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Wer
vier oder, wenn's hochkommt, sechs Wochen Zeit erübrigen kann und das Geld parat hat,
eine nicht ganz billige Reise in den Nordwesten
der USA zu unternehmen, der will sich kaum mit den gesellschaftlichen Problemen Amerikas
beschäftigen, sondern er will vor allem Leib und Seele beim Anblick der Berge,
Gletscher, Wälder, Seen, Ströme und Küsten erfrischen und so viel an Schönheit
und Gotteswundern in seinen Reisesack sammeln, dass er noch lange davon zehren
kann.
Warum hing ich traurigen Gedanken nach und wälzte Probleme, wenn ich die
Möglichkeit habe, die Unzulänglichkeit der Menschenwelt für ein paar Stunden
oder Tage zu vergessen und sich an der Großartigkeit der Schöpfung zu
berauschen, die ein Glück vermittelt, das niemals schal wird.
Warum sollte
ich nicht einmal auf die menschliche Kulisse in diesem mit einmaliger Schönheit
gesegneten Großen Nordwesen verzichten und so tun, als käme es einzig und allein
auf die unvergleichlichen Meisterwerke an, die die Natur hier hervorgebracht
hat.
Ich rechnete nach: Ja, ich hatte noch beinahe zwei Monate Zeit, ehe der
herannahende Winter mir die Rückfahrt in den amerikanischen Osten unmöglich
machen oder zumindest sehr erschweren würde. Und diese Wochen würden reichen,
alle Wunder des Nordwestens einmal hintereinander abzufahren und sich an
ihnen satt zu sehen; den Glacier National Park, die North Cascades mit dem
zauberhaften Lake Chelan, die Olympic Peninsula mit ihren Regenwäldern und dem
nur selten aus dem Wolkengetürm herausragenden Mount Olympus, den strahlenden
Mount Rainier, die Felsenküsten und Vorgebirge, die den Staat Oregon gegen den
Pazifischen Ozean abgrenzen, den Crater Lake, diesen Bergsee, dessen Bläue so
tief und intensiv ist wie sonst nirgendwo auf der Welt, dann weiter im Osten die
duftende Salbeiwüste mit ihren Buttes, den mächtigen Bergstufen, einer
Riesentreppe, die nirgendwohin führt, nur wenigen bekannt, in keinem Reiseführer
hervorgehoben und doch eines der schönsten Naturerlebnisse, das der Reisende
haben kann.
Steens Mountain — ich bin auf ihn hinaufgefahren, einen der
höchsten Punkte in den Vereinigten Staaten, den man mit dem Auto erreichen kann,
aber man frage mich nicht, wie. Ein einziges Mal nur habe ich es geschafft, beim
zweiten Mal bin ich beinahe im Schlamm stecken geblieben und beim dritten Mal im
Schnee.
Schließlich der Malheur Lake (er heißt wirklich so!), in dem ein
Wüstenfluss versickert, der, ob man es nun glaubt oder nicht, den Namen "Donner-
und – Blitzen – Fluss" trägt. Fährt man vom Malheur Lake nach Osten über die
Ebenen am mittleren Snake, vorbei an den Wasserfällen von Idaho Falls, tauchen
in der Ferne die Zacken der Grand Tetons auf, der wohl gewaltigsten Berge, die
Amerika zu bieten hat.
Weiter im Norden schließt sich an die Grand Tetons der
Yellowstone Park an. Die Wasserscheide zwischen Atlantik und Pazifik geht mitten
durch ihn hindurch. Welch eine Fülle von Wundern allein am oberen
Yellowstone!
Wahrlich, all das, was ich hier aufgezählt habe — und ich
könnte noch weit mehr aufzählen! —, rechtfertigt allein schon eine Reise in den
amerikanischen Nordwesten. Natürlich gibt es auch hier eine wahre
Musterkollektion all der Probleme und Schwierigkeiten, die sich heute in der
amerikanischen Gesellschaft und Wirtschaft auftürmen. Es wäre ein leichtes, vom
Nordwesten her die ganze Problematik der amerikanischen Existenz aufzurollen. |