violett getöntem Glas
geformt, stand sie am Horizont, jenseits des Sees.
Das Bild vor meinen Augen war
unsäglich friedvoll, schien aber zugleich ein Geheimnis zu verbergen, das mich
beklommen machte. Es war, als würde mir eine unsichtbare Macht Halt gebieten.
Ich hielt an, stieg aus und wanderte die wenigen Schritte zum Seeufer hinunter.
Ganz war der Abend immer noch nicht erstorben. Unter dem blassen Wolkenschleier
zögerte ein Rest rötlichen Lichts, umfing den See und die fernen Absarokas mit
einem letzten Leuchten. Das Schweigen ringsum war weltentief – das Schweigen und
die allumfassende, niemals ruhende Frage nach der Herkunft dieser Welt und des
Menschen, jenes winzigen Sandkorns im All. Grenzenlose Einsamkeit und Wildnis
umgaben mich – was wollte ich mehr! |