Reise- und Urlaubsartikel

Geisterstadt Bodie

 

Startseite

Allgemein
Reiseplanung
Reiseberichte

Afrika

Amerika

Asien

Europa

Sonstige

 

Rechts ist frei, links auch - und das seit Jahren. Einziger Verkehrsteilnehmer in der Rushhour von Bodie ist ein Erdhörnchen, das über die Hauptstraße hüpft. Viel Mut beweist der Nager damit nicht. Die Gefahr, überfahren zu werden, ist in Bodie gleich null. Kein Auto weit und breit. Alle 65 Kneipen sind dicht. Und auf dem Immobiliensektor gibt es 100 Prozent Leerstand. Die Apokalypse ist da, sonst niemand mehr.

So sieht es also aus, wenn eine Finanzkrise richtig zuschlägt. Erst kam in Bodie der Goldrausch, dann der Kater. Ein bisschen wie jetzt an der Wall Street, nur rund 130 Jahre früher und 2778 Meilen weiter westlich in den Bergen der Sierra Nevada.

Der Boom beginnt, als 1859 der aus New York stammende William S. Bodey hier auf Gold stößt. Dem Pionier folgen eine ganze Industrie, Minenarbeiter, Gauner, Dirnen. 1879 leben in Bodie 10.000 Menschen. Damit ist sie die zweitgrößte Stadt Kaliforniens! Es gibt ein Chinatown, ein Rotlichtviertel, vier Zigarrenläden und alles andere, was echte Kerle in einer Großstadt brauchen. Bodie ist Wilder Westen: Pro Tag ein Mord und diverse Schnapsleichen.

Beim Bestatter in der  Main Street stehen heute noch ein paar Särge im Schaufenster,  die beim Räumungsverkauf wohl keinen Abnehmer gefunden haben.

Das Leben in Bodie ist hart. Die Arbeiter schuften zwölf Stunden am Tag in den Minen, sechs Tage die Woche. Samstags gehört Vati mir? Die IG Metall gab's damals wohl noch nicht. „Aus bis zu 180 Meter Tiefe fördern die Männer das Edelmetall an die Erdoberfläche - insgesamt Gold und Silber im Wert von umgerechnet 900 Millionen Dollar", erzählt einer der Ranger, die heute auf die Geisterstadt aufpassen.

1882 ist schon alles wieder vorbei. Die Einwohner packen ihre Sachen, nur 2000 bleiben zurück. Um 1890 sind es 500 Bewohner, gegen 1920 noch ganze 30. Im Zweiten Weltkrieg ist endgültig Schluss.

Seit 1962 ist Bodie ein Nationalpark und gilt als am besten erhaltene Goldgräber-Geisterstadt der USA. Ein Stadturlaub der besonderen Art! Rund 100 Gebäude sind erhalten. Viele Häuser sind noch eingerichtet und können besichtigt werden. In vielen sieht es aus, als seien die Bewohner gerade erst gegangen. Auf den Tischen steht noch das Geschirr vom letzten Kaffeekränzchen, an den Wänden hängen Reste der Blumentapete. Von den Betten sind nur noch die nackten Gestelle mit den Sprungfedern übrig. Eintreten ist in viele der windschiefen Holzhäuser erlaubt, mitnehmen darf man natürlich nichts. „Hier gehört jede Tasse zum Nationalpark", sagt der Ranger.

Zum Flanieren auf dem Bodie-Boulevard empfiehlt sich festes Schuhwerk statt polierter Pumps. Die Straßen sind staubig und uneben, an den Strommasten hängen Kabelreste. Das einzige Geräusch macht die rostige Windfahne, die oben auf dem Haus von Mister Cain im lauen Lüftchen quietscht. Irgendwie wartet man darauf, dass „Spiel mir das Lied vom Tod" ertönt und sich zwei Leute zum Duell treffen.

Aber nichts passiert. Na schön, dann zum Schaufensterbummel in die Main Street. Im Krämerladen sind die Regale prall gefüllt: Senf in Dosen mit Engelmotiven, Java-Kaffee, Männerpuder und Aspirin gegen die Kopfschmerzen vom vielen Schnaps. Auf dem Tresen steht eine alte Registrierkasse, an der Wand hängt ein Telefon, das genauso tot ist wie der Rest der Stadt. Wen sollte man auch anrufen?

Selbst Gott ist weitergezogen: Die 1882 errichtete methodistische Kirche ist verwaist. Auf ihren Bänken liegt daumendicker Staub. Und die örtliche Bank? Eine Ruine. Sie wurde 1916 von vier Männern ausgeraubt. Beute: 4000 Dollar in Bargeld und Schmuck. Ein staatliches Banken-Rettungspaket gab es offenbar noch nicht - damals, während der großen Finanzkrise von Bodie.

 

Nordamerika
Reiseartikel schreiben

Sitemap  |  Reisebericht schreiben  |  Impressum