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In der nordwestlichen Sahara, östlich der marokkanischen
Piste von Erfoud nach Merzouga, in schwer erreichbarer Gegend, erhebt sich ein
ausgedehntes, atollähnliches, tropisches Korallenriff fast 100 Meter über
sonnendurchglühter Steinwüste. Es ist ein fossiles, ein versteinertes
Korallenriff, das von seinen Baumeistern, Myriaden winziger, Kalk abscheidender
Korallenpolypen, vor ungefähr 400 Millionen Jahren unter der Wasserbedeckung
eines tropischen Meeres erbaut wurde.
Das Korallenriff gliedert sich in ein halbes Dutzend
einzelner 80 Meter hoher Riffkegel. Die Oberfläche der braunen Stein- und
Felswüste — inmitten der sich die hellgrauen Korallenriffkegel erheben — ist der
ebenfalls versteinerte, ehemals schlammige und sandige Grund des alten Meeres.
Das ist der Grund, weshalb die Steinwüste in diesem Teil der
Sahara mit den Überresten Aber-tausender versteinerter Meereslebewesen geradezu
übersät ist. Meerestieren, die einst den offenen Ozean in der Umgebung der
Korallenriffe bevölkerten. Durch diese Versteinerungen, besonders durch die
großen, spiralförmig aufgewundenen, verschiedenfarbigen Gehäuse der Goniatiten
und der lang gestreckten, geradlinigen Orthoceren, beides entfernte Vorfahren
der heutigen Tintenfische, die eingeschlossen in den Felsplatten der Steinwüste
von dem Sandstrahlgebläse des Wüstenwindes poliert sind, wird dieser Teil der
Wüste zu einer der schönsten Regionen der Sahara.
Die für den Laien sicherlich erstaunliche Tatsache, dass es
sich ausgerechnet bei einer Stein- und Felswüste innerhalb der trockensten
Region der Erde, der Sahara, um im Laufe langer erdgeschichtlicher Zeiträume zu
Gestein verfestigten Meeresboden handelt, ist keinesfalls eine Ausnahme. Mehr
als ein Drittel der riesigen Oberfläche der Sahara besteht aus
Meeresablagerungen, aus den verschiedensten Perioden der Erdgeschichte.
Die Erdkruste, die wir normalerweise als festen
unverrückbaren Untergrund aller unserer Tätigkeiten ansehen, ist in Wirklichkeit
in ständiger Bewegung. Die immer wieder in unregelmäßigen Abständen erfolgenden
Meldungen über Erdbebenkatastrophen erinnern uns ständig daran, dass wir eben
nur die Oberfläche einer dünnen, steinernen Haut bewohnen, die eine riesige,
glutflüssige Kugel bedeckt. Durch Kräfte, die ihren Ursprung in diesem
glutflüssigen Innern unseres Planeten haben, kam es im Verlauf der langen
Erdgeschichte immer wieder vor, dass die erkaltete Erdkruste in zahlreiche
Einzelschollen zerbrach. Während einige Teile der Kontinente dabei emporgehoben
und verfaltet wurden, sanken andere Bereiche zeitweilig ab und wurden dadurch
für viele Millionen Jahre vom Meer überflutet.
Riesige Gebiete der heutigen Sahararegion sind im Verlauf der
Erdgeschichte bis zu achtmal abgesunken und vom Meer bedeckt gewesen. Die
versteinerungsfähigen Teile der in den Meeren existierenden Lebewesen, Skelette,
Schalen und Panzer lagerten sich zusammen mit Sand- und Schuttmassen, die von
Winden und Flüssen von den Kontinenten abtransportiert wurden, auf dem
Meeresgrunde ab und bildeten im Laufe einer Meeresbedeckung mehrere hundert
Meter dicke Sedimentablagerungen.
Die gleichen Bewegungskräfte, die wiederholt zum Absinken
großer Teile Nordafrikas geführt hatten, bewirkten eines Tages auch ihr
allmähliches Wiederaufsteigen. Bei diesem Vorgang zerbrachen die inzwischen zu
Gestein verfestigten Meeressedimente, die sich Schicht für Schicht auf Flächen
von Zehntausenden von Quadratkilometern horizontal übereinander abgelagert
hatten, in zahlreiche riesige Sedimentblöcke, die außerdem durch die
Bewegungskräfte bei ihrer Heraushebung — vergleichbar arktischem Packeis —
verkippt und verschoben wurden. Das Meer wich langsam zurück. Aus Meeresboden
wurde Wüstenboden.
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