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Am frühen Morgen vertraute ich mich der Staatsstraße 20 an,
die mich den Pend-Oreille-Fluss aufwärts nach Norden und dann über die Berge
hinüber ins Columbia-Tal führte. Hinter den Kettle Falls, die einst für die
Ewigkeit zu rauschen schienen, nun aber vom Menschen vernichtet worden sind,
überquerte ich den Columbia, das heißt genauer, den Stausee des
Grand-Coulee-Damms, der mehr als zweihundert Kilometer stromab den Columbia
verbaut. Der Bau des Damms geht auf eine Entscheidung Franklin Delano Roosevelts
zurück. Am 3. September 1933 wurde mit dem Bau begonnen, am 22. März 1941 floss
zum ersten Mal Starkstrom durch die Leitungen, wenn auch zunächst nur in
begrenztem Umfang. Erst im Oktober 1941 nahm der erste der
8000-Kilowatt-Generatoren die Lieferung von elektrischer Energie an die Städte
und Siedlungen des Nordwestens auf. Heute erzeugen hier 33 Generatoren jährlich
21.000 GWh Strom.
Nirgendwo unter der Sonne ist soviel Beton übereinander
geschichtet worden wie am Grand-Coulee-Damm. An der größten Staumauer in
Nordamerika wurden über 9 Millionen Kubikmeter Beton verbaut. Man kann acht
Pyramiden von der Größe der Cheops-Pyramide am Damm nebeneinander stellen, und
es bliebe noch Raum übrig. Und keine der Pyramiden, wenn man vom Fuß des Dammes
an rechnet, würde mit ihrer Spitze über die Dammkrone hinausreichen.
Durchschnittlich fallen hier 3100 Kubikmeter Wasser pro Sekunde 116 Meter in die
Tiefe. Die Staumauer ist fast 1,6 km lang und mit 168 Metern knapp dreimal höher
als die Niagarafälle.
Als ich den Grand-Coulee-Damm zum ersten Mal sah — man hat
eigens auf einem Berg eine Aussichtsplattform angelegt, von der aus das ganze
Dammwerk zu überschauen ist —, war ich enttäuscht! Die von den Touristenbüros
propagierten Superlative beflügeln die Fantasie so ungemein, dass die
Wirklichkeit, steht man ihr erst von Angesicht zu Angesicht gegenüber, dagegen
abfallen muss. Das riesige Bauwerk kommt dem Betrachter enttäuschend klein vor.
Man muss sich erst die eindrucksvollen Zahlen ins Gedächtnis zurückrufen, um zu
begreifen, dass man hier tatsächlich vor einem Wunder aus Menschenhand steht.
Als ein viel größeres Wunder als der Damm erscheint mir ein
anderes: es ist ebenfalls von Menschenhand gemacht und mit dem Grand Coulee
verknüpft. Das Wort Coulee bedeutet Schlucht oder Felsental, und in der Tat:
Südlich des heutigen Grand-Coulee und der kleinen hübschen Stadt Grand Coulee
öffnet sich etwa vierzig Kilometer lang eine grandiose Felsenschlucht. Sie endet
in einer fünf Kilometer breiten Felsenstufe, den berühmten Dry Falls. Dry Falls
heißt „Trockene Fälle“, das ist eine durchaus zutreffende Bezeichnung. Geologen
nehmen an, dass gegen Ende der letzten Eiszeit der Columbia nicht in seinem
heutigen Bett, das unterhalb des Grand-Coulee-Dammes nach Norden abbiegt und
eine Schleife nach Westen beschreibt, geflossen ist, sondern sich in der Gegend
des Dammes nach Süden gewandt hat, durch die gewaltige Schlucht, die
Grand-Coulee. Das alte Strombett wird heute durch verschiedene Seen, den Banks,
Park, Blue, Soap und Moses Lake markiert. In der scharfen Kurve nach Süden, vor
dem Banks Lake, wurde es schließlich, so vermutet man, durch eine
Treibeisbarriere verstopft. Das nachdringende Wasser vermochte diese Barriere
nicht zu durchbrechen, sondern schuf sich mit ungeheurer Gewalt in nördlicher
Richtung einen neuen Ausgang. So entstand der heutige Stromverlauf.
Als das Eis allmählich im Lauf der Jahrtausende schmolz,
hatte sich der Columbia sein neues Bett bereits so tief gegraben, dass das alte
durch die Grand-Coulee austrocknete. Einst hatte er sich über die Dry Falls
gestürzt, die auch heute noch, obgleich kein Wasser mehr über sie strömt, das
ehrfürchtige Staunen des Reisenden hervorrufen.
Die Ingenieure jedoch, die den Grand-Coulee-Damm erbauten,
erkannten früh, dass ihnen die alte Felsenschlucht eine einmalige Möglichkeit
bot, das Hochwasser des Stroms, das der Roosevelt-Stausee nicht aufnehmen kann,
zu speichern. Sechs der größten Pumpen der Welt leiten das Wasser in das alte
Columbia-Bett, wo es zur Zeit der Schneeschmelze zwischen senkrechten
Basaltwänden über unzählige Wasserfälle in die Tiefe stürzt und den Banks Lake
bildet. Aus diesem künstlichen See fließt das Wasser dann über ein weit
verzweigtes Netz von Kanälen nach Süden in die Wüste, wo es nun auf Hunderten
von Quadratkilometern ein Paradies der Fruchtbarkeit aus dem Wüstensand
hervorgezaubert hat. Und nicht nur das! Eine ganze Seenlandschaft ist
entstanden: Die Sun Lakes bieten bis auf wenige Wintermonate vielen
Erholungssuchenden aus den großen Städten reine Luft, warme Sonne und glasklares
Wasser zum Baden, Schwimmen und Segeln.
Natürlich wird längst noch
nicht das ganze Columbia-Becken künstlich bewässert. Dazu ist es zu groß.
Wer also den Zauber der amerikanischen Wüste sucht – eines der größten
Wunder des Nordwestens –, der braucht in Washington, Oregon und im südlichen
Idaho nicht lange zu suchen.
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