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Ich döste eine Weile in zufriedener Sattheit vor mich hin.
Der Tag war sehr lang und strapaziös gewesen. Ich war auf Häuptling Josephs
Spuren schnurstracks von Süden nach Norden gefahren, hatte den
Yellowstone River
bei Big Timber, den Musselshell bei Harlowton und den Missouri nördlich von
Lewiston, in einer gottverlassenen Gegend, auf einer kostenlosen Fähre
überquert. Auf der Fahrt zu den Bärentatzen-Bergen war ich auf eine unglaublich
verschmierte Kies- und Lehmstraße geraten, die meinem Auto mit Schwällen
gelblich-grauer Schlammbrühe zu einem neuen Anstrich verhalf. Trotzdem hatte
mich mein nie ganz zu stillendes Verlangen, mit der jeweiligen Landschaft in
unmittelbaren Kontakt zu kommen, eindutzend Mal dazu verführt, den trockenen
Führersitz zu verlassen und durch die trübselige Gegend zu stolpern, weil irgend
etwas abseits der Straße meine Aufmerksamkeit erregt hatte. Dabei hatte ich mir
die Schuhe voll Wasser geschöpft, und die Hosen waren dreckig geworden. Kummer
wie dieser gehört zum Alltag einer jeden Reise.
Ich ging unter die Dusche. Welch ein Genuss, sich mit warmem
Wasser berieseln zu lassen. Ich blickte auf meine Füße hinunter, noch waren sie
schwarz, aber bald würden ihnen Seife und Wasser wieder zu Sauberkeit verhelfen.
Und plötzlich fiel mir ein: Blackfoot – Schwarzfuß! Es ist so, wie es sein muss.
Ich bin ja im Land der Blackfoot, der Schwarzfußindianer.
Hier, östlich der unwegsamsten Wälle des Felsengebirges,
haben die Amerikaner diesen einstmals kriegerischen und aufsässigen Stamm
angesiedelt. Die Blackfoot waren 1876 von amerikanischen Truppen unter Major
Eugene M. Baker schwer in Mitleidenschaft gezogen worden. Viel bösartiger aber
noch hatte eine Pockenepidemie unter ihnen aufgeräumt. Wie Howard L. Harrod in
seinem Buch Mission among the Blackfeet berichtet, verlor der Stamm Anfang der
siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts durch die von den Weißen eingeschleppte
Seuche und andere verheerende Krankheiten sowie durch zahlreiche Angriffe von
Siedlern, Goldsuchern, Abenteurern und auch des regulären Militärs mehr als die
Hälfte seiner Mitglieder. All diese Schicksalsschläge ließen, wie Harrod es
ausdrückt, das Stammesgefüge „hoffnungslos verrotten“.
Aber das ist nicht die ganze Geschichte. Gerade die
Blackfoot
hatten vor ihrem Untergang das gleiche Unheil, das ihnen später bereitet wurde,
mit erbarmungsloser Brutalität anderen Indianerstämmen zugefügt, die sich ihnen
in den Weg stellten. Weiter im Norden, im Kanadischen, hatten die Blackfoot von
den Pelzhändlern der Hudsons's Bay Company Waffen eingetauscht und diese gegen
die Flathead, die Kalispell, die Kutenai und andere Stämme eingesetzt. Sie
verlangten diesen Stämmen einen hohen Blutzoll ab und jagten sie aus ihren
ursprünglichen Stammesgründen in der westlichen Prärie über das Gebirge in eine
feindliche Fremde, warfen sich zum Herrn auf über das weite Land und über alles,
was sich darin regte — bis sie schließlich auf einen neuen Feind stießen, der
noch stärker war als sie: die amerikanischen Siedler.
Wenn also im Großen Nordwesten in der zweiten Hälfte des
vorigen Jahrhunderts die Weißen den Indianern weithin das Lebensrecht streitig
machten, so taten sie ihnen bei Licht betrachtet nichts anderes an, als was die
Indianer selbst in den Zeiten davor ohne jedes Bedenken anderen Indianern
zugefügt hatten. Fast schien es mir am Abend dieses mit Emotionen und Strapazen
allzu angefüllten Tages, als hätte ich mich über das Schicksal des Häuptlings
Joseph umsonst aufgeregt. Was ich da erlebt und bedachte hatte, war lediglich
die Bestätigung des alten Satzes: Homo homini lupus — der Mensch ist dem
Menschen ein Wolf! Der stärkere Wolf vertreibt den schwächeren. So ist es immer
gewesen, so ist es heute und so wird es auch bleiben. Die einzigen Leute unter
der Sonne, die jemals einen anderen Weg einschlugen, waren und sind die Jünger
des Mannes aus Nazareth.
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